Seegras: unterschätzter CO2-Speicher - Wissenschaftsjahr 2020/21 - Bioökonomie

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14.04.2021

Seegras: unterschätzter CO₂-Speicher

Kurz & Knapp
  • Der Meeresboden ist bedeckt von vielfältigen Pflanzen – in der deutschen Ostsee sind es zum Beispiel Seegraswiesen. Sie setzen Kohlenstoff im Boden fest und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.
  • Neue Untersuchungen zeigen nun, wie viel CO₂ Seegras speichern kann und welche Faktoren dafür entscheidend sind: Wassertiefe und die Intensität des Wellengangs etwa.
  • Das BMBF-geförderte Forschungsprojekt „Seastore“ entwickelt Techniken, mit denen die Seegraswiesen in der Ostsee ausgeweitet werden können. Das Ziel: den positiven Einfluss von Seegras auf das Klima noch besser nutzen.

Hotspots mit besonderer CO₂-Speicherfähigkeit

Die Forschenden des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel sind abgetaucht – und zwar in die Ostsee: Ziel der Tauchgänge war es, mehr über die Seegraswiesen zu erfahren, die rund 285 Quadratkilometer Ostsee-Meeresboden bedecken. Untersucht wurde vor allem die Fähigkeit der Seegräser, Kohlenstoff zu binden.

Seegras findet sich in der deutschen Ostsee überwiegend in ein bis acht Metern Tiefe. Es sorgt dafür, dass der Wasserfluss am Meeresboden verringert wird und so weniger Sediment gelockert wird. Die Folge: Der im Boden eingeschlossene Kohlenstoff wird geschützt.
Ein aktuelles Forschungsvorhaben von GEOMAR im Rahmen der Helmholtz-Klima-Initiative erfasst den Bestand der Kohlenstoffvorräte in den Seegraswiesen entlang der deutschen Ostseeküste. Hieraus lässt sich ableiten, wie groß der Beitrag ist, den Seegras zum nationalen Kohlenstoffhaushalt in Deutschland leistet. In einem nächsten Schritt geht es um die Frage, wie die Seegrasbestände geschützt und ausgebaut werden können. Das Projekt zahlt ein auf die UN-Nachhaltigkeitsziele, mit denen sich die internationale Gemeinschaft unter anderem dazu verpflichtet, Ozeane und das Leben unter Wasser zu schützen.

Mehr Kohlenstoff gespeichert als vermutet

Die ersten Ergebnisse des Teams um die Meeresforscherin Angela Stevenson zeigen: Meeresboden, der von Seegras bedeckt ist, ist zwei- bis sechzigmal so reich an organischem Kohlenstoff wie Sediment ohne Seegras. Die Messergebnisse, in Verbindung mit weiteren Messungen außerhalb Deutschlands, belegen, dass ein Quadratmeter Meeresboden unter Seegras etwa 27 bis 52 Gramm organischen Kohlenstoff pro Jahr speichert. Die 285 Quadratkilometer Seegras, die es aktuell in der Ostsee gibt, können pro Jahr unglaubliche 29 bis 56 Tonnen CO₂ binden.

Auf ihren Tauchgängen entdeckten die Forschenden Hotspots, die im Vergleich zum bloßen Sediment 50-mal mehr Kohlenstoff speicherten. „Unsere vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass an der deutschen Ostseeküste sehr viel Kohlenstoff in Seegraswiesen gespeichert ist, deutlich mehr als zuvor bekannt war“, so Stevenson.

Hilfe von Hobbytaucherinnen und -tauchern

Neben dem Ausmaß des CO₂-Speicherpotenzials haben Angela Stevenson und ihr Team auch untersucht, von welchen Faktoren es abhängt, ob Seegräser viel oder wenig Kohlenstoff binden können. Entscheidend sind hier, so die Forschenden, die Tiefe des Wassers und die Stärke des Wellengangs: Starke Bewegungen rühren den Boden auf und legen den eingeschlossenen Kohlenstoff frei.

Das Projekt „Seastore“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, will nun Techniken entwickeln, mit denen das Klimapotenzial von Seegras noch besser genutzt werden kann. Ziel ist es, alle möglichen Lebensräume von Seegraswiesen entlang der gesamten deutschen Ostseeküste wiederherzustellen – allein in Schleswig-Holstein wäre das eine Fläche von rund 448 Quadratkilometern. Um diese Herkulesaufgabe zu bewältigen, könnten beim Anlegen der „Unterwassergärten“ auch Hobbytaucherinnen und -taucher helfen.