Über das Ende der Welt sprechen?

18.08.2022
Ein Gastbeitrag von Philipp Schrögel, Universität Heidelberg

Auch für die Reaktion auf Krisen und Katastrophen und die wissenschaftliche Betrachtung dazu braucht es Dialog und Partizipation. Es muss darum gehen, vielfältige Perspektiven einzubinden und die Augen nicht vor möglichen existenziellen Bedrohungen zu verschließen. Ziel ist es, frühzeitig Aushandlungsprozesse zu gestalten um eine gemeinsame Verständigung über die Herausforderungen zu ermöglichen und resilientere Lösungen zu finden.

„Wir müssen über das Ende der Welt sprechen.“ klingt erst einmal wie ein Satz aus einem Katastrophenfilm oder von einem eher dubiosen, in der Fußgängerzone verteilten Handzettel. Aber mit Blick auf die gegenwärtige Situation weltweit scheint es gar nicht mehr so abwegig, man denke nur an die Klimakrise mit den immer sichtbarer werdenden Auswirkungen wie Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen, an die immer noch nicht überwundene Covid-19-Pandemie oder die durch die russische Invasion in der Ukraine wieder mehr ins Bewusstsein gerückte Bedrohung durch Kriege oder gar einen Nuklearwaffeneinsatz. Natürlich ist das „Ende der Welt“ in manchen Aspekten vielleicht etwas hoch gegriffen, aber viele dieser Bedrohungen sind doch von existenzieller Natur. Und darüber geredet wird auch viel: in der medialen Berichterstattung, in vielfältigen Diskussionen in Politik und Gesellschaft über die richtigen Maßnahmen sowie in der wissenschaftlichen Debatte und wissenschaftlichen Politikberatung über die Wissensgrundlage und Handlungsempfehlungen zur Vermeidung oder Bewältigung derartiger Herausforderungen.
 

Sind die aktuelle Krisen nicht eher ein Gegenargument zu Partizipation?

Eben jene vielfältigen Diskussionen und Debatten in den aktuellen Krisen scheinen in vielen Fällen aber gerade ein Argument gegen mehr Partizipation in den entsprechenden Prozessen in Politik und Wissenschaft zu sein: zum Beispiel das „Bundestrainer-Phänomen“, bei dem etliche Menschen auf dem heimischen Sofa der festen Überzeugung sind, sie hätten selber die besseren Entscheidungen treffen können – obwohl diese Selbstüberschätzung kaum der Realität entspricht. Bei der namensgebenden Kommentierung von Fußballspielen als fast schon liebgewonnene Tradition für Gespräche im Freundeskreis vielleicht eher vernachlässigbar, bei Entscheidungen, die Gesundheit und Leben von vielen Menschen betreffen können, durchaus bedenklicher. Oder – als noch ausgeprägtere Beispiele – Trotzreaktionen bei einzelnen Menschen, ob gegen Pandemiemaßnahmen oder Umweltschutzbestimmungen oder – noch weitergehend – die Verbreitung pseudowissenschaftlicher Behauptungen und Produkte. Mehr als ein*e Wissenschaftler*in haben sich dabei sicher schon danach gesehnt, dass Entscheidungen doch wieder rein den Expert*innen überlassen werden sollten (wobei sie sich meist selbst meinen).

Aber auch ganz grundsätzlich scheinen Krisen und Katastrophen nicht die geeignete Situation für partizipative Prozesse zu sein. Meist ist schnelles Handeln gefragt, das ein hohes Maß an individueller Fachexpertise und überparteilicher Problemlösungskompetenz benötigt. Dies geht so weit, dass in vielen Fällen Entscheidungen auf Basis einer sehr eingeschränkten Wissenslage getroffen werden müssen, weil die Erkenntnisse in der Situation nicht zugänglich sind, wie beispielsweise bei akuten Naturkatastrophen, oder weil sie noch gar nicht vorhanden sind, wie beispielsweise virologisches Detailwissen zu Beginn einer neuen Pandemie. Umso mehr scheint das für schnelle Einschätzungen und technokratische Entscheidungen von Fachexpert*innen zu sprechen.
 

Warum Partizipation mehr denn je nötig ist auf unterschiedlichen Ebenen

Die zuvor genannten Argumente sind zu großen Teilen durchaus zutreffend, sie sprechen dennoch nicht gegen mehr Partizipation in Krisen. Insbesondere verlaufen die Linien nicht immer zwischen Fachexpert*innen und Laien, wie sich ebenso in den aktuellen Krisen offenbart hat.

Sicherlich sind in einer akuten Katastrophensituation erst einmal schnelle Entscheidungen gefragt. Aber Krisensituationen ziehen sich über einen längeren Zeitraum hin. Und in den Debatten im Pandemieverlauf oder zur andauernden Klimakrise vermengen sich Wissen und Werte sowie fachliche, persönliche und politische Kommunikationsmotive von Wissenschaftler*innen.

Nicht jede obskure Meinung sollte das gleiche Gewicht bei Entscheidungsfindungen haben. Aber so manche abwegige Einschätzung in der Pandemie wurde von Menschen mit Doktor- oder Professorentitel verbreitet.

Neben den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Aspekten haben auch die Sozial- und Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle zu spielen, wie ebenso in der Covid-19-Pandemie deutlich wurde, als in den ersten Beratungsgremien fast ausschließlich medizinische Expertise versammelt war. Jetzt im Rückblick werden die vielfältigen politischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Pandemie mehr als deutlich. Und gerade hier müssen sich auch die sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen mehr öffnen, um in partizipativen, transdisziplinären Ansätzen mit den Öffentlichkeiten die Situation zu ergründen.

Die entscheidenden Fragen bei der Gestaltung und Ermöglichung von partizipativen Prozessen sind wer, wann, wie und woran beteiligt wird. Hieraus ergeben sich viele Ansätze für gelingende Partizipation auch zu Krisenthemen. Beispielsweise in der langfristig angelegten partizipativen Vorbereitung von Notfallplänen, der Einbindung von Organisationen der Zivilgesellschaft bei Maßnahmen, oder der partizipativen Gestaltung von Planungsprozessen.

Dabei bleibt eine grundlegende Einschränkung von partizipativen Prozessen bestehen: Sie sind kein Allheilmittel und können nicht jeden Konflikt auflösen. Ein Beispiel dafür sind die in der Vergangenheit immer wieder aufgetretenen Debatten um Überflutungsschutz und Deichbau nach Überschwemmungen. Während betroffene Bewohner*innen eine schnelle Umsetzung einforderten, bildeten sich an manchen Stellen Bürgerinitiativen dagegen, mit berechtigten Verweisen auf Naturschutzbelange oder die Interessen anderer Bürger*innen, die vom Deichbau oder neuen Überflutungsflächen betroffen wären. Es geht darum, möglichst überparteiliche Verständigungs- und Aushandlungsprozesse zu ermöglichen, in denen sowohl Fachexpertise als auch die verschiedenen Werte und Interessenslagen berücksichtigt werden.
 

Don’t Look Up?

Die Beschäftigung mit möglichen Katastrophen ist ein schwieriges Thema. In der Klimakommunikation beispielsweise wird seit längerem debattiert, inwieweit die Beschäftigung mit Extremszenarien und Kommunikation möglicher drastischer bis apokalyptischer Auswirkungen geboten ist oder nicht. Einerseits können eindringliche Szenarien in der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeitsökonomie durchdringen, ein Bewusstsein für das Thema schaffen und Dringlichkeit vermitteln. Andererseits kann es gleichermaßen vorkommen, dass Einzelne davon überwältigt werden, keine individuellen Handlungsperspektiven sehen und die Szenarien ignorieren. Insofern ist Fingerspitzengefühl geboten, aber eine paternalistische Ausgrenzung der Öffentlichkeit aus derartigen Debatten kann nicht die Lösung sein. Es hilft nicht, die Augen vor einer möglichen Katastrophe zu verschließen, wie es satirisch im Film mit dem dazu passenden Titel ‚Don‘t Look Up‘ auf die Spitze getrieben wurde.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weiterführende Informationen

Vita

Philipp Schrögel ist Wissenschaftlicher Koordinator und verantwortet die Wissenschaftskommunikation am Käte Hamburger Kolleg für Apokalyptische und Postapokalyptische Studien (CAPAS) an der Universität Heidelberg. Er forscht und arbeitet praktisch zu Wissenschaftskommunikation. Sein Fokus liegt auf kreativen und partizipativen Formen – von Wissenschaftscomics bis Science-Street-Art – mit dem Ziel, Wissenschaft zugänglicher zu machen.

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