Hin zu einem anderen Selbst!

22.02.2022
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Michaela Ott, HFBK Hamburg

Die ökologischen und globalpolitischen Herausforderungen der Gegenwart verlangen veränderte Haltungen und Tugenden. Neue Arten der Um-Sicht und Neu-Gier erscheinen vonnöten. Denn diese dürfen nicht länger als bloße Eigenschaften von Individuen und Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer betrachtet werden.  Vielmehr sollen sie als gesellschaftliche Tugenden begriffen werden, die sich den notwendigen Umgestaltungen stellen, integrative Haltungen befördern und das Gemeinsame in den Vordergrund rücken.
 

Biologie und Soziologie, Technologie und Ökologie lehren heute, dass zur Fortexistenz des menschlichen Daseins um- und weitsichtige Teilhabe gehört. Erneuerung könne nur erfolgen, wenn wir unsere Existenz mit der Sorge um die Erde als ganzer verbinden und Neugier und Interesse an deren Regeneration entwickeln. Nur pflegliche Teilhabe eröffnet eine Chance auf Zukunft. Dafür aber braucht es die Zusammenarbeit der Wissenschaften mit gewandelten Bereichen der Lebenswelt.

Um-Sicht und Neu-Gier: Wir Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, aufgeweckt, empathisch und denkfreudig, beginnen zu verstehen, dass eine neu-alte Tugend, genannt Um-Sicht, mehr denn je vonnöten ist. Dass sie zur Haupttugend aufsteigen muss, so wir die zeitgenössischen ökologischen und globalpolitischen Herausforderungen annehmen und uns dem allseitigen Wandel stellen wollen. Um-Sicht bezieht sich dann nicht nur auf das Durchkommen der Einzelnen, sondern auf die Berücksichtigung und Förderung umgebender Lebensformen.

Auch Neu-Gier muss eine Umdeutung erfahren, weniger Gier nach Einheimsung von Fremdem als vielmehr bedachte Einlassung in die ökologischen und globalpolitischen Verflechtungen bedeuten. Das damit einhergehende Interesse sollten wir im Wortsinn als Dazwischen-Sein praktizieren, als Lust an der Erweiterung unseres Blickwinkels und unserer Rücksichtnahme, in Zeit und Raum. Bei dieser unbeendbaren Erkundung hilft uns die Wissenschaft.

Immunitäts-Pflege: Nicht zuletzt hat uns die aktuelle Immunitätskrise gelehrt, dass wissenschaftliche Erkenntnis für Urteile über Leben und Tod und für das Management des sozialen Mit-ein-anders unabdingbar ist. Die Ansteckungsgefahr erinnert daran, dass wir durchlässig sind und diese Durchlässigkeit in Pflege nicht nur des einzelnen, sondern des Gesellschaftskörpers überführen müssen. Sie zwingt zur Einsicht, dass wir uns nicht als Individuen, als wörtlich Ungeteilte, sondern als vielfach Zugeteilte und Zuteilende begreifen sollten, wie uns Biologie und Soziologie, vor allem aber Technologie und Ökologie heute lehren.

Selbst die bildende Kunst zeigt aktuell an, dass ihre ästhetischen Setzungen mit Ansteckung und Um-Sicht beginnen. Neu-gierig gräbt sie sich in Wissensarchive ein, sammelt und gestaltet, um sich vom Fortgang ihrer Suche überraschen und selbst transformieren zu lassen. Historisch und politisch interessiert, distanzieren sich Kunstpraktiken heute vom Autonomieverständnis, um sich als teilhabende Forschung zu artikulieren. Diese Teilhabe bedeutet dann: in den Erkenntnisprozess verflochten, als nicht-individuelles ästhetische Statement hervorgebracht.

Dank der digitalen Zugriffe gilt diese Mischung aus Einlassung und Neukonstellierung für viele Prozesse der Lebenswelt: Personen erkunden Belange im Internet und werden zu Expertinnen und Experten nach Maßgabe der dargebotenen Information. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind allerdings nicht immer leicht zugänglich und in Alltagswissen übersetzbar. Daher besteht die Gefahr, dass sie, auf marktförmig Verdaubares heruntergebrochen, als bloße Meinung kursieren und den Wunsch nach sachkundiger Beteiligung enttäuschen – hier setzt die Verantwortung des Wissenschaftsministeriums ein.

Sich als wissenschaftlich interessierte, reflexiv und praktisch um-sichtige Person zu wollen, ist eine Forderung, die den Notwendigkeiten unserer Zeit entspricht. Sich als mitbedingt und mitbedingend zu verstehen und das eigene Wohlbefinden an das Wohlleben anderer Kulturen und Kontinente zu binden, wäre eine Haltung, die in die Zukunft weist. Um das Weiterleben der Erde zu befördern, braucht es alle Wissenschaften, braucht es politische Um-Sicht und gesellschaftliches Inter-esse an der Teilhabe am unausweichlichen Umgestaltungsprozess.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Michaela_Ott 

http://www.yeast-art-of-sharing.de/2016/05/es-lebe-die-dividuation-interview-mit-prof-dr-michaela-ott/

https://www.podcampus.de/nodes/RgyvO

https://www.youtube.com/watch?v=a9UyiQUMLEE 

Vita

Michaela Ott, Professorin für Ästhetische Theorien an der HFBK Hamburg. Von der französischen Philosophie herkommend, befasse ich mich mit Fragen der Affizierung, der Dividuation, des (Post)kolonialen und Komposit-kulturellen und zunehmend mit afrikanischer Philosophie und Kunst.

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