Kultur, Wissen, Bildung

Ist Wahrheit nur eine Illusion?

06.05.2022
Kurz und knapp

Was Wahrheit sei, ist eine der ältesten Fragen der Philosophie. Bis heute geben verschiedene Schulen unterschiedliche Antworten darauf. Neuerdings mischen in dieser Diskussion auch Kognitionswissenschaften und Hirnforschung mit und bieten empirisch fundierte Deutungen von Wahrheit und Illusion. Sie betrachten Erkenntnis zuerst als Werkzeug zum Überleben. Beliebig ist Wahrheit deshalb jedoch nicht.

Im Zoo der Wahrheitstheorien

Was Wahrheit ist, wird in der Philosophie seit über 2000 Jahren diskutiert. Dass man sich bis heute nicht einigen konnte, zeigt, dass es, wenn man genauer nachdenkt, nicht ganz so einfach ist.

Die lange Zeit gängigste Wahrheitstheorie und die, die am besten zu unseren alltäglichen Intuitionen passt, ist wohl die Korrespondenztheorie. Ihr zufolge ist ein Satz wahr, wenn er mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Das klingt erst einmal plausibel: Wenn ein US-amerikanischer Ex-Präsident behauptet, 1,5 Millionen Menschen hätten seine Amtseinführung besucht, während Medien die Anzahl der Teilnehmer auf 250.000 schätzen, kann man anhand der existierenden Fotos vielleicht nicht genau nachzählen, aber doch die Größenordnung abschätzen und feststellen, wer Recht hat.

Dennoch wird die Korrespondenztheorie (die diverse Unterarten hat) kritisiert: Es sei gar nicht möglich, einen Satz mit der Welt abzugleichen, sondern nur mit anderen Sätzen über die Welt. Denn alles, was wir wahrnehmen, nehmen wir durch unsere Sinnesorgane wahr und interpretieren es im Lichte unserer Erfahrungen und der „Voreinstellungen“, die die Evolution uns mitgegeben hat. Also können wir Tatsachen nicht objektiv wahrnehmen, was aber nötig wäre, um festzustellen, ob Satz und Welt übereinstimmen.

Pragmatische und konsens- oder kontextorientierte Wahrheitstheorien tragen dieser Kritik Rechnung und verzichten auf eine objektive Wahrheit. Pragmatische Theorien besagen im Groben, wahr sei, was sich im Umgang mit der Welt bewährt. Konsensorientierte Theorien befinden, wahr sei, was jeder vernünftige Mensch als wahr anerkennen muss. Und kontextorientierte Theorien sagen, wahr sei, was zu anderen, schon als wahr akzeptierten Sätzen passt.

Damit kommen wir der Idee, Wahrheit sei eine Illusion, auf die man sich geeinigt habe, schon recht nahe.

Wahrheit als Ziel der Wissenschaft

Auch in der Wissenschaft wird mit dem Wahrheitsbegriff gerungen. Im Prinzip gilt hier: Alle Erkenntnis ist vorläufig und muss im Lichte neuer Einsichten oder Versuchsergebnisse immer wieder überdacht werden. Wahrheit ist dementsprechend nichts, was sich ein für alle Mal festnageln ließe, sondern eine Richtschnur, ein fernes Ziel, bei dem man sich genau genommen nicht einmal sicher sein kann, ob man ihm gerade näherkommt.

Das Gehirn und seine Illusionen

Aber ist Wahrheit deshalb eine Illusion? Kognitions- und Hirnforschung tragen derzeit viele Belege dafür zusammen, wie stark wir die Welt im Kopf konstruieren: Sinnesorgane liefern demnach nur Anhaltspunkte, aus denen das Gehirn Hypothesen darüber bildet, was wohl da draußen vor sich gehen mag. In diesem Sinne sind Dinge, Mitmenschen, selbst das eigene Ich Annahmen, mit denen das Gehirn versucht, sich einen Reim auf die Welt zu machen. Manche Forschende nennen sie Illusionen. Damit kann man provokative Thesen formulieren, sollte aber im Blick haben, dass man „Illusion“ hier doch deutlich anders verwendet als in der Umgangssprache.

Also: Ja, so etwas wie eine letzte Wahrheit ist uns vermutlich nicht zugänglich, wir müssen immer wieder und so vernünftig wie möglich nach der besten Interpretation der Welt suchen. Und nein, was dabei herauskommt, ist keine Illusion im Sinne einer Täuschung oder eines wirren oder beliebigen Traums. Es ist das Beste, was wir leisten können. Und es hindert uns keineswegs daran, nachzuzählen, wie viele Menschen bei einer Amtseinführung zugegen waren.

Inspirierende Fragen

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1 Artikel  ·  Kultur, Wissen, Bildung
Anonym25.02.2022

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