Gemeinsam Mobilität neu denken und Stadträume entwickeln

14.10.2022
Ein Beitrag von Jana Wegener, Ute Goerke, Dr. Jan-Hendrik Kamlage, Ruhr-Universität Bochum

Der Titel unseres dreijährigen Forschungsprojektes „Beweg dein Quartier“ war eine Aufforderung an die Menschen in zwei Stadtquartieren in Essen und Offenbach ihre Alltagsexpertise im Bereich der Mobilität einzubringen und ihr Umfeld umzugestalten. Im Folgenden skizzieren wir, welche Vorteile ambitionierte und offene Beteiligungsangebote haben, welche Formate wir anwendeten und worauf es bei der Planung der Prozesse ankommt.

 

Warum überlassen wir die Planung nicht den Expert:innen?

Das Quartier ist als Wohnumfeld direkt vor der eigenen Haustür der Ort, wo unsere eigenen Wege anfangen und enden. Die Bewohner:innen kennen ihre Bedürfnisse und Alltagswege. Gleichzeitig sind sie die Betroffenen von Veränderungen ihres Wohnumfeldes. Daher lud das Forschungsprojekt „Beweg dein Quartier“ die Bewohner:innen ein, die Zukunft ihres Quartiers mitzugestalten. Ihre Alltagsexpertise und unterschiedlichen Perspektiven sind besonders wichtig für (städtische) Planungen. Diese orientiert sich so stärker an den Bedürfnissen der Menschen und wird akzeptierter. Damit besteht die Chance, Interessenskonflikte frühzeitig zu bearbeiten und gemeinsam getragene Lösungen hervorzubringen.

 

Wie funktioniert co-kreative Ideenentwicklung?

Ein frühzeitiges und aktives Erkunden der Quartiere ist der erste Schritt der Planung, um einen passgenauen Beteiligungsprozess aufbauen zu können. Der Prozess war mehrstufig aufgebaut und kombinierte Formate der Information und dialogischen Beteiligung miteinander: Den Auftakt machte eine Online-Umfrage. Die Bewohner:innen brachten ihr Wissen zur Raumwahrnehmung, ihren Alltagswegen sowie zur Aufenthaltsqualität im Quartier mithilfe eines kartenbasierten Tools ein. Im Fokus der Beteiligungsprozesse standen die vier Themenfelder Radverkehr, Fußverkehr, Aufenthaltsqualität und öffentliche Mobilitätsangebote. Wichtig war uns, die Themen nicht isoliert, sondern ganzheitlich im Zusammenhang mit urbaner Lebensqualität zu behandeln.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Online-Umfrage erarbeiteten Bewohner:innen, Vertreter:innen von Vereinen und Einrichtungen des Quartiers sowie Expert:innen in einer mehrteiligen Workshop-Reihe Projektideen für eine bessere Mobilität und ein lebenswerteres Umfeld.

In einem Online-Voting wählten Anwohnende und Interessierte daraufhin die beliebtesten Ideen aus. Der anschließende Aktionsmonat „1 Monat Zukunft“ diente dazu, einige der Ideen temporär zu erproben – von abstrakten Ideen hin zur konkreten Erfahrung: Für einen begrenzten Zeitraum testeten wir Umnutzungen und Neuaufteilungen des Straßenraums, um Wandel erlebbar zu machen.

Am Ende der Beteiligungsprozesse gaben die Bürger:innen und Vertreter:innen der Stadtverwaltungen in Essen und Offenbach zusammen im abschließenden Workshop den Schlüsselprojekten den Feinschliff. Durch die Einbindung der Verwaltungsvertreter:innen konnten die Möglichkeiten und Grenzen der Ideen gemeinsam ausgelotet und unrealistische „Projekt-Wunschlisten” vermieden werden.

Die entstandenen Ideen umfassen ein breites Spektrum von Maßnahmen zur Verbesserung nachhaltiger Verkehrsinfrastrukturen und der Aufenthaltsqualität. Die Menschen entwickelten Ideen für durchgehende und breitere Radwege, sichere Fußüberquerungen, mehr Straßenbäume und Stadtgrün auf öffentlichen Plätzen sowie ergänzende Mobilitätsangebote (z. B. Bikesharing-Stationen).

Ein Mehrwert entstand gerade aus dem Zusammenspiel der Formate, weil diese inhaltlich aufeinander aufbauten und unterschiedliche Akteursgruppen einbezogen. So identifizierten wir zunächst Bedarfe des Wandels, entwickelten schrittweise neue Ideen, die dann teilweise erprobt wurden. Letztlich stimmten wir diese mit der Verwaltung ab, um die Chancen auf Umsetzung zu maximieren.

 

Was passiert nun mit den Ergebnissen?

Um einen nachvollziehbaren und transparenten Umgang mit den Ergebnissen zu sichern, entwickelten wir im Vorfeld ein schriftlich fixiertes Beteiligungsversprechen mit den beiden Kommunen. Diese verpflichteten sich, ein öffentliches Feedback zu den Schlüsselprojekten abzugeben. Offenbach sicherte die Unterstützung von mindestens fünf Projektideen zu. Alle Projektideen inkl. dieses Feedbacks sind in den beiden „Agenda Maps“, den Ergebnisbroschüren für die Quartiere (Agenda Map Essen, Agenda Map Offenbach), dargestellt.

Die Abschlussdokumentation des Projekts stellt die Erkenntnisse des Beteiligungsprozesses ansprechend vor und will andere Kommunen und Initiativen zur Nachahmung animieren. So kann ein partizipativer Ansatz die Alltagsexpertise der Bürger:innen und Anwohner:innen noch vor Beginn der Planungen aufgreifen und in die Entwicklung des Quartiers einfließen lassen. Gleichzeitig erfahren Lokalpolitik und Verwaltung, was für konstruktive, alltagstaugliche Vorschläge entstehen können, wenn ein offenes Angebot zur Mitgestaltung da ist.

Das Projekt „Beweg dein Quartier“ wurde im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gefördert. Partner des Projekts ist das Hamburger Stadtentwicklungsbüro urbanista.

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weiterführende Informationen

Die Abschlussdokumentation zum Forschungsprojekt finden Sie hier. Auf der Website sowie auf Instagram erfahren Sie mehr zu „Beweg dein Quartier“.

Das Projekt wurde mit dem 1. Preis beim polis AWARD für Stadt- und Projektentwicklung in der Kategorie Kommunikative Stadtgestaltung ausgezeichnet. Mehr dazu finden Sie hier.

Info zur Forschungsgruppe

Dr. Jan-Hendrik Kamlage leitet die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Partizipation und Transformation“ am Centrum für Umweltmanagement, Ressourcen und Energie (CURE) der Ruhr-Universität Bochum. Jan-Hendrik Kamlage, Ute Goerke und Jana Wegener beschäftigen sich in ihrer Forschung mit Bedingungen, unter denen Transformationen mit Mitteln des offenen Austauschs, der Co-Kreation und der Zusammenarbeit am erfolgreichsten sind.

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