„Fragen und Antworten gehören zum Wesen der Demokratie“

04.01.2022
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Erler, Universität Würzburg

Das Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt! rückt die Fragen der Bürgerinnen und Bürger für die Wissenschaft in den Fokus. Denn Fragen sind wichtig. Warum das in der Menschheitsgeschichte schon immer so war und was das insbesondere für demokratische Systeme bedeutet, können nur wenige so gut erklären wie der Altphilologe Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Erler.

Ohne Fragen keine Literatur – und keine Wissenschaft

Fragen stellen zu können und zu dürfen, sei in vielen kulturellen Bereichen der Antike von fundamentaler Bedeutung gewesen, sagt Michael Erler. Der 68-jährige Altphilologe beschäftigt sich sein gesamtes wissenschaftliches Leben mit der Bedeutung von Fragen für das Gemeinwesen und menschliches Miteinander, insbesondere in der Antike. „Als Bürgerin und Bürger Fragen stellen und Antworten erwarten zu können – das war im 5. Jahrhundert vor Christus geradezu die Basis der Attischen Demokratie“, führt er aus. Damals sei das freimütige Fragenstellen als Grundregel dessen formuliert worden, was Demokratie überhaupt ausmacht.
Auch sei aus den großen Grundfragen der Menschen die europäische Literatur entstanden – denn nicht zuletzt, weil die Menschen Fragen hatten, seien Texte geschrieben worden. „Nehmen Sie die großen griechischen Epen von Homer wie die Illias oder die Odyssee“, sagt Erler. Diese sind im Grunde nichts anderes als sehr ausführliche Antworten auf die Frage, wie sich Menschen unter besonderen Umständen verhalten.“ Das gelte auch für andere Werke – etwa die „Theogonie“ Hesiods als Antwort auf die Frage nach der Entstehung der Welt oder die großen Tragödien als Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Göttern und Menschen.

 

Andere Zeiten, gleiche Fragen

Viele der Fragen von vor mehreren tausend Jahren würden auch heute als relevant und modern angesehen, sagt Erler – wenn auch in einem anderen gesellschaftlichen, politischen und technologischen Umfeld. So hätten sich die Menschen etwa schon immer Gedanken darüber gemacht, wie die Nutzung bestimmter Medien die Verständigung untereinander prägt und verändert. In der Antike ging es dabei um Probleme bei der Verwendung von geschriebenen Texten (Platon), weil diese keine lebendigen Gespräche mit Frage und Antwort ersetzen – und heute eben um den Umgang mit Internet, Smartphones und Social-Media-Blasen.

Erler, der von 1991 bis 2019 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg lehrte, wurde insbesondere durch seine Bücher über die griechischen Philosophen Platon und Sokrates bekannt. Von diesen könne auch der heutige Wissenschaftsbetrieb lernen, glaubt er. „Sokrates begegnete überall Menschen, die meinten, die richtigen Antworten zu haben“, sagt Erler. „Und genau denen stellte er kritische Fragen. Damit brachte er sie durcheinander, regte sie zum Nachdenken an oder erschütterte auch mal deren Weltbilder – und so entstand ein wissenschaftlicher Dialog.“

 

Was bringt meine Forschung der Gesellschaft?

Vom Wissenschaftsjahr 2022 erhofft sich Erler, dass vor allem die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Wissenschaft und Forschung immer wieder aufgeworfen und diskutiert werde: „Es wäre gut, wenn sich jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler häufiger fragen würde: ‚Warum machen wir das eigentlich? Was mache ich konkret mit den Erkenntnissen, die ich durch meine Forschung gewinne? Und was bringt das den Menschen?‘ – und dies dann auch so erklärt, dass alle Menschen es verstehen und etwas damit anfangen können.“ Die Fragen der Bürgerinnen und Bürger könnten dabei helfen, den Wissenschaftsbetrieb hierfür noch stärker zu sensibilisieren, glaubt Erler.

Das sei umso wichtiger in Zeiten des Internets, das, so Erler, zwar viele Antworten auf alles Mögliche zu liefern scheint – aber keine Orientierungshilfe gibt, um zu entscheiden, was die eigentlich entscheidenden, die relevanten, die großen Fragen sind und wie man aus der Fülle der Informationen richtig auswählen kann oder soll. „Im Grunde ist das Internet ja ein Raum, in dem es kaum möglich ist, große Fragen zu stellen und diese im Gespräch durch Frage und Antwort zu diskutieren“, findet Erler. Wenn das Wissenschaftsjahr 2022 hier ein wenig Abhilfe schafft, würde ihn das sicherlich sehr freuen.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weitere Informationen

Sie wollen im Wissenschaftsjahr 2022 auch mit Ihrer Frage für die Wissenschaft zur Diskussion beitragen?

  • Ab dem 14. Januar geht’s los mit dem IdeenLauf. Was das ist und wie Sie sich einbringen können, erfahren Sie hier.
  • Hier bekommen Sie Informationen über die Auftaktveranstaltung des Wissenschaftsjahres 2022 am 14. Januar 2022.

Vita

Michael Erler, Prof. em. für Klassische Philologie, Seniorprofessor und Mitglied des Direktoriums (chair) des ‚Siebold-Collegiums. Institute for Advanced Studies‘ (SCIAS) der Universität Würzburg. Erler studierte Klassische Philologie und Philosophie in Köln und London; er war Junior Fellow am Center for Hellenic Studies, Washington D. C., Fellow am Institute for Advanced Study, Edinburgh; er hatte den Vorsitz in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften (International Plato Society; Gesellschaft für antike Philosophie; Mommsen Gesellschaft; Sokratische Gesellschaft). Erler ist Autor zahlreicher Monographien und Aufsätze zu Platon, Platonismus, Epikur, Epikureismus, griechisches Drama, hellenistische Literatur und römische Philosophie.

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