Die Defizite der europäischen Friedensordnung haben eine Geschichte

19.04.2022
Ein Gastbeitrag von Dr. Claudia Kemper, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte

Frieden ist ein kompliziertes Unterfangen. Europa ist es nach jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Kontinent gelungen, eine funktionierende Friedensordnung zu entwickeln. Aber schon in den letzten Jahren und vor allem seit (wieder) Krieg geführt wird in Europa, werden die Defizite dieser Ordnung mehr als deutlich. Sie sind nicht neu, sondern Teil der europäischen Geschichte.

 

Gewalterfahrung förderte den Wunsch nach Kriegsvermeidung

Als 1957 die ersten Organisationen der Europäischen Gemeinschaft gegründet wurden, verfolgten die beteiligten Ländern ganz eigene Interessen. Aber gleichzeitig verband alle das gemeinsames Ziel, einen Verbund zu schaffen, mit dem Kriege untereinander vermieden und Sicherheit für alle geschaffen würde. Die Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts, aber auch die Situation des Kalten Krieges, der einen Eisernen Vorhang durch Europa zog, beförderten die Aussöhnung untereinander.

Oberstes Prinzip war Frieden durch Handel

Für einige Jahrzehnte war das Prinzip der Europäischen Gemeinschaft und die europäische Idee ein Erfolgsmodell, trotz aller Streitigkeiten untereinander und der zu bewältigenden Krisen. Um einen gegenseitigen Krieg zu vermeiden, setzte man auf wirtschaftliche Zusammenarbeit. Diese Strategie war keine Neuerfindung, sondern so alt wie das Nachdenken über die Frage, wie sich Kriege vermeiden lassen könnten. In Europa popularisierte ab Ende des 18. Jahrhunderts Immanuel Kant den Gedanken, dass die Gründe zur Kriegsführung beseitigt werden müssen, um einen Friedenszustand zu sichern.

Die Kritik wächst

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg trug der wachsende Wohlstand dazu bei, Europa auf einem sicheren Weg zu sehen. Dabei wurde oft übersehen, dass der Wohlstand vor allem die Folge eines außerordentlichen Nachkriegsaufschwungs war. In den 1960er und 70er Jahren wurde die Kritik lauter, dass Europa nicht nur die Augen vor den Ungerechtigkeiten in anderen Ländern, etwa in Osteuropa, verschließe, sondern dass es auch Kriege befördere wie auf dem afrikanischen oder südamerikanischen Kontinent. Zunehmend wurde auch die massenhafte Stationierung von Atomraketen zum öffentlichen Thema. Ab Ende der 1970er Jahre und vor allem in den 1980er Jahren gingen in allen europäischen Ländern Menschen auf die Straße, um zu zeigen, dass sie sich weder sicher fühlten, noch glaubten, in einem friedlichen Europa zu leben. Zu dieser Zeit wurden auch schon die krisenverursachenden Folgen eines kommenden Klimawandels thematisiert.

Die Gelegenheit für eine ehrliche Aufarbeitung?

Die politischen Entscheider Europas waren sich des Erfolgsmodells weiterhin sicher, das nicht zuletzt durch die Wende von 1989/90 bestätigt schien. Die im Westen etablierten Werte und das Primat der Ökonomie sollten weiterhin zivilisierend wirken und zwischenstaatliche Kriegsgründe beseitigen. Stimmen in Ost wie West, die mehr politischen Austausch, die Integration von Minderheiten und das Einüben von Konfliktbearbeitung forderten, wurden wenig gehört. Und auch Immanuel Kant wurde wohl nur in Teilen gelesen. Denn schon er hatte gewarnt, wer nur den Frieden im eigenen Land im Auge habe, aber Kriege vorbereite oder willfährig geschehen lasse, könne sich nicht Friedensmacher nennen. Und von Frieden könne kaum die Rede sein, wenn er nur für bestimmte Menschengruppen funktioniert, aber auf Kosten anderer geht.

Sicherlich, Europa hat nach 1945 viel erreicht. Aber die Gegenwart und ein genauer Blick in die Geschichte zeigen auch viele Unterlassungen, denen wir uns heute stellen müssen.
 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

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Vita

Dr. Claudia Kemper ist Historikerin und wissenschaftliche Referentin am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster. Sie promovierte an der Universität Hamburg und habilitierte sich mit einer Studie über die Friedensbewegung der 1980er Jahre. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Historische Friedens- und Konfliktforschung sowie die Geschichte von Protesten und Organisationen in der jüngeren Zeitgeschichte.

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