Meeresschildkröte vor Plastikflut gerettet – Küstenputztag 2022

17.09.2022
Ein Gastbeitrag von David Pfender vom NABU (Naturschutzbund Deutschland e. V.)

Heute, am 17. September 2022, ist International Coastal Cleanup Day – ein Tag, der alles beinhaltet: Strand, Freunde, etwas Gutes tun. Moment mal … „etwas Gutes tun?“ Ja, denn leider finden wir Unmengen an Müll in unseren Meeren und wir als Gesellschaft müssen versuchen, diesen Fehler zu beheben. Deshalb engagieren sich an diesem Tag, und eigentlich im gesamten September, Menschen weltweit für saubere Meere. Aber wie retten wir damit Meeresschildkröten?

Meeresschildkröte vor Plastikflut gerettet – Küstenputztag 2022

Seit über 30 Jahren ruft die US-Umweltschutzorganisation Ocean Conservancy zur größten freiwilligen Meeresschutzaktion auf, dem International Coastal Cleanup Day (ICC), um auf die Problematik der vermüllten Meere aufmerksam zu machen. In Deutschland findet man diese Mitmachaktion unter unterschiedlichen Namen wieder: Subbotnik, Rhine-Cleanup oder einfach Küstenputztag, wie wir beim NABU den Tag seit 2010 im Rahmen der Initiative „Meere ohne Plastik“ nennen.

Auf der Seite www.Gewässerretter.de kann sich jede Person einer Sammelaktion in ihrer Umgebung anschließen, eine eigene Aktion starten oder bereits gefundenen Müll melden.

Wie die unterschiedlichen Namen für den Tag schon erahnen lassen, Meeresschildkröten retten wir nicht nur an der Küste, denn Müll gelangt über viele Wege ins Meer. Der meiste Müll kommt aus dem Inland ins Meer. So trägt z.B. der Wind die Plastiktüte in einen nahegelegenen Bach, der dann wieder in einem Flussmündet und dieser trägt die Plastiktüte dann ins Meer. Untersuchungen an der deutschen Küste zeigen, dass wir bis zu 154 Müllteile pro 100 Meter Küstenabschnitt finden. Davon sind ca. 70 % aus Plastik. Dadurch ergeben sich unterschiedliche Gefahren für Tiere und Pflanzen. Meeresschildkröten, Fische, Krebse und Seevögel verwechseln Plastik mit ihrer Nahrung oder sie verfangen sich in Schnüren oder alten Netzen und verenden dort oft qualvoll. So leidet etwa im Moment besonders unsere einzig heimische Basstölpel-Vogelpopulation auf Helgoland unter dem Abfall. Neben der aktuell kursierenden Vogelgrippe dieses Jahr ist die Plastikvermüllung der zweite große Faktor, der der Population stark zusetzt. Auf Helgoland polstern Basstölpel ihre Nester inzwischen mit Netzresten aus der Fischerei, die sie am Strand zuhauf finden. 97 % der Nester enthalten heute Kunststoffabfälle. Das ist fatal: Vor allem Jungvögel verfangen sich in den unzerreißbaren Schnüren und strangulieren sich. Die Sterblichkeit ist dadurch zwei- bis fünfmal höher als normal (vgl. Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung).

Cleanups sind wichtig – Gutes tun, das Problem benennen und die Lösung zeigen

Vor über zehn Jahren haben wir beim NABU angefangen, den Müll an Stränden der deutschen Ostsee zu sammeln und wissenschaftlich auszuwerten. Die häufigsten Müllfundkategorien sind Plastikverpackungen, wie z. B. To-Go Essens- oder Süßigkeitenverpackungen. Guckt man sich aber die einzelnen Produkte an, sind 8 % der Gesamtmenge allein Zigarettenfilter. Auch beim Küstenputztag der letzten drei Jahre haben wir dokumentiert, dass der Zigarettenstummel Müllfund Nr. 1 ist, übrigens genauso in der internationalen Auswertung der Organisation Ocean Conservancy. Durch Cleanups sorgen wir dafür, dass der Müll in der Natur weniger wird und viel wichtiger, wir zeigen, dass uns die Vermüllung ein Dorn im Auge ist. Durch diese Aktivitäten gelangt das Thema wieder ins öffentliche Bewusstsein, Politiker*innen befassen sich mit der Problematik und man hinterfragt das eigene Konsumverhalten.

Aber reicht es, wenn wir, wie in den letzten drei Jahren, über 14.000 Zigarettenstummel sammeln, um die Meeresschildkröten zu retten?

Man ahnt es wahrscheinlich, die Antwort lautet „Nein!“. Die Lösung des Müllproblems liegt nämlich nicht darin, Müll zu sammeln und dann zu entsorgen. Sogar mit den weltweiten Cleanup-Aktionen gelangt dennoch weiterhin pro Minute eine LKW-Ladung Plastikmüll in unsere Meere. Wir müssen zur Problemlösung früher ansetzen. Das Stichwort lautet hier „Vermeiden“. An erster Stelle muss die Verpackungsindustrie neue Lösungen finden, denn Einwegverpackungen dürfen in einer Welt des Ressourcenmangels und gleichzeitigem Vermüllungsproblem keinen Platz mehr haben. Hier müssen Mehrwegverpackungen den neuen Standard bilden. Leider tun sich viele Unternehmen bislang schwer, diesen Standard einzuführen. Entsprechend ist die Politik gefragt das entsprechende Regelwerk zu schaffen. Ein aktuelles Beispiel ist die erweiterte Herstellerverantwortung für Einwegkunststoffprodukte. Hier hat die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf entwickelt, der Hersteller für die Sammlung und Reinigung ihrer Produkte im Öffentlichen Raum aufkommen lässt. Allerdings mangelt es dem Gesetz bislang an vielen Stellen daran, eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. So wird bisher keine Mehrweg-Lösung durch das Gesetz gefördert und tatsächlich kann das Gesetz nicht einmal gewährleisten, dass mehr Müll als bislang aus der Natur geräumt wird.

Ich denke es wird klar, dass auch die jetzige Bundesregierung weiterhin ihre Hausaufgaben in diesem Bereich zu machen hat. So lange liegt es weiter an uns, die Meeresschildkröten vor der Müllflut zu retten. Wir müssen bei unserem Einkauf darauf achten, Verpackungen zu sparen. An welchen Stellen können wir auf Mehrwegverpackungen zurückgreifen oder unsere eigene Verpackung, z. B. die gute alte Brotdose, mitbringen? Viele Tipps, wie man dem Verpackungswahn aus dem Weg gehen kann, findet man hier

Zum Ende möchte ich noch einmal auf die Rettung der Meeresschildkröten zurückkommen. Es ist weitestgehend bekannt, dass Schildkröten nicht die schnellsten Tiere auf der Welt sind. Und wahrscheinlich wissen auch die meisten, dass an den deutschen Küsten keine Meeresschildkröten vorkommen und dennoch haben wir etwas mit dem Schutz dieser wunderschönen Tiere zu tun.

Im März dieses Jahres wurde Geschichte geschrieben. Auf der UN-Umweltversammlung in Nairobi wurde entschieden, dass bis Ende 2024 ein internationales, rechtsverbindliches Übereinkommen gegen die Vermüllung der Weltmeere erarbeitet werden muss. Diesem Abkommen wird eine ähnlich hohe Bedeutung beigemessen, wie die des Pariser-Klimaschutzabkommens. Ebenso muss das internationale Gremium, normalerweise langsam wie eine Schildkröte, in einem Sprint bis Ende 2024 Lösungen für das weltweite Problem erarbeiten, mit denen das Plastikproblem von der Produktion bis zur Entsorgung adressiert wird. So haben unsere Aktivitäten, unser aller Aufzeigen der Vermüllung, mit jedem Cleanup dafür gesorgt, dass sich jetzt die ganze Welt mit den Lösungen befassen muss und wir so auch in Deutschland einen Teil dazu beigetragen haben, dass die Meeresschildkröten im Mittelmeer oder im Pazifik in Zukunft stärker vor der Plastikflut geschützt werden.

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

Weiterführende Informationen

www.Gewässerretter.de

https://oceanconservancy.org/trash-free-seas/international-coastal-cleanup/

https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/aktionen-und-projekte/meere-ohne-plastik/19503.html

https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/aktionen-und-projekte/meere-ohne-plastik/14984.html

https://muell-im-meer.de/

Vita

David Pfender ist Experte für das Thema Meeresverschmutzung beim NABU. Neben der Begleitung zur Umsetzung der europäischen Einwegkunststoffrichtlinie ist er Beiratsmitglied zur „Erarbeitung eines Kostenmodells für die Umsetzung von Artikel 8 Absatz 2 und 3 der EU-Einwegkunststoffrichtlinie“. Er koordiniert das Spülsaummonitoring vom NABU und unterstützt Cleanup-Aktivitäten. In der Vergangenheit wirkte er für die Whale and Dolphin Conservation in Brüssel und Manila. Wissenschaftliche Stationen waren die Universität Erlangen-Nürnberg, die Universität Greifswald und die Universidad Católica del Norte in Coquimbo (Chile).

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