Der wirtschaftliche Schock der Coronapandemie

27.06.2022
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael Grömling, Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.

Trotz der hohen Infektionszahlen im Frühsommer 2022 in Deutschland scheinen die vielfachen ökonomischen Schocks in der ersten Zeit der Pandemie langsam aus dem Blick zu geraten. Weitere Infektionswellen und erneute Einschränkungen sind wahrscheinlich. Es wird wohl nicht nochmal so weit kommen wie zu Beginn der Pandemie – vergessen sollten wir aber nicht, was sich da vor gut zwei Jahren über uns entladen hat.

 

Was war die Pandemie anfangs für ein Schock

Der furchtbare Krieg in der Ukraine hat die öffentliche Bedeutung der Coronapandemie merklich in den Hintergrund gerückt. Trotz der relativ hohen Infektionszahlen im Frühsommer 2022 in Deutschland scheinen die vielfachen Auswirkungen in der ersten Zeit der Pandemie langsam in Vergessenheit zu geraten. Das tut vielen sicherlich auch gut. Gleichwohl sind weitere Infektionswellen und erneute wirtschaftliche Einschränkungen wahrscheinlich. Es wird wohl nicht nochmal so weit kommen wie zu Beginn der Pandemie. Vergessen sollten wir aber nicht, was sich da vor gut zwei Jahren über uns entladen hat.

Was war denn eigentlich unter ökonomischen Gesichtspunkten anders an der Pandemie?

1. Die Coronakrise war weltumspannend.

Die anfängliche Erwartung, dass sich die Lasten auf China und die damit verbundenen ökonomischen Handels- und Vorleistungsverflechtungen begrenzen würden, hatte sich schnell verflüchtigt. Im Gegensatz zu anderen Rezessionen gab es kein globales ökonomisches Gegengewicht. So konnten sich etwa während der globalen Finanzmarktkrise von 2009 eine Reihe von großen Schwellenländern isolieren und mit ihrer damals robusten Gangart einen Einbruch der gesamten Weltkonjunktur verhindern. Corona traf alle Länder nahezu gleichzeitig und löste eine Weltwirtschaftskrise aus.

2. Die Coronakrise lähmte Angebot und Nachfrage gleichzeitig.

Im Gegensatz zu vorhergehenden Konjunkturkrisen, die meistens durch einen spezifischen Schock (z. B. Ölpreisschock oder Finanzmarktkrise) ausgelöst wurden, entfaltete sich die Coronakrise schnell als eine Kombination von multiplen Angebots- und Nachfrageschocks. Die Erkrankungen und die Maßnahmen der gesundheitspolitischen Lockdowns beeinträchtigten die Produktionsprozesse. Mitarbeiter fehlten, Vorleistungslieferungen blieben produktions- und transportbedingt aus und damit kamen zeitlich eng getaktete Produktionsnetzwerke aus dem Tritt. Nachwirkungen spüren wir noch immer. Im Dienstleistungssektor brachten die Schließungen die Produktion, den Absatz und die Einnahmen zum Teil komplett zum Erliegen. Die Lockdown-Maßnahmen legten auch die Nachfrageseite teilweise lahm. Ein Teil der Konsummöglichkeiten fiel einfach weg. Beschäftigungs- und Einkommenssorgen verstärkten dies. Über die regionale Synchronizität wirkte sich dies – zusätzlich zu den Vorleistungsstockungen – auch unmittelbar auf die Außenhandelstransaktionen aus. Schlussendlich stockte die Investitionstätigkeit. Selbst zwei Jahre später liegen die Investitionen noch weit unter dem Vorkrisenniveau.

3. Die Coronakrise traf viele Branchen gleichzeitig.

Zumindest mit Blick auf Deutschland waren Konjunkturkrisen in der Regel Industriekrisen. Die Pandemie und die zur Eindämmung vorgenommenen Maßnahmen trafen sowohl den Industriesektor als auch große Teile der Dienstleistungsökonomie. Letztere hatten in früheren Krisen meist die Konjunktur stabilisiert – diesmal kamen die Dienstleister selbst heftig unter Druck. Die Pandemie traf die Volkswirtschaften in ihrer vollen sektoralen Breite.

4. Die Coronakrise erzeugte multiple Verunsicherungen.

Die Unsicherheiten über den Verlauf der Pandemie und bezüglich des Erfolgs bei der Suche nach Impfstoffen und Therapien sorgten zunächst auch für ökomische Ungewissheiten – etwa hinsichtlich weiterer Erkrankungswellen und der damit erneut einhergehenden Lockdown-Maßnahmen. Auch der weltweite Konjunktureinbruch, die vielfältigen Transmissionskanäle, die breite sektorale Betroffenheit in hochgradig miteinander verflochtenen Volkswirtschaften sowie die fehlende Erfahrung mit der Wirksamkeit von wirtschaftspolitischen Maßnahmen schufen multiple Verunsicherungen. Nicht zuletzt war auch nicht klar, wie sich die Menschen in einer derartigen Krise verhalten und ob dies eine Rückkehr zu einem früheren Normal erschweren würde.

5. Die Coronakrise forderte politisches Denken heraus.

Vor dem Hintergrund dieser Besonderheiten bestand Unsicherheit hinsichtlich eines adäquaten politischen Handelns. Dies bezog sich auf das von ebenfalls hohen Unsicherheiten geprägte Abwägen zwischen den gesundheitspolitischen Notwendigkeiten zur Eindämmung der Pandemie und zur Vermeidung überlasteter Gesundheitssysteme einerseits und den ökonomischen Schäden, etwa durch Unternehmenszusammenbrüche und Dauerarbeitslosigkeit, andererseits. Die Wucht und Schnelligkeit der ökonomischen Anpassungslasten erforderte ebenso schnelles und mittelstarkes Reagieren der Wirtschaftspolitik – in vielen Ländern angesichts limitierter fiskalpolitischer Handlungsspielräume.
 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​
 

Vita

Prof. Dr. Michael Grömling arbeitet seit 1996 beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln und leitet dort die Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur. Seit März 2006 ist er zudem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Internationalen Hochschule (IU) – seit 2022 am Campus Köln. Er forscht zu den Themen Konjunktur, Strukturwandel und langfristige wirtschaftliche Entwicklung.

 

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