Gesundes Leben, Medizin, Pflege

Wann beginnt man, Medikamente für den weiblichen Körper anzupassen?

21.11.2022
Kurz und knapp

Frauen sind anders krank als Männer. Und auch Medikamente wirken nicht bei beiden Geschlechtern gleich, weshalb vorhandene Wirkstoffe oft nicht zum weiblichen Organismus passen. Warum das so ist und wie Frauen eine bessere Versorgung bekommen, untersucht das junge Forschungsfeld der geschlechtssensiblen Medizin. Doch bis spezielle, an den weiblichen Körper angepasste Medikamente zur Verfügung stehen, wird noch viel Forschungs- und Überzeugungsarbeit nötig sein.

Männer leiden anders – Frauen auch

Frauen und Männer sind verschieden – und das von Anfang an, wenn bei der Befruchtung die Kombination der Geschlechtschromosomen (X und Y) festgelegt wird. Ab der 7. Schwangerschaftswoche entstehen, ausgehend von Genen der Geschlechtschromosomen, männliche und weibliche Geschlechtsorgane, und mit ihnen Unterschiede im Hormonhaushalt, im Stoffwechsel und selbst im Immunsystem. Und das führt letztlich dazu, dass Männer und Frauen für bestimmte Krankheiten nicht gleichermaßen anfällig sind. Oder dass sie bei ein und derselben Krankheit unterschiedliche Symptome zeigen. Und auch Medikamente wirken bei Männlein und Weiblein mitnichten immer gleich.

Paradebeispiel der geschlechtssensiblen Medizin ist der Herzinfarkt: So klagen Frauen bei einem Herzinfarkt seltener über den typischen linksseitigen Brustschmerz, der in Schulter und Arm ausstrahlt, sondern eher über Atemnot, Bauchschmerzen und Übelkeit, weshalb die Symptome häufig missinterpretiert werden. Frauen mit einem Herzinfarkt kommen daher im Schnitt erst zwei Stunden später in die Notaufnahme als Männer.

Oder der sogenannte Männerschnupfen: Das männliche Immunsystem ist weniger aktiv als das weibliche und hält daher Infekte oft schlechter in Schach. Männer sind also bei einer Erkältung oftmals wirklich kränker. Ein Grund: Das weibliche Östrogen wirkt aktivierend auf das Immunsystem – das männliche Testosteron dagegen bremst die Immunabwehr eher. Das führt dazu, dass der weibliche Körper etwa Viren besser bekämpfen kann. Auch Impfungen sind bei Frauen häufig effektiver. Dafür tragen sie ein größeres Risiko für Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem eigene Körperstrukturen attackiert.

 

Eine Frage des Geschlechts: Wirksamkeit von Medikamenten

Auch der Stoffwechsel läuft bei Männern und Frauen nicht gleich: So braucht eine Tablette für den Weg durch Magen und Darm einer Frau etwa doppelt so lange wie bei einem Mann, und der Abbau von Wirkstoffen in der Leber dauert länger. In der Folge müssen viele Medikamente – darunter Betablocker – niedriger dosiert werden. Das Schmerzmittel Ibuprofen wirkt dagegen bei Männern besser. Acetylsalicylsäure (ASS) kann Männer eher vor einem Herzinfarkt bewahren, Frauen eher vor einem Schlaganfall. Blutdrucksenkende Medikamente wirken bei Frauen besser, haben bei ihnen aber auch mehr Nebenwirkungen. Immuntherapien gegen Krebs scheinen dagegen bei Männern effektiver zu sein.

Bei einer großen Zahl von zugelassenen Medikamenten lässt sich bislang jedoch nicht sagen, ob sie bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken. Lange Zeit wurden neue Wirkstoffe und fast ausschließlich an Männern erprobt. Erst seit 2004 ist es verpflichtend Männer und Frauen in klinische Studien einzuschließen, um mögliche Unterschiede zu erfassen. Allerdings: Wie viele Männer und Frauen jeweils teilnehmen müssen, ist nicht festgelegt. Ist das weibliche Geschlecht unterrepräsentiert, werden die Effekte möglicherweise in der Statistik verwischt. Mehr noch: Bereits in der Grundlagenforschung arbeiten Forschende fast nur mit männlichen Mäusen. Sie befürchten, dass der weibliche Hormonzyklus die Testergebnisse beeinflussen könnte. Genau das müsste aber dringend untersucht werden, um Medikamente zu entwickeln, die dem weiblichen Organismus gerecht werden.

 

Geschlechtsspezifische Medizin: Forschungsfeld in den Kinderschuhen

Um also auf die ursprüngliche Frage zurück zu kommen: Medikamente, die an den weiblichen Körper angepasst oder speziell für Frauen entwickelt werden, sind noch nicht in Sicht. Als Ausnahme mag hier das Schlafmittel Zolpidem gelten, das vom weiblichen Organismus deutlich langsamer abgebaut wird als vom männlichen. Zumindest die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat die zugelassene Dosis für Frauen auf die Hälfte reduziert, was auch im Beipackzettel steht.

Doch für eine flächendeckende Versorgung mit männlichen und weiblichen Medikamenten wird es noch viel Forschungs- und Überzeugungsarbeit brauchen. Die geschlechtsspezifische Medizin existiert als Forschungsfeld erst seit wenigen Jahrzehnten. Seit Mitte der 2010er Jahre rücken beispielsweise Geschlechtsunterschiede bei Krebserkrankungen mehr in den Fokus. Zwar gibt es mittlerweile Forschungsprojekte, die sich mit geschlechtsspezifischen Krankheitsmechanismen und der unterschiedlichen Wirkung von Medikamenten befassen. Doch letztlich muss auch die Pharmaindustrie nachziehen.

Dazu kommt: Im Bewusstsein vieler Ärzte und Ärztinnen ist noch nicht angekommen, wie entscheidend der Geschlechtsunterschied sein kann. Geschlechtssensible Medizin ist bislang kein zwingender Bestandteil des Medizinstudiums. Das soll sich bis 2025 ändern, wenn geschlechtsspezifische Unterschiede in den Lehrplänen des Medizinstudiums verankert werden. Bis dahin gehen einzelne Kliniken und Universitäten mit leuchtendem Beispiel voran, in dem sie das Thema in Lehre und Weiterbildung bringen und Ärzte sowie Ärztinnen über Genderaspekte beim Verordnen von Medikamenten informieren.

 

Gut verständlicher Beitrag der Barmer Ersatzkasse zu dem Thema, der auch auf das soziale Geschlecht eingeht.

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