Innovation, Technik, Arbeit

Inwiefern wird sich der
Arbeitsmarkt digitalisieren und wandeln?

07.06.2022
Kurz und knapp

Die Digitalisierung kann die Arbeitswelt menschlicher, gesünder und interessanter machen. Oder aber den Menschen zum Kostenfaktor und Anhängsel der Maschinen degradieren, ihn überwachen und bevormunden. Es ist jetzt Aufgabe von Politik, Unternehmen und Gesellschaft, die Weichen für eine gute digitale Arbeitswelt zu stellen.

Die Revolution ist ausgeblieben

2013 schreckte eine Studie der US-amerikanischen Forscher Carl Frey und Michael Osborne Fachwelt und Öffentlichkeit auf. Fast die Hälfte der Beschäftigten in den USA, schrieben sie, arbeite in Bereichen, die in den nächsten Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisiert würden. Zwei Jahre später wurde die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales auf deutsche Verhältnisse übertragen: Die Autoren kamen auf eine nur geringfügig niedrigere Zahl automatisierbarer Tätigkeiten.

Heute, fast zehn Jahre später, ist von Massenarbeitslosigkeit allerdings nichts zu sehen, im Gegenteil: Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, Handwerksbetriebe nach Auszubildenden, die Gastronomie nach Servicekräften und Speditionen nach Fahrerinnen und Fahrern. Die Revolution ist ausgeblieben, die Digitalisierung schreitet eher langsam voran und gilt inzwischen als Chance, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Dennoch verändert sie die Arbeitswelt: die Tätigkeiten selbst, die Geschäftsmodelle der Unternehmen und die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Die digitale Arbeitswelt, die gerade entsteht, hat sogar schon einen Namen: Arbeit 4.0, passend zur Industrie 4.0 mit ihrer digital vernetzten Produktion, optimiert durch die automatische Analyse großer Datenmengen. Das Ziel der Industrie 4.0 ist die Herstellung qualitativ hochwertiger, individuell konfigurierbarer Produkte („Losgröße 1“) zum Preis von Massenware. Die Digitalisierung soll helfen, sie international konkurrenzfähig zu machen.

Tätigkeiten, nicht Berufe

Digitalisierung betrifft meist einzelne Tätigkeiten, weniger ganze Berufe. Dabei ist es nicht so, dass einfache Tätigkeiten leicht zu digitalisieren und zu automatisieren wären, anspruchsvollere aber nicht. Vielmehr stehen am Ende automatisierter Fertigungsstraßen und in den Verteilzentren der Online-Warenhäuser nach wie vor meist Menschen und packen mit ihren geschickten Händen und sicheren Augen die Produkte ein.

Leichter zu digitalisieren sind wiederkehrende Tätigkeiten, die am Computer erledigt werden, etwa das Ausstellen von Frachtpapieren. Pflegt der Kunde seinen Auftrag auch noch selbst in ein digitales Bestellsystem ein, fallen auch hier Tätigkeiten mittlerer Qualifikation weg.

Stark standardisierte und daher leichter digitalisierbare Tätigkeiten finden sich zum Beispiel auch im Rechtswesen, bei der Suche nach relevanten Quellen für eine richterliche Entscheidung oder beim Einspruch gegen ein „Knöllchen“.

Tätigkeiten, bei denen zwischenmenschliche Kontakte eine Rolle spielen, sind hingegen kaum zu digitalisieren. So zeigt etwa die Erfahrung mit Chatbots, die im Internet zum Beispiel Kundenfragen  automatisch aufnehmen und beantworten sollen, dass diese in vielen Fällen nicht flexibel genug sind, um sich auf Einzelfälle einzustellen.

In manchen Fällen findet eine Automatisierung (noch) nicht statt, obwohl sie möglich wäre, etwa bei Kassiererinnen und Kassierern. In anderen, etwa bei den viel beschworenen autonomen Fahrzeugen und auch bei Robotern für die Alten- oder Krankenpflege, ist die Technik noch nicht weit genug.

In vielen Bereichen entstehen mit den digitalen Möglichkeiten auch neue Aufgaben und neue Werkzeuge, etwa, wenn in der Traumatherapie VR-Brillen zum Einsatz kommen.

Chancen und Risiken

Digitalisierung kann Tätigkeiten auf- oder abwerten. So können Menschen etwa mithilfe von Unterstützungssystemen, die die genauen Produktionsschritte erklären, ganze Geräte herstellen, statt am Fließband immer nur eine Tätigkeit zu wiederholen. Diese Systeme können auf die Bedürfnisse der Arbeitenden zugeschnitten werden, sodass sie weder überfordert werden, noch sich langweilen. Facharbeiterinnen und Facharbeiter können durch Automatisierung und Digitalisierung aber auch zu Hilfskräften abqualifiziert werden. Und manche Beschäftigte hadern damit, dass durch Digitalisierung gerade die Tätigkeiten wegfallen, die sie an ihrem Beruf besonders geschätzt haben, sie etwa nur noch auf dem Tablet herumtippen, statt an einer Maschine zu schrauben.

Vielleicht wird die Digitalisierung soziale Tätigkeiten aufwerten, weil Menschen dort eben nicht zu ersetzen sind. Vielleicht wird sie aber auch zu einer Aufspaltung des Arbeitsmarktes in hochqualifizierte Tätigkeiten und Hilfsarbeiten führen. Problematisch sind dabei vor allem Arbeitsformen wie die der Click- oder Crowdworker, die international um minimal bezahlte Kleinstaufträge konkurrieren und über keinerlei soziale Absicherung und keine Gewerkschaften verfügen, die sich für ihre Belange einsetzen.

Letztlich lassen sich die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt nicht leicht festmachen, auch, weil sie kaum von den Auswirkungen anderer Faktoren zu trennen sind, etwa der Besteuerung von Arbeit oder der Alterung der Bevölkerung.

Gestaltung ist gefragt

Arbeitspsychologen haben die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeitende, darunter explizit auch ältere Menschen, sich gerne und neugierig auf digitale Veränderungen einlassen, wenn sie diese rechtzeitig ausprobieren und bei der Gestaltung ihres Arbeitsplatzes mitreden dürfen. Wird die Technik hingegen dazu genutzt, Mitarbeitende einzusparen, Arbeit zu verdichten und Arbeitsprozesse lückenlos zu kontrollieren, wird dies als Stress erlebt.

Auch die oft beschworene Übernahme von Routinetätigkeiten durch automatisierte Verfahren ist nicht unproblematisch: So erfreulich eine interessante Aufgabe ist, so anstrengend ist es auch, den ganzen Tag nur trouble shooting zu betreiben. Erst eine Mischung aus beidem macht einen guten Arbeitsplatz aus.

Dank der Digitalisierung gibt es jetzt die technischen Möglichkeiten, Arbeitsplätze mehr denn je auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Menschen zuzuschneiden. Nun muss es darum gehen, die Arbeitswelt der Zukunft so zu regeln, dass alle davon profitieren.

Weitere Informationen 

Die Studie von Frey und Osborne finden Sie hier

Die Analyse der Situation in Deutschland: Übertragung der Studie von Frey/Osborne (2013) auf Deutschland an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales finden Sie hier

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