Traumatisiert der Krieg alle
Kinder in der Ukraine?

16.06.2022
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Tobias Hecker, Universität Bielefeld

Als traumatisch wird in der klinischen Psychologie ein Ereignis dann bezeichnet, wenn es als extrem bedrohlich erlebt wird. Wiederholte traumatische Erfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit eine Traumafolgestörung zu entwickeln. Die häufigste Traumafolgestörung ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die durch (1) das Widererleben der traumatischen Erlebnisse in Bildern und Gedanken, (2) die Vermeidung von allem, was an das traumatische Ereignis erinnert und (3) erhöhte Übererregung und Anspannung gekennzeichnet ist. Im Krieg und auf der Flucht erleben aktuell sehr viele Kinder und Jugendliche aus der Ukraine traumatische Ereignisse, aber nur ein Teil von ihnen entwickelt in der Folge eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine andere Traumafolgestörung.

Der Krieg in der Ukraine führt wie jeder Krieg zu großem Leid. Kinder und Jugendliche in der Ukraine werden selbst Opfer von Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzung, werden Zeugen von Tod und Verletzung, leben in der ständigen Angst, dass ihnen oder ihren Liebsten etwas zustößt, müssen ihre Heimat verlassen, zum Teil ihre Väter und Brüder zurücklassen, die als Soldaten direkt in dem Krieg kämpfen. All diese Erfahrungen können für die betroffenen Kinder und Jugendliche psychisch sehr belastend sein.

Von einem Trauma oder einem traumatischen Ereignis spricht man in der klinischen Psychologie dann, wenn ein Ereignis extrem bedrohlich wahrgenommen wird, also eine Bedrohung für Leib und Leben der Betroffenen oder seiner Liebsten darstellt. Im aktuellen Krieg in der Ukraine erleben also sehr viele Kinder und Jugendliche traumatische Ereignisse. Das Erleben von traumatischen Ereignissen kann dazu führen, dass Betroffene Traumafolgestörungen entwickeln bzw. traumatisiert sind. Die häufigste Traumafolgestörung ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Eine PTBS zeichnet sich dadurch aus, dass die schlimmen Ereignisse in Form von Albträumen, Bildern und Gedanken immer wieder erlebt werden, ohne dass die Betroffenen dies wollen. Im Gegenteil, die Betroffenen versuchen, nicht daran zu denken, und vermeiden alles, was sie daran erinnern könnte, wie z. B. die Orte, an denen es passiert ist, oder die Menschen, die dabei waren. Die Vermeidung gelingt jedoch zumeist nicht und die Gedanken und Bilder kommen immer und immer wieder. Deshalb stehen die Betroffenen unter ständiger Anspannung, sind sehr schreckhaft und haben oft Schlafprobleme. Für die Betroffenen sind diese Symptome sehr belastend und schränken sie in ihrem Alltag ein. Auf traumatische Erfahrungen mit Entsetzen und Hilflosigkeit zu reagieren ist eine normale und menschliche Reaktion. Zu einer Traumafolgestörung wird es, wenn die Symptome länger als einen Monat anhalten. 

Studien haben gezeigt, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte der Geflüchteten aus Kriegsgebieten unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Wahrscheinlichkeit jedoch geringer als bei Erwachsenen. Die Wahrscheinlichkeit, eine PTBS zu entwickeln, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Je mehr traumatische Ereignisse jemand erlebt, je bedrohlicher das Ereignis wahrgenommen wird und je länger es dauert, desto wahrscheinlicher entwickeln Betroffene eine PTBS. Darüber hinaus spielt jedoch auch eine Rolle, wie das Umfeld auf die Erfahrungen und die Symptome reagiert: Je mehr soziale Unterstützung Betroffene von der Familie und ihrem Umfeld erhalten und je offener sie über das Erlebte sprechen können, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Symptome dauerhaft bleiben. Eine PTBS kann zudem psychotherapeutisch erfolgreich behandelt werden.

Der Krieg in der Ukraine führt dazu, dass sehr viele Kinder und Jugendliche traumatische Ereignisse erleben. Nur ein Teil von ihnen entwickelt in der Folge jedoch eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine andere Traumafolgestörung.


Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​
 

Weitere Informationen:

Vita

Tobias Hecker ist Juniorprofessor für Klinische Entwicklungspsychopathologie und leitet eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe an der Universität Bielefeld. Er forscht zu Gewalt- und Traumafolgen bei Kindern und Jugendlichen und ihren Familien, insbesondere im Kontext von Krieg und Flucht. Zudem entwickelt, implementiert und evaluiert er gewalt-präventive und psychotherapeutische Interventionen in Ländern mit eingeschränkter Gesundheitsversorgung.

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