Kontroverse über gesellschaftliche Grundziele nötig - Wissenschaftsjahr 2020/21 - Bioökonomie

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09.10.2020

Kontroverse über gesellschaftliche Grundziele nötig

Kurz & Knapp
  • Es scheint, dass die Transformation zur Bioökonomie uns vor komplexe ethische Abwägungen stelle: auf die Chancen dieser Vision setzen oder angesichts ihrer Risiken Abstand davon nehmen? Auf diese Abwägung sollten wir uns nicht einlassen.
  • Vielmehr hängt die Antwort darauf, wie eine Transformation zur Bioökonomie gestaltet werden sollte, davon ab, welche gesellschaftlichen Grundziele realisiert werden sollten.
  • Diese Kontroverse sollten wir argumentativ austragen.

Kontroverse über gesellschaftliche Grundziele nötig

Ein Beitrag von Eugen Pissarskoi, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Universität Tübingen

Eine Transformation hin zu Bioökonomie birgt unbezweifelbar enorme Chancen. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass eine Wirtschaftsweise, die all das, was wir heute aus Kohle, Erdöl und -gas herstellen, aus Biomasse produziert, neue Knappheiten und damit gesellschaftliche Konflikte mit sich bringt. Insbesondere dürften landwirtschaftliche Flächen noch knapper werden. Für uns, Teile der interessierten Öffentlichkeit in demokratischen Gesellschaften, drängt sich die Frage auf, wie wir die Transformation zu Bioökonomie beurteilen sollen: Sollen wir sie trotz der nicht zu vernachlässigenden Risiken unterstützen oder ungeachtet der greifbaren Chancen ablehnen?

Technikentwicklung und Moralappelle nicht die Lösung

Eine Möglichkeit, diese dilemmatisch anmutende Frage nicht beantworten zu müssen, liegt darin, die Entstehung der Bioökonomien derart zu beeinflussen, dass die Chancen realisiert und die Risiken vermieden werden. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an technischen Innovationen, mit denen die befürchteten Nachteile der Bioökonomie vermieden werden. Andere forschen daran, moralische Forderungen zu begründen, denen Bioökonomien genügen sollten, und politisch-ökonomische Institutionen zu entwerfen, welche gewährleisten, dass sie es tun.

Ich bezweifele, dass diese beiden Wege, selbst wenn sie nicht gegeneinander ausgespielt, sondern kombiniert werden, zielführend sind. Der eine Weg ist zu technik-gläubig, der andere zu moralistisch. Ich stimme aber den beiden Positionen darin zu, dass wir uns nicht zwischen Chancen und Risiken zu entscheiden brauchen. Im Folgenden will ich einen pragmatistisch inspirierten Weg zur gesellschaftlichen Diskussion über die Bioökonomie-Transformation skizzieren. Anstatt sich mit Abwägung zwischen vermeintlich miteinander im Konflikt stehenden Werten zu befassen, sollte gesellschaftliche Reflexion mit der Frage beginnen: Warum ist Bioökonomie überhaupt erstrebenswert?

Köpfe des Wandels

Dr. Eugen Pissarskoi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften. Er studierte Philosophie und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Mannheim und Freie Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Schnittmenge von Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsethik. Derzeit koordiniert er das Forschungsvorhaben BATATA: Whose Bioeconomy? Tracing Visions of Socio-ecological Transformation and their Ethical Deliberation in Tanzania

Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit als Grundziel

Die frühen Protagonisten, die die Bioökonomie-Strategien prägten, wie beispielsweise die OECD, sehen einen zentralen Zweck der Bioökonomie darin, die Wettbewerbsfähigkeit der Ökonomien und damit den zukünftigen Wohlstand zu sichern. Wirtschaftszweige, die von fossilen Rohstoffen abhängig sind, seien aufgrund von ökologischen Risiken nicht zukunftssicher. Ihre frühzeitige Umstellung auf nachwachsende Rohstoffe würde Wettbewerbsvorteile bieten, kombiniert mit der Reduktion von ökologischen Problemen, so argumentierten die OECD-Autorinnen und Autoren. Unter Annahme dieses Grundziels – Sicherung der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft – ergeben sich die oben skizzierten ethischen Konflikte, die kaum vernünftig aufzulösen sind: Was soll ich tun, wenn die Sicherung meines Wohlstandes zur Folge haben kann, dass der Wohlstand meiner NachbarInnen sinkt?

Gutes Leben bei Wahrung der Gerechtigkeit als Grundziel

Ich schlage vor, dass wir uns die Frage stellen, ob das Grundziel überhaupt sinnvoll ist. Ich bezweifele, dass Sicherung der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit ein zentrales gesellschaftliches Ziel sein sollte. Eine Begründung meiner These bleibe ich hier schuldig, doch ich will benennen, was ich für ein aktuell angemessenes gesellschaftliches Ziel halte: eine gesellschaftliche Ordnung, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Vorstellung guten Lebens zu realisieren, ohne dass dabei Forderungen von intergenerationeller und globaler Gerechtigkeit verletzt werden. Dieses Ziel ist formal formuliert: Es bedarf einer Spezifizierung dessen, was „gutes Leben“ ausmacht, was genau Forderungen intergenerationeller und globaler Gerechtigkeit beinhalten. Ohne hierzu ins Detail zu gehen, ist aber kaum sinnvoll bestreitbar, dass die Lebens- und Wirtschaftsweisen insbesondere der wohlhabenden Staaten den Forderungen der intergenerationellen und globalen Gerechtigkeit nicht genügen. Aus diesem Grund sollten diese Staaten ihre Lebens- und Wirtschaftsweise verändern.

Unter Annahme dieses Grundziels ändern sich grundlegend die ethischen Konflikte, die eine Bioökonomie mit sich führt. Es lässt sich leicht erkennen, aus welchem Grund Bioökonomie erstrebenswert ist: Eine Transformation hin zu einer Wirtschaftsweise, die keine fossilen Rohstoffe benötigt, trägt dazu bei, Forderungen der intergenerationellen Gerechtigkeit zu genügen. Bioökonomie liefert aber eben nur einen Baustein zur Erlangung des gesellschaftlichen Gesamtziels. Ihre Ausgestaltung sollte daher davon abhängen, welche weiteren gesellschaftlichen Veränderungen am besten dafür geeignet sind, das gesellschaftliche Grundziel insgesamt – die Möglichkeit, gutes Leben zu entfalten, ohne Forderungen der intergenerationellen und globalen Gerechtigkeit zu verletzen – zu realisieren.

Kontroverse über die Grundziele!

Ich fasse zusammen. Es scheint, dass die Transformation zur Bioökonomie uns, Teile der interessierten gesellschaftlichen Öffentlichkeit, vor eine komplexe ethische Abwägung stellt: auf die Chancen dieser Vision setzen oder angesichts ihrer Risiken Abstand davon nehmen. Ich habe behauptet, dass wir uns nicht auf diese Abwägung einlassen sollten. Vielmehr hängt die Antwort darauf, wie eine Transformation zu Bioökonomie gestaltet werden sollte, davon ab, welche gesellschaftlichen Grundziele realisiert werden sollten. Hierüber herrschen in unserer Gesellschaft unterschiedliche Auffassungen und hierüber sollten wir uns argumentativ streiten: Ist es wirklich erstrebenswert, Sicherung ökonomischen Wohlstands als das primäre gesellschaftliche Ziel aufzufassen? Je nachdem, welches gesellschaftliche Grundziel wir akzeptieren, werden wir auch einer Bioökonomie eine entsprechende Funktion bei der Erlangung dieses Ziels zuweisen und sie entsprechend ausgestalten. Und wir werden besser sehen und begründen können, welche technischen Innovationen, politischen Institutionen und moralischen Normen zuträglich sind und welche nicht.

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2020/21 – Bioökonomie.​