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Warum dachten wir früher, die Erde sei eine Scheibe?

18.11.2022
Kurz und knapp

In der Antike, als es weder Flugzeuge, noch Ferngläser oder differenzierte Planetenkunde gab, lag nichts näher als zu glauben, dass die Erde flach ist. Ihre Wölbung ist so gering, dass wir sie mit bloßem Auge kaum wahrnehmen. Doch schon den alten Griechen fiel auf, dass einige Phänomene, die sie beobachteten, gegen eine Scheibenform sprachen. Schon lange bevor im 16. Jahrhundert der erste Weltumsegler Magellan heimkehrte, war den Gelehrten verschiedener Kulturen klar: Die Erde muss eine riesige Kugel sein.

Der bloße Augenschein trügt

Wer im Sommer am Strand über das weite Meer blickt, kann nachvollziehen, was unsere Vorfahren bis in die Antike glaubten: Von links nach rechts sieht der Horizont ziemlich gerade aus. Das liegt daran, dass unser Planet eine so riesige Kugel ist (12.742 Kilometer im Durchmesser), dass man die Krümmung mit bloßem Auge nicht wahrnimmt: Ein normalgroßer Erwachsener blickt bis zum Horizont knapp fünf Kilometer weit. Angenommen von einem Ende des Horizonts zum anderen sind es zehn Kilometer. Auf diese Distanz beträgt der Unterschied zur Tangentialebene – also zu einer von einem zum anderen Ende gezogenen Geraden – gerade einmal 7,85 Meter. Also unter einem Promille.

Warum also sollte ein vernünftiger Mensch glauben, die Erde sei eine Kugel? Zumal, wenn man von ihrer Anziehungskraft und dem Weltraum um sie herum nichts weiß, erscheint logisch, dass sich nur auf einer ebenen Erde sicher stehen lässt – auf der anderen Seite einer Kugel würde man ja ins Nichts fallen. Daher gingen quasi alle älteren Kulturen von einer Erde als Scheibe aus. Selbst die Gelehrten der ersten Hochkultur der Menschheit in Mesopotamien und die frühgriechischen Philosophen Anaximander und Hekataios verbreiteten diese Ansicht. Viele Mythen beschrieben die Welt als Insel auf einem Urozean, an dessen Rändern man ebenfalls ins Nichts fallen würde. Auch die nordische Mythologie: Laut ihr lauerte in diesem Meer sogar die Midgardschlange. Also traute sich auch niemand nachzuschauen.

 

Pythagoras und Aristoteles

Der Mythos hielt sich in weiten Teilen der Welt bis ins hohe Mittelalter, obwohl schon die Gelehrten des Alten Griechenlands um rund 600 v. Chr. bemerkten, dass mit der Scheiben-Annahme etwas nicht stimmen kann: Der Mathematiker und Philosoph Pythagoras zum Beispiel gehörte zu den ersten, die nachweislich von einer Kugelform ausgingen. 200 Jahre später auch Aristoteles, der unser Weltbild auf 2000 Jahre hinaus prägen sollte. Womöglich hatten sie am Strand stehend einfach etwas genauer hingesehen: Vom einem Schiff, das den Hafen verließ, verschwand am Horizont als erstes der Rumpf, erst dann die Segel und als letztes die Fahne an der Mastspitze. Außerdem standen die bekannten Sternbilder anderswo am Himmel – je nachdem, wo man sie betrachtete – in Athen, Alexandria oder anderswo. Und nicht zuletzt war der Rand des Erdschattens auf dem verfinsternden Mond bei einer Mondfinsternis immer rundlich – nicht gerade oder gar eckig. Wer sich mit Geometrie und Astronomie ein bisschen auskannte, wusste, was das bedeutet.

 

Das Sonnensystem wird überwacht

Da die meisten Menschen jener Zeit aber weder gut rechnen noch lesen konnten, sie kaum mit Gelehrten verkehrten und es noch kein Internet oder auch nur eine Zeitung gab, blieb diese Erkenntnis lange Zeit den Gebildeten vorbehalten. Wobei es eine Legende des 19. Jahrhunderts ist, dass selbst die mittelalterliche Christenheit noch an eine Erdscheibe geglaubt habe. Sowohl im arabischen als auch im europäischen Raum hatten sich Aristoteles‘ schlagende Argumente spätestens im 12. Jahrhundert auch in der breiteren Bevölkerung durchgesetzt. Es brauchte also nicht erst Kolumbus 1492 oder später Magellan, um zu beweisen, dass man die Erde tatsächlich umsegeln kann.

Und dennoch: Manche Menschen glauben sogar heute noch, die Erde sei eine Scheibe - egal, wie erdrückend die Beweise sind, dass sie falsch liegen.

 

„Warum die Erde eindeutig eine Scheibe ist“: In einer witzigen Satire nimmt das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum die Anhänger der Flacherde-Theorie auf die Schippe. 

 

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