Bioökonomie und globale sozial-ökologische Ungleichheiten in der Landwirtschaft - Wissenschaftsjahr 2020/21 - Bioökonomie

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28.10.2020

Bioökonomie und globale sozial-ökologische Ungleichheiten in der Landwirtschaft

Kurz & Knapp
  • Bioökonomie kann zu einer globalen Nachhaltigkeit beitragen, wenn Biomasse ökologisch und sozial verträglich produziert und gehandelt wird.
  • Der globalisierte Landwirtschaftssektor trägt nicht nur zum Klimawandel, sondern auch zu globalen sozial-ökologischen Ungleichheiten bei.
  • Um eine nachhaltige Bioökonomie auf den Weg zu bringen, ist die Einbindung aller Akteure, also eine partizipativ angelegte Debatte, notwendig.

Bioökonomie und globale sozial-ökologische Ungleichheiten in der Landwirtschaft

Ein Beitrag von Maria Backhouse, Institut für Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die globale Ungleichheitsforschung zeigt: Noch nie ging die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinander wie heute. Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über das gleiche Vermögen wie die übrigen 99 Prozent zusammen. Dieses historisch herausragende Missverhältnis schreibt sich fort in dem Verbrauch von natürlichen Ressourcen, der Verursachung klimaschädlicher Treibhausgase und der individuellen Gesundheitsgefährdungen durch Umweltverschmutzungen.

Wer arm ist, kann sich zudem weniger bei politischen Prozessen einbringen, die umweltpolitische Fragestellungen oder technische Vorgehensweisen definieren. Zugespitzt gesagt: Die am stärksten betroffenen Menschen werden am wenigsten gehört.

Mit Fokus auf diese sozial-ökologischen Ungleichheiten in der globalisierten Landwirtschaft arbeitet die BMBF-Nachwachsgruppe Bioinequalities die Zielkonflikte und Herausforderungen beim Aufbau der Bioökonomie heraus.

Köpfe des Wandels

Jun.-Prof. Dr. Maria Backhouse ist Soziologin. Sie promovierte am Lateinamerika-Institut der FU Berlin und leitet seit 2016 die BMBF-geförderte Nachwuchsgruppe Bioökonomie und soziale Ungleichheiten. Verflechtungen und Wechselbeziehungen im Bioenergie-Sektor aus transnationaler Perspektive (BioInequalities) am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Kein „Weiter so“ in der globalisierten Landwirtschaft

Die Bioökonomie hat einen gesellschaftlichen Transformationsprozess zu einer biobasierten, an natürlichen Stoffkreisläufen orientierten, nachhaltigen Wirtschaftsform zum Ziel. Eine Transformation der Landwirtschaft, die einen großen Teil der zusätzlich notwendigen Biomasse für die energetische, biochemische und industrielle Nutzung bereitstellen soll, ist dafür notwendig.

Heute ist der Agrarsektor nicht nur Teil der Lösung, sondern auch des Problems: Als Verursacher von 30 Prozent der Treibhausgase trägt er maßgeblich zum Klimawandel bei. Zudem verstärkt die agrarindustrielle Produktionsweise weltweit die sozial-ökologischen Ungleichheiten auf dem Land. Die Verdrängung von KleinbauerInnen führt im Globalen Süden zur Verarmung breiter Gesellschaftsschichten. Diese finden sich häufig auf Plantagen unter problematischen Arbeitsbedingungen wieder.

Sozial-ökologische Ungleichheiten spiegeln sich auch in den Nebenwirkungen der agrarindustriellen Landwirtschaft wider: Unter Pestizidverseuchungen oder Bodenübernutzungen leiden meist die Menschen vor Ort, die von den Einnahmen aus dem Soja- oder Palmölexport am wenigstens profitieren. Mit dem derzeit expandierenden landwirtschaftlichen Modell kann es keine nachhaltige Bioökonomie geben.

Für eine transformatorische Bioökonomie

Der Diskurs über Bioökonomie ist vielerorts bei den Betroffenen noch nicht angekommen. Selbst der Begriff ist bei Interviewpartnern in Deutschland, Argentinien, Brasilien oder Malaysia wenig bekannt. Das unterstreicht die Dringlichkeit einer breiten und ergebnisoffenen Grundsatzdebatte um die Ausrichtung der Bioökonomie.

Die Expertise von sozialen Bewegungen, die sich für eine gerechte Agrar- und Ernährungspolitik sowie für Klimagerechtigkeit einsetzen, ist unerlässlich. Auch die Erfahrungen zivilgesellschaftlicher Gruppen, die weltweit beispielsweise mit Bürgerenergie-Projekten oder ökologischem Landbau experimentieren, sind unverzichtbar. Nur unter Einbeziehung dieser Akteure können Ansatzpunkte für eine gerechte sozial-ökologische Transformation entwickelt werden.

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2020/21 – Bioökonomie.​