Die duale Ausbildung: Hoch geschätzt, aber zu wenig gefragt

12.05.2022
Kurz und knapp

Die duale Ausbildung ist ein einmaliges Konzept zur Ausbildung von Fachkräften. Dr. Josephine Hofmann, Leiterin des Teams Zusammenarbeit und Führung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO beschäftigt sich seit Jahren mit ihr. Sie erklärt im Interview, was die Stärken des Systems sind und wie die duale Ausbildung wieder mehr Nachwuchskräfte findet.

Frau Hofmann, alle loben die duale Ausbildung. Was ist so gut an ihr?

Wir sind mit Fug und Recht stolz auf unser System. Die Ausbildungsberufe münden in relevanten Berufsbildern und die Qualität der Ausbildung ist generell gut. Vor allem der Mix aus einer betriebsnahen Ausbildung und dem theoretischen Unterricht in überbetrieblichen Ausbildungsstätten bzw. Berufsschulen steht für den Erfolg. Die duale Ausbildung ist die primäre Quelle unserer Fachkräfte. Wenn ich die Stärken zusammenfassen sollte, würde ich die Grundständigkeit, das gute Qualitätsniveau, eine gute Qualitätskontrolle und die große Betriebsnähe nennen.

Der letzte Punkt bezieht sich darauf, dass sich Betrieb und Auszubildender/Auszubildende früh kennenlernen. In anderen Ländern machen Menschen häufig eine rein schulische Berufsausbildung und kommen dann erst in den Beruf. In Deutschland haben Auszubildende sehr früh die Möglichkeit, in der Praxis zu arbeiten und dort festzustellen, ob ihnen der Beruf liegt oder nicht. Und seine Entwicklungsperspektiven kennenzulernen.

 

Die Bandbreite der Ausbildungsberufe ist groß – wie vergleichbar sind sie?

Es gibt da große Unterschiede. Wenn Sie heute Mechatroniker/Mechatronikerin lernen, ist das etwas ganz anderes, als wenn sie Bäcker/Bäckerin lernen. Unterschiedliche Berufsbilder fordern unterschiedliche Kompetenzen und Neigungen, aber das ist gut, weil Menschen ja unterschiedliche Begabungen haben.

Daneben gibt es auch regionale Unterschiede bei der Ausbildung. Die Berufe werden durch ernannte Prüfungskommissionen geprüft, wobei es durchaus regionenspezifische Unterschiede gibt.

 

In den letzten Jahren fehlen den Betrieben die Bewerber und Bewerberinnen. Wie ist die Situation im Moment?

Bei einer Gesamtzahl von einer halben Million Ausbildungsstellen wurden im vergangenen Jahr in vielen Bereichen rund 40 Prozent der angebotenen Ausbildungsstellen nicht besetzt. Der Trend hat sich deutlich verschärft, was sicher teilweise Corona-bedingt war, aber leider auch ein langfristiger Trend ist. Man muss aber differenzieren: Berufe wie der KFZ-Mechatroniker und die Friseurin werden von Jungen bzw. Mädchen auch heute sehr stark nachgefragt. Insgesamt ist das Interesse aber leider rückläufig.

 

Wie kommt es dazu?

In Deutschland ist die Akademisierung sehr stark vorangetrieben worden. Die Bologna-Reform mit der Einführung von Bachelor und Master hat zusätzlich dazu beigetragen. Im Ergebnis hat das dazu geführt, dass es einen Ansturm auf die akademische Bildung gibt. Im Elternhaus, aber auch in der Schule werden Kinder sehr früh stark in Richtung Studium gelenkt. Es wird vielfach als der Ausbildung überlegen angesehen. Diese Situation scheint nur noch schwierig einzufangen zu sein.

 

Wie lässt sich gegensteuern?

Die Strategie muss eine Mischung aus einer anderen Kommunikation und einer gezielten Förderung sein. Zum Ersten: Der Rückgang an Interessenten an der Ausbildung ist eine Frage von Image. Da wurde bereits viel getan.

Es ist außerdem wichtig, die Weiterbildungsmöglichkeiten im beruflichen Bildungssystem attraktiver zu machen. Nach der Ausbildung haben die Fachkräfte sehr gute Entwicklungs- und Karrierechancen. Das ist teilweise noch zu wenig bekannt. Auf der anderen Seite ist es manchmal auch aufwändig und teuer, nach der Ausbildung weiter zu lernen.

Einen Meister zu machen, bedeutet eine erhebliche zeitliche und auch finanzielle Anstrengung und wird daher gerade von Personen mitten im Erwerbsleben eben doch als zu hürdenreich erlebt. Doch auf der Ebene dazwischen gibt es im Bereich der geprüften Berufsspezialisten zunehmende und anerkannte Fortbildungsmöglichkeiten von hoher Attraktivität. Nicht zuletzt gibt es mit den neuen Abschlüssen des Bachelor Professional und des Master Professional Entwicklungspfade, die der akademischen Bildung ebenbürtig sein sollen. Man wird sehen, inwieweit diese Angebote durchsetzungsfähig und attraktiv sind. Sinnvoll wären modulare, individualisierbare Bildungspfade, die auch auf die Lebenssituation der Arbeitnehmenden abgestimmt werden können. Wir am IAO leiten z. B. gerade ein großes InnoVET-Vorhaben, das solche modularen Konzepte über die wichtigsten DQR-Stufen (DQR: Deutscher Qualifikationsrahmen, Anmerkung der Redaktion) hinweg realisiert.

 

Weitere Informationen:

Mehr über das Fraunhofer IAO erfahren Sie hier.

Mehr zum Thema Flexibilisierung der Arbeitswelt finden Sie hier.

Informationen zum InnoVET-Projekt „BexElektro“ gibt es hier.

Vita

Dr. Josephine Hofmann ist studierte Verwaltungs- und Informationswissenschaftlerin und hat an der Universität Hohenheim am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik promoviert. Sie leitet das Team Zusammenarbeit und Führung des IAO und ist gleichzeitig stellvertretende Leiterin des Forschungsbereiches Unternehmensentwicklung und Arbeitsgestaltung.

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