Weltgesundheitstag 2022: Wann wird das deutsche Gesundheitssystem digital?

07.04.2022
Kurz und knapp

Der 7. April ist Weltgesundheitstag. Aus diesem Anlass haben wir Dr. Tanja Bratan, Leiterin des Geschäftsfelds „Innovationen im Gesundheitssystem“ des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und Mitglied der Fachjury im IdeenLauf gebeten, zwei Bürgerfragen aus dem IdeenLauf zu beantworten. Das Thema ist eines, das wohl insbesondere seit der Coronapandemie vielen Bürgerinnen und Bürgern unter den Nägeln brennt: die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems.

„Das sind sehr gute Fragen!“

Gesundheitsämter, die Fallzahlen per Fax verschicken, die langsame Entwicklung der Corona-Warn-App, eine Karenzzeit für die Einführung des elektronischen Impfpasses – die Coronapandemie hat gezeigt, dass es mit der Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem noch hapert. Daher verwundert es nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger im Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt! Fragen zu diesem Thema einreichen.

„Wie kann man das Formularwesen (z. B. Rezepte, Überweisungen, Krankenhauseinweisungen, Krankenbeförderungen) zwischen Patient und Arzt durch Digitalisierung vereinfachen?“ und „Wieso gibt es kein zentrales Digitalisierungsinstitut (Behörde) im deutschen Gesundheitswesen?“ – das sind zwei davon. „Das sind sehr gute Fragen!“, sagt Dr. Bratan, deren Fachgebiet Innovationen im Gesundheitssystem einschließlich Digitalisierung und E-Health umfasst.

Die Vorteile der Digitalisierung liegen auf der Hand, sagt die Wissenschaftlerin: elektronische Dokumente können nicht so leicht verloren gehen wie Papierdokumente, Wechselwirkungen zwischen von verschiedenen Ärztinnen und Ärzten verschriebenen Arzneimitteln lassen sich leichter erkennen, mit dem E-Rezept können Folgerezepte ohne Arztbesuch ausgestellt werden usw. Theorie und Praxis klaffen allerdings noch auseinander: So können beispielsweise E-Rezepte mittlerweile zwar ausgestellt werden, doch in der Realität seien viele Arztpraxen und Apotheken noch nicht dafür bereit. Bei der digitalen Überweisung sei es ähnlich: „Es ist vieles grundsätzlich möglich, aber es wird noch nicht in der Breite genutzt“, stellt Dr. Bratan fest. Sie appelliert auch an die Patientinnen und Patienten, vorhandene Angebote zu nutzen; zum Beispiel, indem sie die App ihrer Krankenkasse für die elektronische Patientenakte herunterladen und befüllen lassen.

Das Monitoring fehlt

Erst kürzlich hat Dr. Bratan eine Studie für die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) durchgeführt: „E-Health in Deutschland – Entwicklungsperspektiven und internationaler Vergleich“. Eines der Probleme, über das die Forschenden stolperten: Genaue Zahlen dazu, wie viele E-Rezepte beispielsweise ausgestellt werden, seien nicht verfügbar, auch nicht bei den Stellen, die diese Daten eigentlich haben müssten. Einer der Gründe sei die Vielzahl der Akteure und Zuständigkeiten im deutschen Gesundheitssystem: Sie macht es sowohl schwierig, die Digitalisierung selbst voranzubringen, als auch den aktuellen Stand zu überblicken.

Partizipative Ansätze als Vorbild

Gibt es denn Länder, in denen die Digitalisierung des Gesundheitssystems erfolgreichverläuft? Dr. Bratan sieht Estland als ein „absolutes Vorbild“. Allerdings sei das Land klein und habe sein Gesundheitssystem einmal komplett neu ausgerichtet. Aber auch Österreich, die skandinavischen Länder und Spanien könnten als Vorbilder gelten.

In Deutschland herrsche oft die Ansicht, dass das Land durch sein föderales System, seine Größe und die Besonderheiten seines Gesundheitssystems „so anders“ sei, dass die Strategien anderer Länder nicht gut übertragbar seien. Die EFI-Studie empfiehlt jedoch, genauer hinzuschauen und von anderen Ländern zu lernen: „Es gibt viele Dinge, die sind erstmal grundsätzlich unabhängig vom System“, so Dr. Bratan. Insbesondere partizipative Ansätze – beispielsweise das gemeinsame Gestalten mit den Versorgern – würden sich für die Übertragung eignen und könnten spätere Hürden bei der Umsetzung verringern.

„In Deutschland fehlt der Fahrplan“

Auch über die Frage nach einem zentralen Digitalisierungsinstitut freut sich die Spezialistin. Andere Länder hätten bereits solche koordinierenden Institutionen. In Deutschland gibt es die gematik – die Nationale Agentur für Digitale Medizin –, die die Verantwortung für die nationale Telematikinfrastruktur trägt und auch für darauf laufende Anwendungen, wie das E-Rezept oder die elektronische Patientenakte, verantwortlich ist. Diese sei jedoch bislang primär technisch orientiert gewesen. Zusätzlich ist eine Abteilung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) für Digitalisierung und Innovation zuständig.

Viele Digitalisierungsaspekte sind durch die gematik aber nicht abgedeckt, beispielsweise die Infrastrukturen in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen. Eine zentrale Digitalisierungsbehörde könnte auch das Monitoring der Digitalisierung im Gesamten übernehmen. „Es wäre gut, wenn das in einem Digitalisierungsinstitut zusammengeführt würde“, sagt Dr. Bratan. Allerdings können große Behörden auch behäbig sein. Gerade in der Pandemie habe man gesehen, dass schnelle Entscheidungen wichtig seien. Für eine gute Lösung hält die Wissenschaftlerin eine dem BMG nachgeordnete Institution wie das Robert-Koch-Institut.

Partizipation als Lösungsansatz

Dr. Bratan ist überzeugt: „Wir bräuchten eine Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitswesen – eine E-Health-Strategie, die definiert, wo wir hinwollen.“ Die Länder, die bei der Digitalisierung als Vorbilder gelten, hätten meist eine solche Strategie erarbeitet, bevor es an die Umsetzung ging und aktualisieren diese regelmäßig – noch fehle in Deutschland der Fahrplan. Auch hierbei wäre ein partizipativer Ansatz entscheidend: In die Gestaltung der Strategie müssten nämlich alle Beteiligten eingebunden werden, auch die Bürgerinnen und Bürger.

Im Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt! sieht Dr. Bratan eine Möglichkeit, als Wissenschaftlerin mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Zwar habe das öffentliche Interesse an ihrem Forschungsthema während der Pandemie deutlich zugenommen, doch im Arbeitsalltag gibt es nicht immer genug Austauschmöglichkeiten. Sie freut sich auf die Cluster-Konferenzen, in denen Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Bevölkerung gemeinsam die eingereichten Fragen sichten: „Für uns in der Forschung wird es spannend, was die Bürgerinnen und Bürger so umtreibt.“

Vita

Dr. Tanja Bratan leitet das Geschäftsfeld „Innovationen im Gesundheitssystem“ am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Nach einem Studium der Kommunikationswissenschaften und Multimedia sowie Telemedizin und E-Health an britischen Universitäten promovierte sie 2007 an der Brunel University. Anschließend war sie als Research Fellow und Lecturer am University College London tätig und ist seit 2010 Wissenschaftlerin am Fraunhofer ISI.

Weitere Informationen zu Dr. Tanja Bratan und ihren Arbeitsschwerpunkten finden Sie hier ihr Profil auf LinkedIn hier.

 

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