Zugvögel und der Klimawandel

14.05.2022
Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Günther Bauer und Dr. Wolfgang Fiedler

„Welchen Effekt hat der Klimawandel auf Zugvögel?“ und „Kann es wirklich passieren, dass Vögel nicht mehr in den Süden ziehen aufgrund der Wärme?“ – diese zwei Fragen haben Bürgerinnen und Bürger im IdeenLauf eingereicht. Anlässlich des Weltzugvogeltags beantworten die Ornithologen Dr. Hans-Günther Bauer und Dr. Wolfgang Fiedler sie hier für uns.

Weltzugvogeltag: Zugvögel und der Klimawandel

Bei der Frage nach den Folgen des Klimawandels für Vögel muss zunächst geklärt werden, wie sich „der Klimawandel“ überhaupt manifestiert. Denn es handelt sich keinesfalls um gerichtete Entwicklungen, bei denen es einfach nur wärmer würde. Vielmehr geschehen mehrere Veränderungen bezüglich Temperatur, Niederschlag und Unwetterereignissen gleichzeitig, auf die sich die Vögel wie alle Organismen einzustellen haben. Bei Vögeln beobachten wir Folgendes:

(a) Eine frühere Rückkehr lohnt sich – solange die strengen
Winter ausbleiben

Die Winter in unseren Breiten werden milder, lange Kälteperioden oder lange Phasen mit hohen Schneelagen bleiben zunehmend aus. Dies hat zum einen zur Folge, dass Standvögel eine bessere Chance haben, erfolgreich zu überwintern als in früheren Jahrzehnten, beispielsweise Rotmilane und Mönchsgrasmücken. Zugvögel können ihrerseits in immer stärkere Konkurrenz mit den wachsenden Zahlen bei den Standvögeln geraten. Bei den Höhlenbrütern hat der in Westafrika überwinternde Trauerschnäpper zumindest in artenarmen Wäldern mehr Probleme bei der Nestlingsversorgung als die kaum ziehenden Meisen und Kleiber. Jene können zeitiger zur Brut schreiten, weil die Vegetationsentwicklung immer früher einsetzt und die Insektenaktivitäten deutlich früher stattfinden. Im schlimmsten Fall kann dies zu einer Desynchronisation der später brütenden Langstreckenzieher mit dem Hauptnahrungsangebot führen. Eine frühere Rückkehr, wenn sie physiologisch möglich ist, lohnt sich für Zugvögel.

Zum anderen haben Individuen der Zugvogelarten, die den Zugweg verkürzen, offenbar zunehmend bessere Überlebenschancen. Langfristig verkürzen sich Zugwege, wenn die kürzer ziehenden Individuen ihre Überlebenswahrscheinlichkeit steigern und in größerer Zahl zur Brut schreiten können als die anderen. Diese Verkürzung ist aber nur dann erfolgreich, wenn Kältewinter künftig völlig ausbleiben. Andernfalls können die Zugwegverkürzer den Winterbedingungen vollständig zum Opfer fallen – diese Gefahr besteht u. a. beim Weißstorch oder dem Zilpzalp.

(b) Temperaturveränderungen auf den Routen verursachen
Verluste und „Zugstau“

Die Winter und zeitigen Frühjahre auf den östlichen Zugrouten werden tendenziell kühler und/oder schneereicher, auf den westlichen Zugrouten dagegen trockener. Stabile Hochwetterlagen mit anhaltendem Nordwind nehmen zu. In all diesen Fällen kann es zu größeren Verlusten auf dem Zug kommen oder zu erheblichen Zugverzögerungen („Zugstau“), die gegenüber den nichtziehenden Arten nachteilig sind.

(c) In den Bergen findet eine Verschiebung der bevorzugten
Höhenstufen statt

Montane Arten finden aufgrund des Klimawandels in den deutschen Mittelgebirgen immer weniger Lebensraum vor und räumen solche Gebiete zum Teil vollständig, so die Ringdrossel, der Bergpieper und der Zitronenzeisig. In den Alpen wird zunehmend eine Konkurrenz zwischen alpinen Arten und den in diese Lagen einwandernden Tieflandarten beobachtet, bei vielen Arten gibt es also eine Verschiebung der bevorzugten Höhenstufen. Hiervon sind Zugvögel und Standvögel – darunter Enten, Rabenkrähen, Grasmücken, Amseln und Braunellen – gleichermaßen betroffen.

(d) Eine milde Witterung begünstigt eine Ausbreitung nach Norden

Ähnlich den Änderungen der Höhenausbreitung ist durch mildere Witterung während der Brutzeit auch eine deutliche Verschiebung der Areale in Europa nach Norden zu beobachten. Eine ganze Reihe von Arten zeigt eine Nordausbreitung, manche auch von der Mittelmeerregion zu uns. Die meisten dieser Arten, zum Beispiel die Zwergohreule, der Bienenfresser und der Wiedehopf, müssen die kälteren, nahrungsärmeren Regionen zum Winter hin aber immer noch räumen, daher kann es hier sogar zu Zugwegverlängerungen kommen.

Die vielerlei komplexen Änderungen können also zu einer Reduzierung des Zugverhaltens bei Zugvögeln führen – einerseits, weil sich innerhalb der Arten das Zugverhalten immer schwächer ausbildet, andererseits, weil Nichtzieherarten gegenüber den Zieherarten Vorteile haben. Sicher ist aber auch, dass sich das Zugverhalten nicht einfach nur deswegen reduziert, weil es im Süden zu heiß wird. Denn wir sprechen hier (noch) von Temperaturen, die die Vögel nicht vor unlösbare Probleme stellen.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autorinnen und Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt!​

 

Weiterführende Informationen: 

Den Europäischen Brutvogelatlas (in englischer Sprache) finden Sie hier.

Vita

Dr. Wolfgang Fiedler, derzeit Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft, ist Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie (MPIAB) in Radolfzell und leitet dort die Zentrale für Tiermarkierungen, die heute noch als Teil der „Vogelwarte Radolfzell“ bekannt ist. Sein Interessenschwerpunkt liegt im Bereich der Tierwanderungen und deren Wechselwirkungen mit der Umwelt.

Vita

Dr. Hans-Günther Bauer ist ebenfalls Wissenschaftler am MPIAB und forscht u. a. an den Themen „Methodik und Analyse von Bestandserhebungen“, „Wasservogelökologie“ und „Avifaunistik“. Bis 2021 war er Koordinator der nationalen Roten Liste der Vögel sowie Mitorganisator des Europäischen Brutvogelatlas. Als Dozent an der Universität Konstanz versucht er, junge Menschen für Vogelerfassungen zu gewinnen.

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