Mensch, Maschine, Muße: Über Arbeit im digitalen Zeitalter

Ein Expertinnenbeitrag von Prof. Dr. Ruth Hagengruber, Universität Paderborn Digitale Technologien übernehmen immer mehr Aufgaben, für die sich die Menschen lange unentbehrlich hielten. Wir setzen alles daran, körperliche Arbeit los zu werden, um uns dann umso ausschließlicher jenen Tätigkeiten zu widmen, von denen die antiken Philosophinnen und Philosophen immer schon behauptet haben, sie seien dem Menschen angemessen: Das Leben in Denken und Muße.

Während der aristotelische Mann/Herr noch über eine stattliche Anzahl Diener verfügen musste, um so von körperlicher Arbeit frei zu werden, scheint dieses Privileg, dank der Maschinen, heute immer mehr Menschen offen zu stehen. Selbst Marx und die auf ihn folgenden Sozialisten forderten die Abschaffung oder Verringerung der Arbeit durch Technik, um den Menschen Freizeit und Zeit für Bildung zu geben. Hannah Arendt schreibt über die körperliche Arbeit im Verborgenen und setzt dieser die Vita activa (d.h. ein Leben, bei dem soziale Aktivität bzw. politisches Engagement im Vordergrund steht) im öffentlichen Raum entgegen.

Ruth Hagengruber ist Philosophie-Professorin an der Universität Paderborn. Dort gründete sie 2006 den Lehr- und Forschungsbereich „Economics, Technology and Gender“. Sie ist Ehrenmitglied der International Association for Computing
and Philosophy (I-ACAP) und Mitglied des Advisory Boards Technology in Society der TU München. 2015 erhielt sie den Wiener-Schmidt-Preis der Deutschen Gesellschaft für Kybernetik, Informations- und Systemtheorie.
Sie publizierte unter anderem in 2014 „Philosophy, Computing and Information Science“ und „Creative Algorithms and the Construction of Meaning“, 2017.

Die Entlastung durch die (intelligente) Maschine erfüllt also durchaus ein philosophisches und soziales Programm. Sie scheint den Weg zu ebnen in eine Zukunft, in der die genuin menschlichen Tätigkeiten, die ehedem als Luxus galten, zur Grundlage unserer Arbeit werden: Tätigkeiten des Geistes, der Fantasie, der Bildung, der Kreativität.

Maschinen werden Berufe überflüssig machen: Wenn ich mich in das selbstfahrende Cab setze, anstatt den Taxifahrer zu rufen, dann ist dies der Fall, und wenn die Post per Drohne kommt, ebenfalls. Das kreative Potential wird sich darauf richten, unter den gegebenen neuen technischen Umständen neue Tätigkeiten und Wirkungsbereiche zu kreieren, so, wie wir mit Facebook und Co. neue Kommunikationsformen geschaffen haben und mit Google neue Wissenswelten. Mit der Veränderung der Arbeitswelt wird auf die Bildungswissenschaften eine enorme Aufgabe zukommen.

Durch Philosophie und Soziologie haben wir in den letzten Jahrzehnten gelernt, anstatt uns als starre, isolierte Einheiten zu sehen, uns als Wesen einer vernetzten Welt zu erkennen. Wir können viele verschiedene Funktionen ausüben, sind in viele Welten eingebettet. Wir begreifen uns als Teil großer Datenmengen, aber auch als Erfinder ihrer Ordnungen. Wie leiden einerseits unter der Komplexität und begrüßen andererseits die hohe Identifizierung, die sie uns ermöglichen. Das hat Vor- und Nachteile. Hier ist Amazon, dort die medizinische Genetik.

Im Rahmen einer Veranstaltung der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Wann übernehmen die Maschinen“ habe ich vorgeschlagen, Basiskurse im Programmieren ab der dritten Schulklasse einzuführen. Die Vertrautheit mit dieser heute schon simplen Technik lehrt notwendige Fertigkeiten. Mit diesen digitalen Fertigkeiten müssen genauso die Bemühungen verstärkt werden, die kreativen Fähigkeiten der jungen Menschen in gleichem Maße zu entwickeln.

Genau jene Fertigkeiten, wie sie die Philosophie entwickelt, werden dann wichtig: wie sammeln wir überhaupt Daten? Facebook beispielsweise erstellt auf der Basis von zwei, drei oder vier Profilen ein Muster und überträgt dies von Einzelfällen auf weitere Fälle. Das ist – so würde Platon sagen – ganz schlechte Philosophie, weil Einzelfälle keine Abstraktion auf das Allgemeine erlauben. Das empirische Verfahren, wie es Facebook anwendet, ist philosophisch falsch und führt zu jenen Schlussfolgerungen, die wir Philosophinnen und Philosophen als Missbrauch ansehen.

Die Zukunft der Menschen wird von dem Umstand bestimmt werden, welchen Zweck wir den Maschinen geben. Es sind diese Herausforderungen, mit denen wir Gutes oder Schlechtes bewirken können. 
Um sie zu meistern, werden wir in bislang unvorhergesehener Weise in Bildung und Kreativität investieren müssen, um unsere Zukunft für den Menschen lebenswert zu gestalten. Dies wird die Zukunft der Arbeit sein und sie wird täglich wichtiger.


Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2019 - Künstliche Intelligenz.