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Unterliegt der Mensch heute noch der Evolution?

16.05.2022
Kurz und knapp

Lange Zeit ging man davon aus, dass sich die menschliche Art seit der Entstehung von Homo sapiens allenfalls kulturell weiterentwickelt hat. Körperliche Veränderungen kämen nicht mehr vor. Der Mensch sei quasi fertig entwickelt. Das lässt sich jedoch mit einigen Beispielen leicht widerlegen.

Medizinischer Fortschritt greift ins Evolutionsgeschehen ein

Der moderne Mensch Homo sapiens existiert seit mindestens 300.000 Jahren. Dies belegen fossile Funde in Afrika. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Art sich seither allenfalls kulturell weiterentwickelt hat. Körperliche Veränderungen kämen nicht mehr vor. Der Mensch sei quasi fertig entwickelt. Dies lässt sich jedoch mit einfachen Beispielen widerlegen.

Der medizinische Fortschritt ist ein Grund dafür, dass sich heute menschliche Eigenschaften durch Vererbung verbreiten, die früher bei der natürlichen Auslese ausgesiebt wurden. Für Menschen mit Diabetes zum Beispiel gab es noch vor hundert Jahren kaum Überlebenschancen. Heute, mit flexiblem Zuckermanagement dank Insulin, können Diabetiker alt werden und die Anlagen für die Erkrankung an ihre Nachkommen weitergeben. Zwar kann man argumentieren, dass hier die Medizin die Evolution aushebelt. Doch auch die genetische Verbreitung dieser Krankheitsneigung ist eine Veränderung. Nur dass der Mensch hier eben die Richtung der Evolution verändert hat.

Noch deutlicher wird das beim Beispiel Kaiserschnitt: Die Evolution hat dafür gesorgt, dass der Geburtskanal von Frauen gerade groß genug ist, damit der Kopf des Säuglings ihn passieren kann. Wäre der Kanal größer, drohten Gebärmuttervorfälle und Inkontinenz. Durch den Kaiserschnitt jedoch bringen heute viele Frauen Kinder zur Welt, deren Kopf eigentlich zu breit gewesen wäre. Dies wirkt sich auf die vererbten Eigenschaften aus. Frauen, die selbst durch Kaiserschnitt zur Welt kommen, entwickeln häufiger ein Kindsschädel-Becken-Missverhältnis als Frauen, die ohne operativen Eingriff geboren werden – und müssen dann auch selbst via Kaiserschnitt entbinden. Studien zufolge ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer Frau Geburtskanal und Neugeborenes in einem Missverhältnis stehen, um 10 bis 20 Prozent gewachsen. Der Eingriff des Menschen hat auch hier zu einer Veränderung geführt, die evolutionären Mechanismen greifen jedoch weiterhin.

Veränderungen sind nicht immer vorteilhaft

Fasst man den Betrachtungszeitraum etwas weiter, werden die evolutionären Veränderungen noch drastischer. So ist vor 7.500 Jahren eine Mutation aufgetreten, die es Menschen ermöglichte, auch im Erwachsenenalter noch Milch zu verdauen – zum Beispiel von Kühen. Die Ausbreitung dieser Laktosetoleranz erfolgte Hand in Hand mit dem Aufkommen der Rinderzucht. Im Nahen Osten, in Europa und in Teilen Afrikas ist Laktosetoleranz heute verbreitet – in Asien weniger.

Der Mensch unterliegt also sehr wohl noch der Evolution. Die Beispiele räumen zugleich mit einem anderen Vorurteil auf: Dass evolutionäre Veränderungen des Menschen immer vorteilhaft sind. Ein größere Neigung zu Diabetes und ein Beckenbau, der bei Geburt einen Kaiserschnitt zwingend erforderlich macht, können kaum als Überlebensvorteil interpretiert werden. Oft kommt es auch vor, dass eine Eigenschaft zwei Seiten hat – eine gute und eine schlechte: In Westafrika etwa tritt die erbliche Krankheit Sichelzellenanämie immer häufiger auf. Sie führt zu Organschäden. Der Grund für die zunehmende Verbreitung jedoch ist, dass die Krankheit einen gewissen Schutz gegen die Infektion mit Malaria bietet.

Mehr Menschen, mehr genetische Vielfalt

Auch über diese Beispiele hinaus lassen sich evolutionäre Veränderungen beim Menschen festmachen. So untersucht das bereits 2002 gestartete „1000 Genomes”-Projekt systematisch die genetischen Variationen in der Weltbevölkerung. Die Daten zeigen, dass die genetische Vielfalt der Bevölkerung innerhalb der letzten 5000 Jahre enorm gestiegen ist. Ägypter, die die Pyramiden bauten, unterscheiden sich genetisch von heutigen Menschen stärker als Homo sapiens und Neandertaler vor 40.000 Jahren – obwohl dies sogar zwei verschiedene Menschenarten sind.

Homo sapiens verzweigt sich in immer unterschiedlichere genetische Profile. Das rührt auch daher, dass die Weltbevölkerung immer rasanter wächst. Nach dem Ende der Eiszeit vor rund 11.000 Jahren gab es rund fünf Millionen Menschen auf der Erde. Zu Julius Cäsars Zeiten waren es bereits 250 Millionen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Milliardenschwelle erreicht. Heute gibt es knapp acht Milliarden Menschen. Je mehr es sind, desto größer die Chance, dass zufällige Mutationen entstehen, die der Evolution neue Varianten hinzufügen.

Das „Designerbaby“

Spätestens seit der Geburt des ersten sogenannten Designer-Babys 2018, also des in seiner Keimbahn manipulierten Embryos, wird diskutiert, ob der Mensch auch eigenhändig gezielte Eingriffe in die Evolution vornehmen sollte, und welche Konsequenzen dies hat. Jenseits der ethischen Fragen bleibt festzuhalten: Reproduktionsmedizinisch mag es heute möglich sein, bestimmte Eigenschaften im Embryo wie etwa Anlagen für Erbkrankheiten zu verändern, die dieser später an seine Nachkommen weitergibt (beziehungsweise im Falle von Krankheiten eben nicht weitergibt). Zu einer Veränderung im Genpool des Menschen wird dies auf absehbare Zeit jedoch kaum führen. Denn die Keimbahntherapie setzt eine künstliche Befruchtung zwingend voraus. Solange diese Variante der Fortpflanzung noch keine Routine ist, wird das „Designerbaby“ auf Bevölkerungsebene wohl keine Auswirkungen haben.

Eine gute Gesamteinführung bietet: Boeing, N. (2014). „Evolution: Der Mensch ist noch nicht fertig“. Die Zeit. Den Artikel finden Sie hier.

Außerdem lesenswert ist folgender Artikel: Röcker, A. (2021). „Ständige Anpassung: Die Evolution des Menschen hat nie aufgehört“. Spektrum der Wissenschaft. Diesen finden Sie hier.

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