Kurz & Knapp
  • Naturkautschuk benötigt jede/r und die Nachfrage steigt stetig.
  • Kautschuk-Löwenzahn ist eine nachhaltige Ergänzung zum Kautschukbaum.
  • Löwenzahn ergänzt die Pflanzenvielfalt in der Landwirtschaft.

Naturkautschuk benötigen alle

Ein Beitrag von Christian Schulze Gronover, Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME sowie von Dirk Prüfer, Universität Münster und Fraunhofer IME

Naturkautschuk ist ein nachwachsender Rohstoff und weltweit von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Mithilfe bestimmter Chemikalien wird der Naturkautschuk zu Gummi verarbeitet und bildet somit die Ausgangsbasis für mehr als 40.000 Produkte des täglichen Lebens. Sein Hauptanwendungsbereich liegt in der Reifenindustrie, da diese im besonderen Maße von seinen einzigartigen Rohstoff- und Materialeigenschaften abhängig ist.

In 2018 wurden mehr als 13 Mio. Tonnen verbraucht, bis 2024 wird ein Bedarf von 18 Mio. Tonnen pro Jahr prognostiziert. Aktuell wird für die Produktion von Naturkautschuk ausschließlich der in subtropischen Regionen wachsende Kautschukbaum Hevea brasiliensis verwendet, dessen Einsatz in Bezug auf die soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit jedoch gewichtige Fragen aufwirft. Die nachhaltige Sicherstellung des Bedarfs dieses für die globale Gesellschaft kritischen Rohstoffes sollte daher nicht weiter auf einer Quelle beruhen.

Löwenzahn als zusätzliche Quelle erschließen

Weltweit gibt es verschiedene Initiativen, die sich die Erschließung alternativer Quellen für Naturkautschuk zum Ziel gesetzt haben. Seit 2011 arbeiten in Deutschland verschiedene Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen intensiv an der Wiedereinführung des Kautschuk-Löwenzahns als Nutzpflanze. Durch die Bündelung von ingenieur- und naturwissenschaftlicher Kompetenz konnten alle für eine Industrialisierung der heimischen Naturkautschukproduktion notwendigen Schritte identifiziert, erfolgreich bearbeitet und in Teilen auch schon umgesetzt werden.

Durch die Projekte TARULIN, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, und TAKOWIND, gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wurde die notwendige Forschung in den Bereichen Pflanzenzüchtung, Anbau, Prozessierung bis hin zur Herstellung erster Produktmuster (z.B. Winterreifen, Latexhandschuhe) unterstützt. Weitere öffentliche und nicht-öffentliche Projekte laufen Hand in Hand, um ein zukunftsfähiges und ressourcenschonendes Wirtschaften mit Naturkautschuk aus Löwenzahn zu ermöglichen.

Um die grundlegenden Forschungsergebnisse in die Anwendung zu übertragen, wurde auf die frühzeitige Einbindung anwendungsorientiert forschender Institutionen und Industriepartner geachtet, und dies mit Erfolg! In Mecklenburg-Vorpommern wurde mit dem »Taraxagum Lab Anklam« bereits der Grundstein für einen neuen, biobasierten Industriezweig gelegt.

Köpfe des Wandels

Christian Schulze Gronover ist promovierter Biologe und Gruppenleiter am Fraunhofer IME. Dirk Prüfer ist Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Leiter der Fraunhofer IME Außenstelle »Pflanzliche Biopolymere“ in Münster.

Löwenzahn als Kulturpflanze mit Potenzial auch für die Landwirtschaft

Durch den Anbau von Löwenzahn kann nicht nur zusätzlich erwarteter Bedarf an Naturkautschuk gedeckt und das Risiko der alleinigen Produktion durch den Kautschukbaum verringert werden. Ebenso wird die Umwandlung tropischer Regenwälder in Kautschukplantagen gebremst und die Pflanzenvielfalt auf heimischen Agrarflächen durch die Auflockerung der Fruchtfolge erweitert.

Die lokale Naturkautschukproduktion führt zu einer Minimierung der Transportwege und somit zu einer Verringerung des CO2-Ausstoßes. Die im Gesamtkontext geschaffenen Fortschritte weisen somit eine ressourcenschonende und bedarfsgerechte Herstellung von Naturkautschuk auf.

Dabei sind für eine erfolgreiche Bioökonomie alle Dimensionen der Nachhaltigkeit erforderlich. Diese umschließen die Minimierung der Umweltbelastung (ökologische Dimension), die Herstellung eines qualitativ hochwertigen Produktes durch zielgerichtete Züchtung und Produktionsverfahren (ökonomische Dimension) und die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen und Qualifizierung von Mitarbeitern in Aus- und Weiterbildung im Bereich umweltverträglicher Produktionsverfahren (soziale Dimension).

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2020 – Bioökonomie.​