Gesundes Leben, Medizin, Pflege

Stimmt es, dass manche Menschen Noten farbig sehen und warum?

17.03.2022
Kurz & knapp

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten – bei den meisten von uns sind die Sinne voneinander abgegrenzt. Bei vier Prozent der Menschen mischen sie sich jedoch: Sie sehen bei Musik Farben oder nehmen einen bestimmten Geschmack wahr, wenn sie ein gewisses Wort hören. Synästhesie nennt sich dieses neuronale Phänomen, das auch berühmte Persönlichkeiten wie Lady Gaga oder Pharrell Williams betrifft. Noch ist nicht genau erforscht, wie Synästhesie entsteht.

Übrigens: Hier beantworten wir eine der Fragen aus dem IdeenLauf, der zentralen Mitmachaktion im Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt!.

Der Song „Happy“ leuchtet sonnengelb und orangerot

Wenn der Song „Poker Face“ zu spielen beginnt, sieht Lady Gaga nur noch Bernsteinbraun. Pharrell Williams nimmt die Melodie seines Welthits „Happy“ in Sonnengelb und Orangerot wahr. Die Musikerin und der Musiker sind Synästheten – das heißt, Musik erzeugt vor ihrem inneren Auge Farben. Noch rätselt die Wissenschaft, wie es zur Synästhesie, einer speziellen Variante der Wahrnehmung, kommt. Doch sie ist nicht selten: Bis zu vier Prozent der Bevölkerung hat eine Form von Synästhesie – in Deutschland sind das rund 3,2 Millionen Menschen. Einfach ausgedrückt vermischen sich bei ihnen Sinne, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: Neben der Kombination von Tönen und Farben gibt es auch Varianten, in denen sich Zahlenintervalle, Wochentage oder Monate vor dem inneren Auge räumlich anordnen – zum Beispiel in einem Kreis. Bei der lexikalisch-gustatorischen Synästhesie löst das Hören oder Lesen eines Wortes einen Geschmack aus. Menschen, die eine sogenannte Mirror-Touch-Synästhesie haben, spüren am eigenen Körper, wenn ein anderer Mensch berührt wird. Es gibt mindestens 80 verschiedene Formen von Synästhesie.

Genetische Ursachen und Einflüsse der Umwelt

Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen daran, ob Synästhesie genetisch bedingt ist oder durch Erziehung und Einflüsse der Umwelt erworben wird. Sie konnten bereits bestimmte Gene identifizieren, die möglicherweise für die Entstehung von Synästhesie verantwortlich sind. Dafür untersuchten sie Familien, in denen sich über mehrere Generationen Klang-Farb-Synästhetinnen und - Synästheten finden, was die These unterstützte, dass das Phänomen vererbt wird. Andererseits finden sich immer wieder Menschen, die erst als Erwachsene Synästhesie entwickeln. Die Beobachtung von Kindern zeigte, dass diese erst mit zunehmendem Alter Synästhesie-Schemata ausbilden – das Phänomen ist also nicht von Geburt an voll vorhanden. Eine Krankheit ist Synästhesie aber nicht, da sind sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einig.

Bessere Wahrnehmung und mehr Offenheit

Ist es aber ein Vorteil oder ein Nachteil, Synästhetin oder Synästhet zu sein? Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Synästhesie im Allgemeinen kreativer und offener sind und ein besseres Gedächtnis haben. Synästhetinnen und Synästheten, die Farben und Buchstaben oder Zahlen miteinander verknüpfen, haben häufig ein ausgeprägtes visuelles Kurzzeitgedächtnis. Menschen, die Berührungen an anderen bei sich spüren, verfügen über mehr Empathie. Es gibt aber auch Nachteile: Die intensive Wahrnehmung ist anstrengend, es kommt regelmäßig zu einer Reizüberflutung. Synästhetinnen und Synästheten sind sensibel. Solche, denen Alltagsgeräusche wie das Klackern von Computertasten ein unangenehmes Geschmacksempfinden bereiten, haben es im Großraumbüro schwer.

Wer ausprobieren möchte, ob er oder sie auch Synästhet oder Synästhetin ist, kann online Tests finden. Einige Smartphone-Apps verbinden ebenfalls Musik und Farben oder Farben und Gesten und spielen mit Elementen der Synästhesie.