Archäologinnen und ihre Geschichte(n)

26.09.2022
Ein Beitrag von PD Dr. Elsbeth Bösl und PD Dr. Doris-Gutmiedl-Schümann MHEd

Kaum jemand kennt eine „große“ Archäologin früherer Zeiten, während berühmte Archäologen wie Heinrich Schliemann oder Carl Schuchardt unvergessen sind. Das liegt nicht daran, dass es keine archäologisch arbeitenden Frauen gab, erklären die Archäologin Doris Gutsmiedl-Schümann und die Wissenschaftshistorikerin Elsbeth Bösl in ihrem Gastbeitrag. Sie haben die Lebenswege und Tätigkeiten vieler deutschsprachiger Archäologinnen seit dem späten 18. Jahrhundert untersucht. Was diese Frauen für Wissenschaft, Museen und Denkmalpflege geleistet haben, wurde bisher nur wenig wahrgenommen.

Ab dem 17. November 2022 gibt die Wanderausstellung „Ein gut Theil Eigenheit – Lebenswege früher Archäologinnen“ einen Einblick in die Biografien von neun Pionierinnen der Archäologie. Zur Eröffnung in Frankfurt am Main halten Elsbeth Bösl und Doris Gutmiedl-Schümann den Vortrag „Frühe Archäologinnen und ihre Geschichte(n)“, der sowohl vor Ort als auch digital verfolgt werden kann. Hierfinden Sie alle wichtigen Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung.

Die ersten Archäologinnen waren Autodidaktinnen

Die Archäologien sind vergleichsweise junge akademische Disziplinen. Sie gehen zurück auf das späte 18. Jahrhundert, als sich das Bürgertum verstärkt für Altertumskunde zu interessieren begann. Hier finden wir die ersten archäologisch arbeitenden Frauen: Etwa die Bankierstochter Sybille Mertens-Schaaffhausen (1797-1857), die sich mit großer Kundigkeit und persönlichem Einsatz als Sammlerin und Mäzenin betätigte und in Köln, Bonn und Rom einen Salon mit altertumswissenschaftlichem Schwerpunkt führte. Die nur wenig jüngere Ida von Boxberg (1806-1893) verbrachte Teile ihres Lebens in Frankreich und organisierte den Austausch archäologischen Wissens zwischen Deutschland und Frankreich. Sie führte in Sachsen auch selbst archäologische Ausgrabungen durch. Amalie Buchheim (1819-1902), die Kustodin der Schweriner Altertümersammlungen, war maßgelblich an deren Aufbau beteiligt. Johanna Mestorf (1828-1909) leitete das Museum vaterländischer Alterthümer in Kiel und bekam als erste Frau im Königreich Preußen den Titel „Professor“ verliehen. Sie übersetzte auch Werke skandinavischer Archäologen ins Deutsche und erschloss sie damit der deutschsprachigen Forschung. Julie Schlemm (1850-1944) schrieb 1908 im Alleingang das „Wörterbuch zur Vorgeschichte“, eine fast 700 Seiten lange und mit 2.000 Abbildungen versehene enzyklopädische Sammlung von Objekten und Funden vor allem aus der mitteleuropäischen Archäologie. All diese Frauen waren Autodidaktinnen, die sich ihren Zugang zur Archäologie durch selbstorganisierte Studien und die Mitarbeit in archäologischen Fachgesellschaften selbst geschaffen hatten. Einige kamen aus wohlhabendem Haus und setzten ein Leben lang ihr privates Vermögen für ihre archäologische Arbeit ein. Andere, wie zum Beispiel Amalie Buchheim oder Johanna Mestorf, wurden in einer späten Phase ihrer archäologischen Tätigkeit auch dafür bezahlt.

 

Frauenbildung und Frauenstudium

Bereits ab dem frühen 19. Jahrhundert gab es an den Universitäten vereinzelt Professoren, die auch archäologisch tätig waren. Damit war es zwar möglich, Archäologie zu studieren, doch Frauen stand dieser Weg erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts offen. Das Abitur, die Voraussetzung für ein Universitätsstudium, konnten Frauen erst ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert erwerben und das oft auch nur als externe Prüflinge. Diese Abiturientinnen durften sich auf Antrag als Gasthörerinnen einschreiben, wenn dies die jeweiligen Professoren zuließen. Ein reguläres Studium durften Frauen zuerst ab 1900 in Baden, ab 1908 auch in Preußen absolvieren. Elvira Fölzer (1868-1937) erwarb als 31-Jährige 1899 das Abitur um in Leipzig, Freiburg und Bonn klassische Archäologie zu studieren. Bereits 1906 promovierte sie an der Universität Bonn – als erste Frau an deren Philosophischer Fakultät. Das Habilitationsrecht erhielten Frauen erst 1920. Margarete Bieber (1879-1978), eine klassische Archäologin, habilitierte sich schon 1919 in Gießen und wurde dort 1923 außerplanmäßige außerordentliche Professorin. Eine ganze Reihe anderer Frauen fand ab den 1920er Jahren den Weg in die Bodendenkmalpflege, die Museen und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Einige von ihnen waren zunächst Lehrerinnen gewesen und über Fortbildungskurse an die archäologische Arbeit herangetreten.

 

Warum sind die meisten der frühen Archäologinnen heute so unbekannt?

Wissenschaftliche Leistung wurde an dem gemessen, was Männer taten. Archäologisch arbeitende Frauen hatten seltener und deutlich später die Möglichkeit, archäologische Ausgrabungen durchzuführen, Fundmaterial zu bearbeiten, zu studieren und sich zu habilitieren. Sie wurden, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts auf Professuren berufen oder in Leitungspositionen der Museen und der Landesdenkmalpflege eingesetzt. Viele Archäologinnen hingegen verließen nach einer Weile ihre Berufe wieder, zum Beispiel wegen fehlender längerfristiger Beschäftigungsmöglichkeiten oder wegen familiärer Verpflichtungen. Ihre Arbeit war weniger sichtbar und niemand pflegte ihr Andenken; sie hatten keinen Kreis von akademischen Schülerinnen und Schülern um sich gesammelt, der in Festschriften und Nachrufen die Erinnerung an sie aufrechterhielt. Nichtsdestoweniger lässt sich aus der Rückschau feststellen, welche Bedeutung sie für die Fachentwicklung der Archäologien hatten. Ihre Biografien und ihr Schaffen zu erforschen, erfordert aber auch einen kritischen Blick, denn natürlich sind – genauso wie auch bei den männlichen Wissenschaftlern nicht nur ihre Leistungen, sondern auch ihre Verfehlungen und Irrwege sowie Verstrickungen in die Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu berücksichtigen.

 

Wo und wie findet man denn etwas über archäologisch arbeitende Frauen heraus?

Wir arbeiten interdisziplinär mit den Methoden der Wissenschaftsgeschichte, der Archäologie, der historischen Biografieforschung und der Digital Humanities. Wir durchforsten eine Vielzahl von Quellen, wie zum Beispiel die Kataloge von Bibliotheken und die Inhaltsverzeichnisse von wissenschaftlichen Fachzeitschriften nach Beiträgen von, aber auch nach Hinweisen auf archäologisch arbeitende Frauen. Frauen, die studiert haben, finden wir in den Archiven der Universitäten. In Museen, Landesdenkmalämtern und anderen Institutionen, in denen archäologisch gearbeitet wird, stoßen wir auf Personalakten oder auf Korrespondenzen von und über archäologisch arbeitende Frauen. Nur wenige Archäologinnen haben wissenschaftliche Nachlässe oder private Briefe hinterlassen. Außerdem sprechen wir mit Zeitzeug:innen und heute tätigen Archäolog:innen und befragen sie nach ihren eigenen Erfahrungen und Erinnerungen.

 

Ergebnisse für die Öffentlichkeit und Ausstellung

Was wir herausgefunden haben, teilen wir gerne mit der Öffentlichkeit. Alle Forschungsergebnisse tragen wir Stück für Stück in das frei zugängliche, biografische Informationssystem Propylaeum Vitae ein. Auf unserem Blog und auf unseren Social-Media-Kanälen gibt es ebenfalls Spannendes zu entdecken und nachzulesen.

Außerdem geht im November 2022 die mobile Poster-Ausstellung „Ein gut Theil Eigenheit – Lebenswege früher Archäologinnen“ auf Reisen. Darin stellen wir die Geschichten von neun ausgewählten Frauen vor. Am 17. November halten wir ab 18.15 Uhr zur Eröffnung der Ausstellung in Frankfurt am Main den Vortrag „Frühe Archäologinnen und ihre Geschichte(n)“. Weitere Details zum Vortrag und zur Anmeldung finden Sie hier. Digitales Zusatzmaterial zur Ausstellung wie Quellen sowie Audioversionen der Poster finden Sie ab dem 17. November auf unserem Blog.

Die Ausstellung „Ein gut Theil Eigenheit – Lebenswege früher Archäologinnen“ entstand als Teil des Projekts „Akteurinnen archäologischer Forschung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften: Im Feld, im Labor, am Schreibtisch (AktArcha)“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert und am Historischen Institut der Universität der Bundeswehr München durchgeführt wird. Weitere Informationen sind auf der Projektwebseite zu finden. 

 

Warum gibt es das Forschungsprojekt eigentlich?

Wir machen archäologisch arbeitende Frauen in Vergangenheit und Gegenwart in ihren unterschiedlichen Arbeitsfeldern und mit ihren individuellen Lebens- und Karrierewegen sichtbarer. Das soll jungen Menschen, insbesondere Mädchen und jungen Frauen, Impulse für ihre Berufswahl und Karriere geben und Führungspersonen Orientierungsmöglichkeiten bieten, um die Arbeitswelt diverser und inklusiver zu gestalten und strukturelle Hürden abzubauen. Man kann zwar nicht wie aus einem Rezeptbuch aus der Geschichte für die Gegenwart lernen, aber ein Gespür dafür entwickeln, welche Strukturen oder Politiken zu mehr Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Würdigung beitragen können.

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weiterführende Informationen

https://www.unibw.de/geschichte/prof/wst/forsch/aktarcha

https://aktarcha.hypotheses.org/

https://www.propylaeum.de/themen/propylaeum-vitae

https://twitter.com/AktArcha

Vita

PD Dr. phil. Elsbeth Bösl ist Wissenschafts- und Technikhistorikerin mit einem Forschungsschwerpunkt in der Geschlechtergeschichte und Disability History. 

Vita

PD Dr. phil. Doris Gutsmiedl-Schümann MHEd ist prähistorische Archäologin mit Forschungsschwerpunkten in Frühmittelalterarchäologie, Gender Archaeology und Wissenschaftskommunikation. Beide forschen an der Universität der Bundeswehr München.

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