Informatik-Experte: Ältere bleiben von der Digitalisierung abgehängt

Informatik-Experte: Ältere bleiben von der Digitalisierung abgehängt

„Masterplan“ fordert Ausstattung von Pflegeeinrichtungen mit Tablet-PCs

Profitieren auch ältere Menschen von der Digitalisierung?

Internetzugang öffnet all denen ein Fenster zur Welt, die nicht (mehr) so mobil sind. Von Telemedizin etwa könnten vor allem ältere Menschen profitieren – sofern sie in der Lage sind, das Internet zu nutzen. Und dies ist keine Selbstverständlichkeit, beklagt der Informatik-Professor Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement Bremen (ifib), einem Forschungsinstitut der Universität Bremen: Eine von ihm in Zusammenarbeit mit der Stiftung Digitale Chancen durchgeführte Studie ergab, dass mehr als zehn Millionen der über 70-Jährigen noch nie online waren. Hinzu kommen bei den älteren Menschen mindestens zehn Millionen „gelegentliche Minimalnutzer“.

Für die jüngst als Buch erschienene Studie sorgten Kubicek und seine Mitautorin Barbara Lippa unter anderem dafür, dass sich rund 400 ältere Menschen über Seniorentreffs oder Begegnungsstätten für acht Wochen einen Tablet-Computer ausleihen und ein Begleitangebot nutzen konnten. Die Erwartungen der Nutzer waren groß, das Ergebnis ernüchternd: „Viele Seniorinnen und Senioren hatten erwartet, dass ihnen die Tablet-Nutzung Wege erspare und sie auch länger selbständig bleiben könnten“, sagt Barbara Lippa, die für die Stiftung Digitale Chancen tätig ist. „Aber weniger als 25 Prozent haben dann tatsächlich online eingekauft oder andere Transaktionen vorgenommen.“ Gerade „schwierigere“ Anwendungen würden mit zunehmendem Alter seltener genutzt, schließen die Studienautoren daraus.

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„Was nutzt es, wenn wir auf dem Gebiet von Telemedizin und E-Health fantastische Software und Assistenzsysteme entwickeln – und kein älterer Mensch ist dann in der Lage, sie zu bedienen und zu nutzen?“, fragt Kubicek. Lippa und er haben deshalb Vorschläge erarbeitet, mit denen die digitale Kompetenz älterer Menschen gefördert werden könnte. „Keine Kurse mit gemischten Gruppen, sondern lieber Coaching in kleinen homogenen Gruppen“, regen sie an. Neben praktischen Übungen, in denen es beispielsweise um Verbraucherschutz geht, sollte es vor allem regelmäßige Sprechstundenangebote geben, wo man auch nach einem Training noch Hilfe bekommen könne.

Die Stiftung Digitale Chancen hat darüber hinaus einen „Masterplan“ entwickelt, um der älteren Generation die Digitalisierung näherzubringen: Danach sollte die Bundesregierung 30.000 Seniorentreffs und 3.000 Seniorenheime mit jeweils zehn Tablet-Computern zur zeitlich befristeten Nutzung ausstatten. „Inklusive Training der Trainer schätzen wir die Kosten für eine solche bundesweite Aktion auf 50 Millionen Euro“, rechnet Kubicek vor. „Wenn Milliarden für die Digitalisierung der Schulen versprochen werden, dann sollte der Bundesregierung auch dieser Betrag für die zunehmende Zahl älterer Menschen wert sein.“

16.01.2018