Nutzt oder schadet das Internet der Demokratie?

05.10.2022
Ein Beitrag von Jan-Hinrik Schmidt, Leibniz-Institut für Medienforschung

Nutzt oder schadet das Internet der Demokratie? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. „Das Internet“ umfasst viele verschiedene Plattformen, Dienste und Angebote, die die Menschen für viele verschiedene Zwecke nutzen. Dadurch variieren die Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes stark, wie sich an verschiedenen Beispielen beobachten lässt.

Wir informieren uns anders

Erstens senkt das Internet die Hürden, dass wir uns zu allen nur erdenklichen Themen informieren können. Uns steht online eine buchstäblich unüberschaubare Vielfalt von Informationsquellen zur Verfügung: Die journalistischen Angebote etablierter Medien zählen dazu genauso wie etwa die persönlichen Accounts von Politikerinnen und Politikern und Prominenten, aber auch von Parteien, gesellschaftlich engagierten Initiativen, Vereinen oder Verbänden. Und wenn wir möchten, können wir selbst auch zum „Sender“ werden und unsere Ansichten, Erfahrungen und Gefühle mit anderen teilen. Dadurch können wir uns einerseits besser informieren und im Austausch mit anderen unser Wissen teilen, aber auch Meinungsverschiedenheiten austragen. Andererseits beobachten wir, dass im Internet Desinformationen zirkulieren und Menschen hasserfüllt kommunizieren, also andere Personen beleidigen oder bedrohen.

 

Wir vernetzen uns anders

Zweitens erleichtert das Internet es, dass wir den Kontakt mit anderen Menschen aufrechterhalten oder uns neu vernetzen können. Einerseits erleben viele von uns, dass auch der digitale Kontakt ein Gefühl von Gemeinschaft, von Zugehörigkeit oder von Unterstützung und Solidarität vermitteln kann, selbst wenn wir das Treffen von Angesicht zu Angesicht oft vorziehen würden. Andererseits können sich auch die Gegner der Demokratie online zusammentun, oder sich Menschen wechselseitig in immer abstruseren Weltbildern und Verschwörungserzählungen bestärken, sodass sie im schlimmsten Fall den Bezug zur Realität verlieren.

 

Wir präsentieren uns anders

Drittens schließlich bietet das Internet viele Möglichkeiten, dass wir etwas von uns mit anderen teilen. Einerseits können wir (mit-)teilen, was uns beschäftigt, was wir erleben, was wir können, was wir mögen. So werden wir sichtbar für andere und können unser Selbstbild, unsere Identität im Austausch mit anderen formen und weiterentwickeln. Andererseits benutzen wir dazu Plattformen und Apps, die all unsere Handlungen und Äußerungen in Datenspuren überformen, um sie speicherbar, durchsuchbar, verknüpfbar und in vielen Fällen auch kommerziell verwertbar zu machen.

Zusammenfassend: Die gesunkenen Hürden der Teilhabe können das öffentliche Gespräch demokratischer machen, tun dies aber nicht automatisch. Die vielen Möglichkeiten der Vernetzung tragen zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei, stehen aber auch denen zur Verfügung, die eine ganz andere Gesellschaft wollen. Und die persönliche Freiheit, uns selbst auszudrücken und darzustellen, üben wir mit Technologien aus, die sich der demokratischen Kontrolle und Gestaltung am liebsten ganz entziehen würden. Das Internet hat also nicht automatisch gute oder schlechte Folgen für uns, sondern wir können (und müssen) es gesellschaftlich gestalten.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

Weiterführende Informationen

Mehr zum Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt erfahren Sie auf dessen Website.

Jan-Hinrik Schmidt finden Sie auch bei Twitter und auf seinem Blog.

Vita

Jan-Hinrik Schmidt ist Senior Postdoc am Leibniz-Institut für Medienforschung. Zudem leitet er das Hamburger Teilinstitut im „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (FGZ). Sein Arbeitsschwerpunkt sind soziale Medien und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.

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