Kurz & Knapp
  • Neue Rebsorten benötigen weniger Spritzmittel und Arbeitsaufwand.
  • Ihr Anbau reduziert den Kohlendioxid-Ausstoß der Weinbranche um mindestens 50 % im Bereich Pflanzenschutz.
  • Neue Rebsorten sind beim Verbraucher weitgehend unbekannt, aber qualitativ und geschmacklich gleichauf mit klassischen Sorten.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Ruth Fleuchaus, Hochschule HeilbronnNachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten gleichberechtigt zu berücksichtigen. Es bedeutet also sowohl gutes Leben als auch erfolgreiches Wirtschaften zu ermöglichen. Auch in der Weinwirtschaft spielt der Begriff der Nachhaltigkeit eine große Rolle. Eine einheitliche Linie in der Umsetzung ist derzeit, zumindest für Deutschland, noch nicht erkennbar. Ein dabei wichtiges Thema in den Diskussionen um einen nachhaltigen Weinbau ist u. a. der Einsatz von (neuen) pilzwiderstandsfähigen Rebsorten sowie die Bewirtschaftungsweise im Minimalschnitt. Rebsorten sind Pflanzenarten, aus deren Trauben Wein gewonnen wird. Unter Minimalschnitt versteht man das nur sehr geringe Beschneiden der Rebstöcke.

Die Forschungsarbeit der Hochschule Heilbronn im Rahmen des novisys-Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, beschäftigt sich mit der Erfassung der Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Anbaus pilzwiderstandsfähiger Rebsorten unter betriebswirtschaftlichen und sozialökonomischen Gesichtspunkten.

Innerhalb der EU entfallen auf den Weinbau nahezu 70% der ausgebrachten Fungizide (ein Wirkstoff, der Pilze oder ihre Sporen abtötet). Jedoch macht die weinbaulich genutzte Fläche nur ca. 7% der landwirtschaftlich genutzten Agrarfläche aus (Europäische Gemeinschaften, 2000). Für die Weinwirtschaft ist es daher von großer Bedeutung, im Rahmen der globalen und nationalen Fragen zu Umweltschutz, Ressourcenverbrauch und alternativen Produktionsverfahren, die Möglichkeiten einer zukunftsfähigen Weinproduktion und Vermarktung zu erforschen.

Köpfe des Wandels

Ruth Fleuchaus arbeitet als Professorin für Marketing und insbesondere Weinmarketing an der Hochschule Heilbronn. Sie beschäftigt sich mit den Themen der Weinbranche sowohl in der Lehre als auch in der Forschung. Besonders die Themengebiete Nachhaltigkeit, Konsumentenverhalten, pilzwiderstandsfähige Rebsorten, Marken und Landesmarken, sowie der internationale Weinmarkt gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten. Seit 2008 ist sie zudem Prorektorin für Internationales und Diversität.

Insbesondere gilt es, in diesem Zusammenhang nach Lösungsmöglichkeiten zur Verminderung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes zu suchen. Dabei ist das Gefährdungspotenzial des Pflanzenschutzmitteleinsatzes vielschichtig. Bereits bei der Produktion von Pflanzenschutzmitteln werden erhebliche Mengen CO2 ausgestoßen. Es werden Rohstoffe eingesetzt und verbraucht, deren Einsparung bereits eine hohe Entlastung der Ökosysteme bedeuten würde. Darüber hinaus entstehen bei der Ausbringung der Pflanzenschutzmittel durch Geräteeinsatz weitere CO2-Emissionen mit heute noch nicht einwandfrei festzustellenden Folgeschäden.

Der Durchschnitt der CO2 - Einsparungen liegt laut Ergebnissen des novisys-Forschungsprojektes bei mindestens 50%. Damit werden wichtige Schlüsselfaktoren für einen nachhaltigen Weinbau deutlich verbessert: Das Ökosystem wird weniger belastet (ökologische Säule der Nachhaltigkeit), die Weinbaubetriebe können Kosten durch die deutliche Minimierung des Pflanzenschutzes reduzieren (ökonomische Säule der Nachhaltigkeit) und sie werden arbeitswirtschaftlich entlastet (soziale Säule der Nachhaltigkeit). Neue, pilzwiderstandsfähige Rebsorten bieten auch neue Weingeschmackserlebnisse – wenn sie solche probieren können, greifen Konsumenten beherzt zu! ​

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2020 – Bioökonomie.​