Spracherwerb – Kinder vs. Erwachsene

29.07.2022
Ein Gastbeitrag von Sabrina Zeaiter, Goethe-Universität Frankfurt

Kinder lernen Sprache(n) mit Leichtigkeit, so die allgemeine Annahme. Doch stimmt das auch wirklich? Lernen Kinder Sprache schneller und besser als Erwachsene? Richtig ist, dass wir in unseren verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich lernen. Ob wir allerdings nur in der Jugend gut und leicht Sprache oder auch andere Lerninhalte verinnerlichen, wird noch immer sehr kontrovers in der Wissenschaft diskutiert.

Die „Sprachgenies“

Ihre Muttersprache eignen sich Kinder ohne jegliches Vorwissen an. Das Meistern dieser Mammutaufgabe und ihre großen Entwicklungssprünge, erscheinen Erwachsenen, die die Mühen des Lernens nur zu gut kennen, als ein kleines Wunder. Von dieser Erfahrung ausgehend, werden Kinder als die „ultimativen Sprachenlernenden“ angesehen. Die Sprachwissenschaft befasst sich seit Jahrzehnten mit dieser Annahme und ist sich bis heute uneinig. Der Beleg: eine Vielfalt an wissenschaftlichen Studien, die die Dominanz der Jugend im Sprachlernprozess mal bestätigen, mal einschränken oder gar ganz widerlegen.

Vor- und Nachteile der Jugend

Bei genauerer Betrachtung des Spracherwerbs bei Kindern wird ersichtlich, dass Kinder Jahre für die Entwicklung vom Babbeln über ihre ersten Worte und kleinen Phrasen bis hin zu komplexeren Sätzen brauchen. Sie sind währenddessen vollkommen von der zu erlernenden Sprache umgeben. Auch ihr Wortschatz baut sich langsam, aber kontinuierlich auf – geprägt von der Lebenswirklichkeit der Kinder. Komplexe Sachverhalte und Satzstrukturen werden erst in späteren Jahren sprachlich verinnerlicht. Dies beruht u. a. darauf, dass ihre Wissensgrundlagen zu Lernbeginn noch sehr eingeschränkt sind. Sie haben keine oder nur wenige Vergleichswerte, an denen sie sich orientieren können. Das bedeutet aber auch, dass Kinder ohne Vorurteile lernen. Unbelastet von Vorannahmen können sie sich auf das Sprachangebot einlassen. Sie lernen Aussprache schnell und zumeist ohne Scheu. Dies wird besonders deutlich bei Fremd- oder Zweitsprachen, in denen sie oftmals nahezu muttersprachliches Niveau in kurzer Zeit erreichen, was das Aussprechen von Wörtern angeht. Kinder lernen unbedarfter, haben weniger Hemmungen und sind mehr „in Übung“. Auch besteht ihre Hauptaufgabe – ihr „Job“ – im Lernen, im Wissenserwerb.

Das Handwerkszeug der Erwachsenen

Im Vergleich dazu können Erwachsene auf Basiswissen und Vergleichswerte zurückgreifen, sie müssen folglich weniger Neues lernen. Auch wenn sie nicht mit Aussprache und Grammatik der neuen Sprache vertraut sind und sich diese erst aneignen müssen, können sie doch auf bestehende Konzepte zurückgreifen und diese um die Bezeichnungen und Eigenheiten aus der neuen Sprache erweitern. In der Muttersprache bereits gefestigt, fällt die Aneignung neuer Aussprachemuster vielen Erwachsenen oft schwerer als Kindern. Bei den grammatikalischen Feinheiten einer neuen Sprache können erwachsene Sprachlernende auf Basis ihres muttersprachlichen Sprachwissens das neue Sprachsystem aufbauen, es an dieses Grundwissen andocken. Eventuell aber auch gerade unter dem Eindruck dieses Vorwissens müssen Erwachsene oft viel umlernen, was schwerfallen kann. Das Lernen selbst haben Erwachsene bereits durch ihre lange Laufbahn als Lernende gemeistert. Hierzu gehört Wissen darüber, zu welchen Tageszeiten und unter welchen Bedingungen sie am besten lernen und was sie zum Lernen benötigen oder vermeiden sollten. Durch eingeübte Lernstrategien können sie so oftmals ihre Lernziele effektiver und zielorientierter erreichen als Kinder.

Fazit

Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Kinder unglaublich viel Wissen in kurzer Zeit anreichern, aber auch Erwachsene durch ihr Vorwissen und ihre Lernstrategien Sprachen zielgerichtet und effektiv lernen können. Die Motivation eines bzw. einer jeden einzelnen Lernenden ist hierbei eine nicht zu unterschätzende Triebfeder – viel gewichtiger als das gefühlte oder verbriefte Lernalter.
 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​
 

Weiterführende Informationen

https://www.researchgate.net/profile/Sabrina-Zeaiter

https://de.linkedin.com/in/sabrina-zeaiter

https://www.uni-frankfurt.de/digitell

https://www.roboprax.de/

Sabrina Zeaiter, Linguistin und Bildungsforscherin, ist leitende Gesamtprojektkoordinatorin des Lehr-Lernprojekts DigiTeLL an der Goethe-Universität Frankfurt. Zu ihren Forschungsinteressen zählen vergleichende und angewandte Sprachwissenschaft sowie Lehr-Lerninnovationen (u.a. Digitalisierung, Educational Robotics und Inverted Classroom). Sie promoviert zum Thema Lehrkräftefortbildung an der Philipps-Universität Marburg im Rahmen des Forschungsprojekts RoboPraX (RoboTeach/Robotikum).

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