Online-Therapie bei psychischen Störungen

26.10.2022
Ein Beitrag von Prof. Dr. Johanna Böttcher, Psychologische Hochschule Berlin

Psychische Störungen sind sehr häufig. Gleichzeitig ist die Anzahl der Psychotherapieplätze begrenzt. Viele Menschen suchen daher in den App-Stores nach Hilfe. Aber kann man mit einer App wirklich Depressionen heilen? Die Antwort lautet: jein.

Wie kann die Digitalisierung Menschen mit psychischen Störungen helfen?

Schon vor etwa 20 Jahren haben Forscher:innen begonnen, online-therapeutische Ansätze zu erforschen. Die Hoffnung war, über das Internet mehr Menschen zu erreichen, die sonst keine Behandlung erhalten. Menschen, die in entlegenen ländlichen Regionen leben, Menschen, die durch Beruf oder Familie so eingespannt sind, dass sie es nicht zur Therapie schaffen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Oder auch Menschen, die aufgrund von Scham oder Angst vor Stigmatisierung keine Hilfe aufsuchen.

 

Was ist Online-Therapie?

In den Anfängen wurden Programme erforscht, die über das Internet zum einen Informationen und Übungen anbieten und zum anderen regelmäßigen Kontakt mit einer:m Psycholog:in beinhalten. Diese Programme nennt man geleitete Selbsthilfe. Ganz ähnlich aufgebaut, aber ohne den regelmäßigen Kontakt zu klinischem Personal, sind reine Selbsthilfeprogramme. In diesen reinen oder geleiteten Selbsthilfeprogrammen werden Menschen beispielsweise angeleitet, ihre Stimmung zu beobachten, ihre negativen Gedanken unter die Lupe zu nehmen, oder darin gestärkt, sich herausfordernden Situationen im Alltag zu stellen. Ursprünglich für Desktop-Computer entwickelt, finden diese Programme nun immer häufiger als App Anwendung. Seit 2020 können solche Apps auch von Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen verschrieben werden.

Eine weitere Form der Online-Therapie, die insbesondere seit der Corona-Pandemie an Bedeutung gewonnen hat, ist die Psychotherapie über Videosprechstunde. Hier ändert sich nur das Medium, Inhalt und Gestaltung der Psychotherapie bleiben gleich. Anstatt im Therapieraum sitzen sich Therapeut:in und Patient:in vor ihren Bildschirmen gegenüber.

 

Kann das wirklich wirken?

Therapie über Videosprechstunde scheint ebenso wirksam zu sein wie Therapie im Sprechzimmer. Hier gibt es jedoch im Vergleich noch nicht viele Forschungsbefunde.

Wirklich gut beforscht sind geleitete und reine Selbsthilfeprogramme. Für geleitete Programme ist die Evidenz bei vielen Störungsbildern, insbesondere im Bereich Angst und Depression, überzeugend. Viele Menschen erleben durch diese Form von Online-Kursen eine deutliche Besserung ihrer Probleme. Auch reine Selbsthilfeprogramme zeigen in vielen Studien sehr gute Effekte. Die Befundlage ist hier etwas gemischter und es kommt eventuell mehr darauf an, wie gut ein Programm gestaltet ist.

 

Gibt es auch Nebenwirkungen?

Auch Online-Therapie zeigt Nebenwirkungen, genau wie die Psychotherapie (und natürlich in deutlich ausgeprägterem Maße auch Medikamente). Ein kleiner Teil der Patient:innen erlebt eine Verschlechterung ihrer Probleme, manche erleben mehr Stress oder Unruhe oder werden mehr mit unangenehmen Erinnerungen konfrontiert.

Es gibt auch einen Anteil von Menschen, die keinen Nutzen aus Online-Therapien ziehen. Auch das findet man in allen Behandlungsformen. Wichtig ist hier, nicht den Mut zu verlieren. Es gibt sehr viele Angebote für Menschen mit psychischen Störungen, auch wenn manche mit Hürden oder Wartezeiten verbunden sind. Online-Therapie ist nur eine Option von vielen. Für viele hilfreich, auch als Ergänzung zu anderen Behandlungen, für manche nicht.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weiterführende Informationen 

Eine Aufstellung von Apps, die von Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen verschrieben werden können, finden Sie hier

Eine Aufstellung von in App-Stores verfügbaren Apps, die von einem Expert:innenteam bewertet wurden, finden Sie hier

Vita

Prof. Dr. Johanna Böttcher hat an der Freien Universität Berlin promoviert. Als Postdoc war sie einige Zeit in Schweden, wo Online-Therapien schon lange ein selbstverständlicher Teil der Versorgung sind. Seit 2019 ist sie Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin. Sie ist approbierte Verhaltenstherapeutin.

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