Analphabetismus in Deutschland

08.09.2022
Ein Gastbeitrag von Friederike Risse, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung

Jeder achte Erwachsene in Deutschland kann nicht richtig lesen und schreiben. Analphabeten, arm, arbeitslos, mit Migrationshintergrund – das sind die gängigen Vorurteile. Doch wissenschaftliche Studien zeigen: Diese Menschen sind mehrheitlich erwerbstätig, gesellschaftlich eingebunden, benutzen Smartphones und sprechen fließend Deutsch. Was hat es also mit dem Phänomen des funktionalen Analphabetismus auf sich?

Jeder achte Erwachsene kann nicht richtig lesen und schreiben.

„Ich habe meine Brille vergessen.“ „Ich habe mir die Hand verstaucht.“ „Kann ich das Formular nach Hause mitnehmen und in Ruhe durchlesen?“

Diese Sätze kommen Ihnen vielleicht bekannt vor. Und das ist kein Zufall, denn 12,6 % aller deutschsprachigen Erwachsenen können Texte, die über einfache Sätze hinausgehen, nicht richtig lesen und verstehen. Wir begegnen ihnen täglich: Sie arbeiten in Großküchen oder chemischen Reinigungen, auf Baustellen, putzen Büros oder bedienen Maschinen.

Studien der Universität Hamburg sprechen von funktionalem Analphabetismus oder geringer Literalität. Das bedeutet, dass der gesellschaftliche Standard, den wir für das Lesen und Schreiben festgelegt haben, unterschritten wird. Handyverträge, Rechnungen oder E-Mails können nur unzureichend gelesen, ausgefüllt und beantwortet werden.

Aber in Deutschland gibt es doch eine Schulpflicht!

So entgegnet man uns, den Mitarbeitenden des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung häufig. Der Gedanke, dass jeder achte Erwachsene in Deutschland betroffen ist, rüttelt auf. 

Tatsächlich haben die Betroffenen die Schule besucht und 76 % von ihnen einen Schulabschluss erlangt. Doch das Lesen und Schreiben ist eine Kulturtechnik, für die unser Gehirn neue Strukturen anlegen muss. Wird die erlernte Technik später nicht mehr genutzt, werden die Verbindungen wieder zurückgebaut. Im Klartext: Lesen und Schreiben sind Kompetenzen, die man wieder verlieren kann. Insbesondere, wenn sie nicht ausreichend gefestigt oder unzureichend angewendet wurden.

Wie kommt es dazu? Die Frage nach den Ursachen ist komplex, denn jeder Lebensweg von Betroffenen erzählt eine andere Geschichte. Lesen und Schreiben wird in den ersten zwei Klassen der Grundschule erlernt, danach gilt der Erwerb als abgeschlossen. Sind Kinder in dieser Zeit gestresst, z. B. durch Mobbing, ein angespanntes Elternhaus, eventuelle Gewalterfahrungen oder nicht erkannte Erkrankungen, kann es vorkommen, dass sie nicht richtig Lesen und Schreiben lernen. Viele lernen es gerade so gut, dass sie einen Schulabschluss erwerben (siehe oben: 76 % der Betroffenen). Wenn junge Erwachsene einen Beruf ergreifen, in dem sie kaum mit Schriftsprache konfrontiert sind, verlieren sie immer mehr Kompetenzen, bis sie schließlich zur Gruppe der gering Literalisierten gezählt werden. So kommt es zu dem vermeintlichen Paradoxon, dass die große Mehrheit der Menschen mit Lese- und Schreibproblemen einen Schulabschluss hat.

Ist das Schulsystem schuld?

Diese Diskussion mündet oft darin, Schulen und Lehrer:innen zu kritisieren. Die neueste Studie dazu (LEO 2018, Universität Hamburg) zeigt, dass das Problem in den jüngeren Altersgruppen tatsächlich weniger wird.

Wichtiger ist es jedoch, den Blick auf die heutige Realität der Betroffenen zu richten. Denn im Alltag ergeben sich viele Herausforderungen, wenn man Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. Um sich in einer Welt der E-Mails und Formulare zurechtzufinden, entwickeln Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten viel Kraft, Kreativität und enorme Gedächtnisleistungen. Oft weisen sie eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit und hohe soziale Kompetenzen auf. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass sie ein mitwissendes Umfeld aufbauen, das ihnen bei schriftsprachlichen Angelegenheiten hilft.

Tabu, Scham und Heimlichkeit

Menschen mit Lese- und Schreibproblemen entwickeln erstaunliche Strategien, um ihr Problem zu verheimlichen. Wir erinnern uns: Der Schriftspracherwerb soll in der dritten Klasse abgeschlossen sein. Ein 9- oder 10-jähriges Kind, das bis dahin Lesen und Schreiben nicht gut gelernt hat, muss jetzt bereits kreativ werden, um nicht aufzufallen. Dabei werden erstaunliche Gedächtnisleistungen erbracht. Betroffene berichten uns von auswendig gelernten Schullektüren, um beim Vorlesen nicht schlecht abzuschneiden. Ein Mitarbeiter im Lager einer Hutfabrik lernte lieber 3000 sechsstellige Artikelnummern auswendig, als gezwungen zu sein, die Etiketten der Hüte auf die Schnelle zu lesen.

Dieses Versteckspiel setzt sich in allen Lebensbereichen fort: am Arbeitsplatz, im Sportverein, beim Einkaufen, beim Arztbesuch und sogar im Familien- und Freundeskreis. Am ALFA-Telefon, der bundesweiten Anlaufstelle für Betroffene, begegnen wir Menschen, die ihr Problem jahrzehntelang ihrem Ehepartner oder Vorgesetzten verheimlicht haben.

Woher kommt also die Scham? Lesen und Schreiben ist in Deutschland soziokulturell anders gewichtet als andere Kompetenzen. Zum Beispiel kann man offen damit kokettieren, dass man immer schlecht in Mathematik abgeschnitten hat und heute auch für kleine Berechnungen einen Taschenrechner braucht. Die Möglichkeit, dies mit einem Augenzwinkern abzutun, gilt nicht für schriftsprachliche Praktiken.

Dementsprechend berichten viele Menschen, dass sie ihr Problem gegenüber Ärzt:innen, Kolleg:innen, Freund:innen und Behördenmitarbeiter:innen verheimlicht haben – aus Angst vor Diskriminierung. Einige haben schlechte Erfahrungen wie Mobbing und den Verlust des Arbeitsplatzes gemacht, wie die ehemals Betroffene und heutige Lernbotschafterin Jutta Schmitt in der ZDF-Reportage „Die Lüge meines Lebens“ berichtet.

Wissen, erkennen, helfen

Typische Erkennungsmerkmale für eine geringe Literalität sind z. B. das Delegieren von Aufgaben („Können Sie das für mich ausfüllen?“), Ausreden („Ich habe meine Brille vergessen.“), ausbleibende Reaktion auf schriftliche Einladungen und ein unsicheres Schriftbild.

Denken Sie gerade spontan an einen Verwandten, eine Kollegin oder einen Klienten?

Helfen bedeutet in dem Fall, die Person anzusprechen. Wie oben ausgeführt, ist das Thema sensibel. Und doch wissen wir von vielen Betroffenen, dass ihnen genau das geholfen hat: Hilfe anbieten, Mut machen, Pläne schmieden.

Es ist nie zu spät

Es gibt in ganz Deutschland Lese- und Schreibkurse für Erwachsene. Dazu berät das ALFA-Telefon kostenlos unter der 0800 53 33 44 55.
Einige Kurse und Programme tragen unverfängliche Namen wie „Fit im Beruf – Rechtschreibung verbessern“. Viele Mehrgenerationenhäuser bieten niedrigschwellige Lese- und Schreibhilfen an, die sich z. B. „Lese-Café“ oder „Formular-Hilfe“ nennen.

Selbst kleine Verbesserungen im Lesen und Schreiben bedeuten oft die Möglichkeit zu einer viel größeren gesellschaftlichen Teilhabe. Alle Betroffenen, die sich für den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung engagieren, sind sich einig: Es ist nie zu spät. 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

Weiterführende Informationen

Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.
www.alphabetisierung.de

Projekt ALFA-Mobil
Informationskampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finden Sie hier
Presseheft der LEO-Studie
Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade). 

Vita

Friederike Risse leitet beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung das Projekt ALFA-Mobil, das bundesweit Öffentlichkeitsarbeit für Lese- und Schreibkurse für Erwachsene macht. Zudem ist sie zertifizierte Übersetzerin für Leichte Sprache und gibt Workshops für Hochschulen und Verbände. Aktuelle Schwerpunkte in ihrer Arbeit sind die öffentliche Repräsentation von (ehemaligen) Betroffenen von funktionalem Analphabetismus, das Entgegenwirken von gängigen Klischees über diese Menschen und die Verortung ihrer Biographien in aktuelle wissenschaftliche Studien.

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