Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Sicherheit

Kann man messen, wie gut eine
Demokratie funktioniert?

08.11.2022
Kurz und knapp

Um die Qualität einer Demokratie zu messen, sammeln Forschungsinstitutionen Daten etwa zum politischen System und zum Stand der Pressefreiheit in einem Land und erstellen einen Demokratie-Index. Heraus kommt ein konkreter Wert, der sich über die Jahre und mit anderen Ländern vergleichen lässt. Er gibt an, wo im Spektrum zwischen Demokratie und Autokratie ein Staat sich befindet. Die Frage wurde in unserer Rubrik „Die Fragenwette“ von den Wettpatinnen Victoria Lauer und Johanna Kürwitz gestellt.

Zwischen Demokratie und Autokratie

Um zu messen, wo zwischen den beiden Polen „Demokratie“ und „Autokratie“ (also der Alleinherrschaft eines Staatschefs) sich ein Staat bewegt, gibt es in der vergleichenden Politikwissenschaft das Instrument der Demokratie-Indizes. Der bekannteste dieser Indizes ist der seit 2006 erscheinende „Democracy Index“, der von einem privaten Forschungsinstitut unter dem Dach der britischen Economist Group betrieben wird, zu welcher auch die gleichnamige Wirtschaftszeitung gehört.

Der Democracy Index sammelt für knapp 170 Länder Informationen zu über 60 Indikatoren. Die Indikatoren sind zu fünf Säulen zusammengefasst, die eine gute Vorstellung davon geben, was hier untersucht wird: Wahlen und Pluralismus, Funktionstüchtigkeit der Regierung, politische Mitbestimmung, demokratische politische Kultur und Bürgerrechte. Um Einschätzungen zur Entwicklung der Indikatoren in den untersuchten Ländern zu erhalten, greift der Democracy Index auf einen Pool von Expertinnen und Experten zurück, von denen jede oder jeder eine Liste mit 60 Fragen beantworten muss.

 

Der Index der Universität Göteburg

Aus wissenschaftlicher Sicht wird kritisiert, dass von außen kaum nachvollziehbar ist, wie die Resultate des Democracy Index zustande kommen und welche Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit den namentlich nicht genannten Expertinnen und Experten zugebilligt werden kann. Vor diesem Hintergrund wurde, mit Förderung durch die EU, der an der schwedischen Universität Göteburg beheimatete „V-Dem“-Demokratieindex ins Leben gerufen. V-Dem veröffentlicht seit 2017 im jährlichen Turnus Berichte zum globalen Zustand der Demokratie. Ähnlich wie der Democracy Index des Economist arbeitet V-Dem mit einem Netzwerk von Expertinnen und Experten zusammen. Allerdings ist dieses mit über 3.700 Fachleuten besonders groß. Außerdem setzt der V-Dem-Index spezielle KI-Instrumente ein, um zu ermitteln, wie verlässlich ein Experte oder eine Expertin im Vergleich zu anderen ist und inwiefern ihr Urteil vom Rest der Gruppe abweicht. Die Datenbank, auf deren Grundlage die Jahresberichte erstellt werden, ist öffentlich einseh- und downloadbar.

 

Was sich aus dem Index ablesen lässt

Sowohl der Index des Economist als auch der V-Dem-Demokratieindex geben Aufschluss darüber, wie sich Demokratien und Autokratien (und Zwischenformen) über den Globus oder in bestimmten Regionen verteilen, wie sie sich im Zeitverlauf entwickeln, und welche Einzelfaktoren das Gesamtbild beeinflussen. Dazu zählen sowohl die im Rahmen des Index untersuchten Indikatoren, aber auch singuläre Ereignisse wie die Corona-Pandemie, die weltweit zu einer Einschränkung von Freiheitsrechten geführt hat. Herausstechende Resultate des jüngsten V-Dem-Berichts sind die Zunahme von Meinungspolarisierung (von 2011 bis 2021 ist die Anzahl der Länder, in denen starke Polarisierung herrscht, von 5 auf 32 gestiegen), die zunehmende Einschränkung der Meinungsfreiheit (Zunahme von 5 auf 35 Länder mit starker Einschränkung von 2011 bis 2021) und der Anteil der Weltbevölkerung, der in autokratischen Ländern lebt (von 49 % auf 70 %).

Neben den Jahresberichten veröffentlicht V-Dem regelmäßig eine „Grafik der Woche“, die Schlaglichter auf Entwicklungen in einzelnen Ländern oder auf bestimmte Aspekte der Demokratieentwicklung wirft.

 

Deutschland auf Platz 9

Der Index des Economist und der V-Dem Index unterscheiden sich nicht nur im Pool der Expertinnen und Experten und der Methode der Expertenbefragungen, sondern auch in den Einzelindikatoren und Säulen, die erhoben werden. Bei V-Dem sind die Säulen, vereinfacht ausgedrückt, die Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte, Gleichheit, Bürgerbeteiligung, Beteiligung von NGOs sowie die argumentative Begründung von politischen Positionen in Abwägungsprozessen. Trotz unterschiedlicher Indikatoren kommen dennoch Democracy Index und V-Dem, zumindest was das große Ganze betrifft, zu ähnlichen Resultaten. Deutschland steht in beiden Indizes international auf Platz 9.

 

Die „Grafik der Woche“ des V-dem Demokratieindex findet sich hier

Der jüngste Bericht ist hier abrufbar. 

Neben dem V-Dem Demokratieindex und dem Democracy Index des Economist gibt es auch noch den Freedom in the World-Index, mit thematisch leicht anderer Ausrichtung und dementsprechend auch anderen Resultaten  sowie das zwischenzeitlich leicht ins Stocken geratene Polity Project

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