Gruppenkonflikte

10.05.2022
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Beate Küpper, Hochschule Niederrhein

Der Krieg in der Ukraine kann als Gruppenkonflikt verstanden werden. Er hat auch Einfluss auf das Zusammenleben hierzulande. Stets geht es um Ressourcen und um Identität. Beide Aspekte sind daher auch zentral für die Bearbeitung von Konflikten zwischen Gruppen vor Ort.

Der schreckliche Krieg in der Ukraine bewegt die Menschen auch hier zulande sehr – die Zerstörungen, die vielen Toten und Verletzten und die beschämende Ahnung aus der Vergangenheit, wie furchtbar Deutsche in der Zeit des Nationalsozialismus gerade auch in der Ukraine gewütet haben. Mit Sorge fragen sich viele auch, was der Krieg für uns in Deutschland mit Blick auf Sicherheit, Wohlstand und das Zusammenleben bedeutet. Bei der Aufnahme der vielen flüchtenden Menschen ist die Hilfsbereitschaft groß und viele Kommunen sind mittlerweile besser aufgestellt. Schon wird, verbunden mit vielen Aktivitäten und Erwartungen, von Integration gesprochen (wobei die allermeisten der Gekommenen sicher hoffen, bald wieder zu Hause sein zu können). Ebenso wachsen Befürchtungen vor möglichen Konflikten in den Kommunen.
 

Wie kommt es zu Konflikten zwischen sozialen Gruppen?

Soziale Gruppen bilden sich, wenn Menschen zusammentreffen, sich zusammengehörig fühlen und die gleichen Ziele verfolgen bzw. meinen, das zu tun. Egal, ob sie sich tatsächlich kennen oder je treffen, das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, reicht aus. Die Begegnung zwischen sozialen Gruppen kann harmonisch verlaufen, aber auch konfliktär, ausgedrückt in Ignoranz, Abwertung, Ausgrenzung, Feindseligkeit oder im schlimmsten Fall Gewalt. Aus einer sozialpsychologischen Perspektive spielen bei Gruppenkonflikten zwei zentrale Aspekte eine Rolle, egal ob es um Konflikte auf Ebene von Staaten, in Kommunen, in Fußballstadien oder auf dem Schulhof geht: Ressourcen und Identität. Ressourcen sind sowohl materielle Ressourcen wie Land, Wasser oder Bodenschätze als auch immaterielle Ressourcen wie die schiere Größe eines Landes, Sicherheit, Einfluss oder Werthaltungen. Dabei geht es nicht nur um die Verteilung von Ressourcen, also darum, wer über sie verfügt und bestimmt, sondern auch um den Vergleich, wer mehr, wer weniger hat, und um gefühlte kollektive Benachteiligungen, also das Gefühl, die eigene Gruppe bekommt weniger als ihr vermeintlich zusteht.
Beim aktuellen Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird beispielsweise angenommen, dass es nicht nur um fruchtbares Land, die Industrie in der Kohleregion und den Zugang zum Meer geht, sondern auch um den Kampf zwischen westlichen Werten, also einer demokratischen und liberalen Weltanschauung, und traditionellen, hierarchischen, „russischen“ Werten, von der russisch-orthodoxen Kirche religiös als „metaphysischer Kampf“ eingebettet. Hier kommt dann auch die Identität ins Spiel, das heißt, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach einem positiven Selbstwert. Dazu trägt auch die Identifikation mit einer positiv bewerteten sozialen Gruppe bei. Um diese im Vergleich zu anderen besser dastehen zu lassen, ist die Abwertung der anderen einfaches Mittel zum Zweck. Die Abwertung dient dann im schlimmsten Fall zur Rechtfertigung von Gewalt. Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung sind eine mögliche Folge: Als (auch beauftragte) Konfliktstrategie demonstrieren sie Macht, verbreiten Angst und Schrecken und entstehen aus Gruppendynamiken heraus aus Frust und Langeweile, vorbereitet von der ideologisch unterfütterten Abwertung und Entmenschlichung der Opfer.  
 

Zwischen Willkommen und Hass

Dass Deutschland als Land mitten in Europa schon immer ein Einwanderungsland war, hat sich langsam herumgesprochen. Wenngleich etwas zeitverzögert zu vielen anderen europäischen Ländern, betrachtet inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland Einwanderung eher als Chance denn als Bedrohung. So forderten fast zwei Drittel der im Rahmen der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung repräsentativ ausgewählten Befragten: „Wir müssen uns stärker für eine vielfältige und offene Gesellschaft einsetzen.“ Bereits in der Fluchtbewegung 2015/16 wurden geflüchtete Menschen von der Mehrheit willkommen geheißen – anders als vielfach behauptet ist auch damals die zunächst sehr positive Stimmung keineswegs gekippt, nur etwas abgeflaut. Dennoch gab und gibt es auch jede Menge Vorurteile und Rassismus und einen Höchststand an Hasstaten gegenüber jenen, die als „fremd“ betrachtet werden. Es besteht der bislang empirisch noch nicht geprüfte Verdacht, dass die nun aus der Ukraine nach Deutschland kommenden Menschen mit offeneren Armen begrüßt werden als Personen etwa aus muslimisch geprägten Ländern und als People of Colour. Ebenso besteht der Verdacht, es werde nun feindselig unterschieden zwischen Personen aus der Ukraine und Personen mit familiären Wurzeln aus Russland. Wie heftig die vermeintliche „Russenfeindlichkeit“ tatsächlich ist, ist noch nicht abschätzbar. Erschwerend kommt hinzu, dass damit auch von russischer Seite aus Propaganda gemacht wird, um diese Menschen für den Mythos der Bedrohung Russlands durch den Westen zu instrumentalisieren; umgekehrt beobachten einige eine Dämonisierung von Russland.
 

Kommunale Konflikte

Im Zuge des Ukrainekriegs muss mit Konflikten in den Kommunen hierzulande gerechnet werden: zwischen Personen aus unterschiedlichen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, zwischen Geflüchteten aus unterschiedlichen Ländern, die als Flüchtlinge erster und zweiter Klasse betrachtet werden, Ablehnung und Ressentiments, Konflikte aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen und Erwartungen von Alteingesessenen, neu Hinzukommenden und auch der kommunalen Verwaltung. Heißes Thema sind auch Kitas und Schulen, wo ohnehin Fachkräftemangel herrscht und die Coronapandemie aufgearbeitet werden muss. In jedem Fall gilt es, Kommunen und Institutionen rund um Migration, Flucht und Integration konflikttauglicher und krisenfester zu machen: Regelmäßige Runde Tische, in denen sich Verwaltung, Zivilgesellschaft und Fachexpertise trifft und gemeinsam überlegt wird, wie Abläufe noch besser gestaltet werden können; das hilft dann auch, noch besser zu reagieren, wenn außergewöhnliche Ereignisse eintreten, wie eben jetzt der Krieg in der Ukraine. Die Einbindung der unmittelbar Betroffenen ist hierbei ganz zentral, damit Integration nicht an ihren Bedarfen vorbeiläuft. Dabei ist Integration keine Einbahnstraße, sondern funktioniert nur, wenn alle mitmachen, neu Hinzukommende wie Alteingesessene. Nicht zuletzt ist das Thema Integration auch deshalb wichtig, weil sich gerade an diesen Themen Konflikte entzünden und gezündelt werden, die eigentlich ganz andere sind, etwa Probleme von Armut, mangelnder Bildung und sozialer Ungleichheit. Darin spiegelt sich auch der Anspruch vermeintlicher Vorrechte und Vormachtstellung.
 

Wir können es besser

Der Populismus der letzten Jahre hat – leider – erfolgreich gezündelt, Gefühle von Bedrohung und Benachteiligung geschürt, Identitäten gegeneinander ausgespielt, Wut und Hass angestachelt. Das Willkommenheißen der Menschen aus der Ukraine, die Besonnenheit vor Ort, das konstruktive Aushandeln, die Bearbeitung auch schwieriger Konflikte in Kommunen – all das zeigt aber, so viel mühsamer und komplizierter es ist, dass wir es gemeinsam besser können. Förderlich sind dabei gegenseitiger Respekt und Anerkennung von Unterschiedlichkeit, der Blick auf Gemeinsamkeiten und nur zusammen zu erreichende Ziele, eine faire Verteilung von Ressourcen ebenso wie Großzügigkeit orientiert an der Leitidee des Grundgesetzes, der Würde und Gleichwertigkeit aller Menschen.
 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weitere Informationen:

 

Vita

Prof. Dr. Beate Küpper ist Sozialpsychologin und Professorin für Soziale Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein. Sie arbeitet zu Integration und Diversity, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Derzeit führt sie das Projekt „Kommunales Konfliktmanagement – Teilhabe und Integration fördern“ durch, finanziert von der Stiftung Mercator und dem Land Nordrhein-Westfalen.

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