Umwelt, Klima, Erde, Universum

Inwiefern ist die norddeutsche Küste vom steigenden Meeresspiegel bedroht?

28.01.2022
Kurz & knapp

Es ist eine Binsenweisheit: Das Meer ist unberechenbar. Menschen, die an Küstengebieten leben, sind immer wieder katastrophalen Naturereignissen und außergewöhnlichen Wetterphänomenen ausgesetzt. Deiche, Schleusen und Dünen helfen, die Wassergewalt in Schach zu halten. Doch der Klimawandel und die steigenden Meeresspiegel stellen die größte Bedrohung für Küstengebiete auf der ganzen Welt dar – und das betrifft auch die Nord- und Ostseeküste in Deutschland.

Segen und Fluch: das Leben am Meer

Seit vielen Jahrtausenden leben Menschen am Meer. Und das nicht nur wegen Häfen, Handel oder Fischerei: Menschen, die am Meer leben, sind nachweislich glücklicher und gesünder – das Rauschen der Wellen und der Blick in die Weite wirken gegen Stress, das spezielle Klima stärkt das Immunsystem.  

Doch der Klimawandel bringt die Küstenregionen der Erde in Gefahr. Jedes Jahr steigen die Meeresspiegel als Folge der Erderwärmung um einige Millimeter, Hauptursache ist das Schmelzen von Gletschern und Eis. Der Weltklimarat schätzt, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts das Wasser um mindestens 40 Zentimeter ansteigen wird, realistischer sind sogar 80 Zentimeter oder mehr. Die Folgen: häufigere Sturmfluten, Überschwemmungen, möglicher Landverlust und nicht zuletzt auch ein veränderter Naturraum und der Verlust seltener Tier- und Pflanzenwelten.  

An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand …

Der Anstieg der Meeresspiegel ist allerdings nicht überall auf der Welt gleich und variiert von Region zu Region. Der relative Anstieg des Wasserpegels ist dabei nicht nur abhängig vom Meeresspiegel selbst, sondern in hohem Maße auch von menschlichen Aktivitäten: Andauernde Grundwasserentnahme und starke Bebauung verursachen beispielsweise eine Absenkung des Bodens. Städte und Metropolen in Küstennähe wie Tokio, Jakarta oder auch New York sind daher besonders gefährdet.

Aber auch in Europa gibt es überflutungsgefährdete Gebiete – darunter große Teile der Nordseeküste und die südliche Ostseeküste. Etwa 3,2 Millionen Menschen leben in Deutschland in Gebieten, die von Überflutung gefährdet sind. Küstennahe Städte wie Hamburg, Bremen, Kiel, Lübeck, Rostock und Greifswald sind besonders von zunehmenden Sturmfluten bedroht. Den Küstenschutz an die veränderten Klimabedingungen anzupassen, hat daher hohe Priorität.

Ein norddeutsches Atlantis?

Um auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet zu sein, investieren die betroffenen Bundesländer in verschiedene Küstenschutzmaßnahmen: (Erhöhte) Deiche, Schutzdünen, Schleusen oder Sperrwerke können Schutz vor Sturmfluten bieten, Sandvorspülungen verhindern bereits auf einigen Nordseeinseln erfolgreich Landverlust. Allzu schnell wird es kein norddeutsches Atlantis geben – allerdings sind die Maßnahmen teuer, aufwändig und greifen oft in sensible natürliche Lebensräume ein.

Küstenschutzmaßnahmen müssen sich jedoch nicht immer im Bau von Schutzanlagen erschöpfen. Auch ein Nichteingreifen kann positiv Einfluss nehmen: Unter günstigen Bedingungen kann sich die Natur in Küstengebieten an die steigenden Meeresspiegel anpassen, beispielsweise in Sumpfgebieten und Mangrovenwäldern. Voraussetzung dafür ist aber, dass diese Ökosysteme nicht durch Bebauung und Landgewinnung daran gehindert werden, sich weiter ins Inland zu bewegen. Die wirksamste Maßnahme gegen die Bedrohung der Küsten ist jedoch eine andere: die Begrenzung der Erderwärmung.