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Die Geschichte des 1. Mai

01.05.2022
Kurz und knapp

Elf Menschen starben im Mai 1886 bei einer Bombenexplosion auf dem Chicagoer Heumarkt, wo Arbeiterinnen und Arbeiter für mehr Mitspracherecht, Beteiligung und bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten. Dieses Ereignis begründete die Ausrufung des „Tags der Arbeit“ am 1. Mai in vielen Ländern. Die Nationalsozialisten missbrauchten den Feiertag für Propaganda, nach dem Zweiten Weltkrieg feierten ihn Ost und West unterschiedlich. Heute ist er für viele ein Familientag, aber auch die Gewerkschaften nutzen ihn für Kundgebungen.

Hüpfburgen statt Arbeiterproteste

„1. Mai – Familientag mit Hüpfburg, Torwand und Hau den Lukas“ steht auf dem Plakat in einer Bäckerei in einer westfälischen Kleinstadt. Weiter unten folgt eine Einladung zu Kuchen und Bratwürsten. Der 1. Mai ist heute ein Tag, an dem Eltern und Kinder den Beginn des Frühlings feiern und gemeinsam mit Freunden, Freundinnen und Bekannten hinaus an die frische Luft gehen, eine Radtour machen oder sich auf Festen vergnügen. Der Wandel der Arbeitswelt hat dazu geführt, dass der politische Hintergrund des Tages in den vergangenen Jahren verblasst ist. Immer mehr Produktionsstätten wurden ins Ausland verlagert, große Industrien wie der Bergbau wurden geschlossen. Mit ihnen verschwanden die Arbeiterinnen und Arbeiter als bedeutende gesellschaftliche Klasse. Dabei haben wir den gesetzlichen Feiertag ihnen zu verdanken.
 

Blutige Anfänge: Der 1. Mai 1886

Der Gedenktag wurde eingeführt, um an den 1. Mai 1886 zu erinnern. An diesem Tag begann in den USA ein mehrtägiger Generalstreik, um den Achtstundentag durchzusetzen. Der 1. Mai galt in Amerika traditionell als sogenannter Moving Day, als Stichtag für den Abschluss oder die Aufhebung von Verträgen, womit häufig ein Arbeitsplatz- und Wohnungswechsel einherging. Zwei Tage lang verlief der Protest friedlich, die Demonstrationen neigten sich dem Ende zu, als die Polizei mehrere Streikposten angriff und tötete. Es folgte ein Protest der Demonstrierenden auf dem Haymarket, dem Chicagoer Heumarkt. Völlig unerwartet explodierte dort eine Bombe und riss vermutlich elf Menschen in den Tod – wer sie zündete, ist bis heute ungeklärt. Daraufhin wurde das Kriegsrecht ausgerufen, vier Arbeiterführer wurden ohne eindeutige Beweise hingerichtet und die Regierung erließ strenge Maßnahmen gegen die Gewerkschaften.
 

Ein Feiertag missbraucht für Nazipropaganda

Die amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter entmutigte das nicht. Sie erklärten den 1. Mai drei Jahre nach diesen Ereignissen zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“. Ab 1890 demonstrierten auch die französischen und deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter.

Nach dem Ersten Weltkrieg erklärte die Weimarer Nationalversammlung den Tag 1919 zum allgemeinen Feiertag. Schon ein Jahr später machten bürgerliche Parteien die Entscheidung rückgängig, doch die Nationalsozialisten führten 1933 zum selben Termin einen „Feiertag der nationalen Arbeit“ ein. Sie veränderten jedoch seine Bedeutung: Er sollte ein nationalsozialistischer Kampftag sein. Linke Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden verhaftet, gewerkschaftliches Eigentum beschlagnahmt. NS-Paraden, Aufmärsche und Industrieschauen prägten ihn. Am 1. Mai 1933 pflanzte Adolf Hitler eine Eiche auf dem Tempelhofer Feld – doch sie stand nur ein paar Wochen. Unbekannte fällten sie aus Protest gegen die Nazis.
 

Im Westen Protest, im Osten Jubel

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs feierten die Deutschen in West und Ost zwei verschiedene Feste am 1. Mai: Im Westen nutzten die Gewerkschaften den Tag, um Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Straße zu bringen und ihre Forderungen an die Bosse lautstark zu artikulieren. In Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, feierte die Planwirtschaft sich selbst – mit Unterstützung des Militärs. Die Partei- und Staatsführung nahm auf einer Tribüne am Volkskammergebäude eine Militärparade ab und Arbeiterinnen und Arbeiter zogen jubelnd an den Parteioberen vorbei.


Linke Krawalle weichen Straßenfesten

Seit dem Mauerfall hat sich der Feiertag erneut gewandelt. Die Umstrukturierung der Wirtschaft hat die Gewerkschaften Mitglieder gekostet, die Kundgebungen wurden kleiner. Große Aufmerksamkeit bekamen in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die 1.-Mai-Krawalle in deutschen Großstädten, vor allem in Berlin. Dort lieferten sich linke Demonstrantinnen und Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei.

In den vergangenen Jahren haben die wütenden Aufmärsche weitgehend friedlichen Straßenfesten Platz gemacht. Gewerkschaftsveranstaltungen, auf denen die Teilnehmenden mehr Mitbestimmung und Gerechtigkeit in der Arbeitswelt fordern, finden aber nach wie vor statt – und auch für 2022 ist in Berlin wieder die „Revolutionäre 1. Mai-Demonstration“ angekündigt.

Wenn der Feiertag nicht wie in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, freuen sich alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über den freien Tag. Der 1. Mai ist im Kalender als besonderes Datum fest verankert, auch wenn sich heute kaum jemand an die Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Chicagoer Heumarkt erinnert.

 

 

 

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