„Es kann nicht darum gehen, alles aus dem Netz zu verbannen“

28.06.2022
Ein Gastbeitrag von Dr. Lena Frischlich, Universität Münster

Spätestens seit der Coronapandemie ist das Thema Fake News in aller Munde. Auch im Ideenlauf, der zentralen Mitmachaktion im Wissenschaftsjahr 2022, wurden dazu viele Fragen eingereicht: Wie verändern Fake News unsere Demokratie? Wie können wir uns gegen Fake News wehren? Und wie erkennen wir sie überhaupt? Das sind einige der Fragen, die den Bürgerinnen und Bürgern im aktuellen Wissenschaftsjahr unter den Nägeln brennen. Dr. Lena Frischlich von der Universität Münster leitet die Forschungsgruppe „DemoRESILdigital – demokratische Resilienz in Zeiten von Online-Propaganda, Fake News, Fear und Hate Speech“. Hier erklärt sie, was demokratische Resilienz bedeutet und wie sie gestärkt werden kann.

Wo wir auf Fake News treffen: Social Media im Fokus

Der Vorteil der sozialen Medien ist zugleich deren größtes Problem: Jede und jeder kann sich beteiligen. Das macht es leichter, gezielt Fehlinformationen zu verbreiten. Zwar ist es schwierig, zu messen, wo die meisten Menschen mit Fake News konfrontiert werden. Doch Studien geben Hinweise darauf, dass soziale Medien von vielen als Problem eingeschätzt werden. Dies betrifft sowohl große Plattformen als auch private Kanäle, zum Beispiel auf Instagram.

Dr. Lena Frischlich ist Medienpsychologin und interessiert sich für das Zusammenspiel von Medienmerkmalen (Wie ist eine Falschnachricht aufgebaut? In welchem Kontext taucht sie auf? Wann schauen Menschen sie an?) und den Eigenschaften der Person selbst, die diese Nachricht erreicht: Reagieren alle gleich? Wann sind sie bereit, eine Meldung zu teilen?

Zunächst ist es der Wissenschaftlerin wichtig, den Begriff „Fake News“ kritisch zu hinterfragen: Dieser reiche für die Vielzahl an Phänomenen, die damit meist umschrieben würden, nicht aus. Das gehe über „gefälschte Nachrichten“ hinaus und umschließe ein „großes Spektrum an Inhalten, die mehr oder weniger der Wahrheit entsprechen“, sagt Frischlich – von falschen Informationen über irreführende Schlagzeilen bis hin zu Bildern, die in einen Kontext gesetzt werden, in den sie nicht gehören. Daher sei es wichtig, immer genau zu beschreiben, was im Einzelfall gemeint ist, betont die Forscherin.

So werde zum Beispiel „Desinformation“ strategisch verbreitet, während „Misinformation“ nur unabsichtlich in Umlauf gerät. Beide Begriffe gehören wiederum zur übergeordneten Kategorie der „Fehlinformation“. Die Unterscheidung sei zwar nicht immer leicht, weiß Frischlich, genaue Begrifflichkeiten seien aber nötig, wenn es um die Konsequenzen geht: „Niemand von uns möchte in einer Gesellschaft leben, in der jedes Gerücht unter Strafe gestellt wird. Zu einer Demokratie gehört auch, dass Leute an Dinge mit unterschiedlichem Faktizitätsgrad glauben dürfen.“

„Es gibt immer eine Abwägung von Grundsätzen“

Der Begriff der Resilienz beschreibe in der Psychologie „die Fähigkeit von Menschen, nach Erschütterung oder schlimmen Erfahrungen in ihren ursprünglichen Zustand – idealweise ein Zustand des Wohlbefindens – zurückzukehren“, erklärt Frischlich. Es gehe aber nicht nur um die Frage, ob jemand eine Belastung aushalte, sondern auch darum, wie: Welche Faktoren im Leben oder Umfeld erleichtern oder verhindern den Umgang mit Erschütterungen? Gibt es zusätzliche Belastungen, zum Beispiel durch Diskriminierungserfahrungen?

Nicht nur Individuen, auch Demokratien können erschüttert werden, sagt die Psychologin: „Antidemokratische Aspekte wie Online-Propaganda von Extremisten, Hate Speech, die bestimmten Menschen die Menschlichkeit abspricht, oder gezielte Desinformationen sind Erschütterungen von demokratischen Prozessen und Gesellschaften.“ Demokratien müssen diese Erschütterungen aushalten können, so Frischlich – und das auf eine möglichst demokratische Art und Weise.

Wolle man nicht dem „chinesischen Modell“ folgen, könne nicht alles aus dem Netz verbannt werden: „Es muss viel eher darum gehen, Menschen zu befähigen, mit solchen Erschütterungen klarzukommen und ihnen Schutzfaktoren an die Hand zu geben“, glaubt die Wissenschaftlerin. Auch das Netz müsse so gestaltet sein, dass man mit diesen Erschütterungen einen demokratischen Umgang finden und sich als Bürger oder Bürgerin eine begründete Meinung bilden könne. „Darunter verstehe ich demokratische Resilienz“, sagt Frischlich.

Umgekehrt heiße das aber nicht, alles zulassen zu müssen: „Wir haben kein Grundrechtssystem, das sagt, man darf immer alles gegen jeden tun. Es gibt immer eine Abwägung von Grundsätzen.“Die freie Meinungsäußerung höre da auf, wo andere verletzt würden. Die Frage, welche sich die Gesellschaft stellen müsse, sei also: Wie demokratisch wollen wir das Internet gestalten? Wo fängt man an und wo hört man auf, Dinge zu verbieten?

„Einmal tief durchatmen und nicht alles teilen"

Wenn es die Freiheit geben soll, Fehlinformationen zu verbreiten, muss die Resilienz ihnen gegenüber gestärkt werden – auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Doch wie? Diese Frage sei schwer zu beantworten, gibt Frischlich zu. Es handele sich um das, was im Englischen als „wicked problem“ – ein verzwicktes Problem – bezeichnet werde, so die Forscherin: Bei einem solchen sorgen unüberschaubare und widersprüchliche Faktoren und Abhängigkeiten dafür, dass ein Problem kaum oder gar nicht lösbar erscheint.

Eine der einfachsten Möglichkeiten, selbst etwas zu tun, sei, sich klarzumachen, dass man nicht alles teilen muss, sagt die Wissenschaftlerin. Bei jedem Post könne man sich die Frage stellen: „Muss ich das im Netz verbreiten oder nicht?“ Und: Sind Nachrichten darauf angelegt, uns in einen emotionalen Empörungszustand zu versetzen, sei es angebracht, einmal tief durchzuatmen und sich zu fragen, ob man hier als „Megaphon“ dienen will.

Eine weitere Möglichkeit sei es, sich eine individuelle „Mediendiät“ aus unterschiedlichen vertrauenswürdigen Quellen zusammenzustellen, die es einem erlaubt, nicht immer alles Seite für Seite selbst zu überprüfen. Jede und jeder müsse sich „bewusst machen, dass wir alle eine gewisse Verantwortung haben“ – und dass unser Handeln im Netz Auswirkungen hat. Frischlich selbst folgt der Grundregel, nichts zu teilen, bevor sie nicht mindestens den Absender-Account geprüft und eine zweite unabhängige und vertrauenswürdige Quelle gefunden hat.

Auf gesellschaftlicher Ebene würden Desinformationen häufig an Ressentiments und Vorurteilen ansetzen, wie es zum Beispiel bei den Geflüchteten zwischen 2015 und 2018 der Fall gewesen sei, so Frischlich: „Um derartigen Nachrichten den Boden zu entziehen, ist es wichtig, sich mit den jeweils zugrunde liegenden Problemen auseinanderzusetzen.“ Dafür brauche es Ressourcen und Zeit an Schulen, Angebote für ältere Mediennutzerinnen und -nutzer sowie vor allem „einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie wir überhaupt mit Fehlinformationen umgehen“.Auch die Plattformen selbst müssten ihrer Verantwortung nachkommen, zum Beispiel indem sie Inhalte kennzeichnen oder Algorithmen bauen, die vertrauenswürdige Inhalte bevorzugen. „Es ist ein großes, komplexes Problem, das eine gemeinsame Anstrengung von vielen Leuten erfordert“, betont die Wissenschaftlerin. „Es geht nur miteinander.“

 „Ich bin optimistisch, dass wir das auch diesmal schaffen“

Apropos Miteinander: Bis auf wenige Ausnahmen sei das Vertrauen in verschiedene Institutionen während der Pandemie in Deutschland nicht grundsätzlich gesunken, sagt Frischlich. Beim Thema Medienvertrauen gäbe es allerdings schon seit Jahren eine Polarisierung: „Ein Großteil der Leute hat ein hohes Medienvertrauen. Aber es gibt eine kleine Gruppe, die den etablierten Medien sehr stark misstraut.“ Das sei oft diejenige Gruppe, die auch an Verschwörungstheorien glaubt. Auch wenn diese während der Pandemie nicht unbedingt explodiert sei, betont die Forscherin: „Wir müssen aufpassen, dass wir keinen Block aufbauen: Auf der einen Seite Leute, die alles glauben, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erzählen. Und auf der anderen Seite einen harten Kern, der alles ablehnt.“ Die Wirklichkeit sei viel komplexer.

Grundsätzlich blickt Lena Frischlich zuversichtlich in die Zukunft: „Wir müssen nicht in Panik verfallen.“ Gerüchte, Fehl- oder Falschinformationen habe es schon immer und mit jedem neuen Medium gegeben – bis jetzt hätte die Menschheit immer gelernt, damit zu leben. Natürlich müsse man dafür einiges tun und es gebe auch keine schnellen Lösungen. Aber gerade in Zeiten, in denen gefühlt eine Krise die nächste jage, und man gar nicht mehr weiß, wem oder was man eigentlich noch glauben soll, sei es wichtig, sich klarzumachen: „Der Großteil dessen, was im Netz zu finden ist, sind keine Fehlinformationen. Es gibt einfach sehr viel mehr Katzenvideos als Fake News.“


Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​
 

Weitere Informationen:

Vita

Lena Frischlich ist promovierte Medienpsychologin. Derzeit leitet Sie am Institut für Kommunikationswissenschaften an der WWU in Münster eine interdisziplinäre Nachwuchsforschungsgruppe zum Thema Demokratische Resilienz. Frischlich ist seit 2021 Sprecherin der Fachgruppe Medienpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und seit 2020 Mitglied im Jungen Kolleg der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

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