Innovation, Technik, Arbeit

Warum wird die Wüste nicht zur Energiegewinnung genutzt?

24.10.2022
Kurz und knapp

Die Erwartungen an das „Desertec“-Projekt waren riesig: Solarstrom aus der Sahara sollte helfen, Europas Energieprobleme zu lösen und den steigenden Energiebedarf in Nordafrika und Nahost zu decken. Dann schienen die Kosten und Risiken zu groß, die Investoren zogen sich zurück. Doch die Idee ist nicht tot, kleinere Projekte werden bereits umgesetzt.

Ehrgeizige Pläne und was von ihnen übrig blieb

Die 2009 von zwölf Unternehmen – darunter Siemens, Eon und die Deutsche Bank – gegründete „Desertec Industrie Initiative“ verfolgte ein ehrgeiziges Ziel. Gestützt auf Studien des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wollte man bis zum Jahr 2050 mittels Sonne und Wind zwei Drittel des steigenden Energiebedarfs in der Region Nordafrika und Nahost decken, die Meerwasserentsalzung voranbringen und so viel Strom in die EU exportieren, dass sich damit etwa 17 Prozent des Bedarfs decken ließen. Nach fünf Jahren intensiver Vorarbeit zerschlugen sich die kühnen Pläne, zumindest vorerst. Doch daraus zu schließen, dass die Wüste nicht zur Energiegewinnung genutzt würde, wäre voreilig.

 

Solarthermie statt Photovoltaik

Bereits im Bau befindet sich etwa das Kraftwerk Noor in Marokko, das nicht nur für das Land selbst und seine Nachbarn Energie aus der Wüstensonne gewinnt, sondern perspektivisch sogar einen Teil der Stromausbeute durch die Straße von Gibraltar nach Europa exportieren will. In Tunesien entsteht das TuNur-Projekt, das zwei Millionen Haushalte versorgen soll, auch Ägypten und Algerien treiben das Thema weiter voran.

Klassische Photovoltaik-Anlagen spielen beim Wüstenstrom nur eine untergeordnete Rolle, sie gelten angesichts häufiger Sandstürme als zu störanfällig und wartungsintensiv. Errichtet werden vielmehr solarthermische Kraftwerke. Bei dieser Technik bündeln Spiegel das Sonnenlicht, dieses erhitzt Wasser, und der Wasserdampf treibt Turbinen zur Stromerzeugung an. Wärmeüberschüsse am Tag können in flüssigem Salz gespeichert und ihre Energie über die Zwischenschritte Wasserdampf und Turbine ins Stromnetz eingespeist werden, wenn die Sonne nicht mehr scheint.

 

Kostenfaktor Transportleitungen

Mastermind hinter den „Desertec“-Plänen war der 2017 verstorbene Physiker Gerhard Knies. Seine These: Solarkraftwerke in der Sahara könnten letztlich genug Strom für ganz Europa und die Mittelmeeranrainer liefern und benötigten dafür weniger als 0,3 Prozent der Wüstenfläche.

Einen nicht unerheblichen Kostenfaktor macht allerdings der Transport des Stroms aus. Von der Sahara nach Mitteleuropa ginge unterwegs mit den gewöhnlichen, mit Wechselstrom arbeitenden Hochspannungsleitungen die Hälfte verloren. Gleichspannungsleitungen sind teurer. Knies kalkulierte mit 350 Milliarden Euro Investitionen in Solarkraftwerke und 45 Milliarden Euro in Stromleitungen bis 2050. Ohne Inflationsausgleich. Damit wäre aber erst weniger als ein Fünftel des europäischen Energiebedarfs gedeckt.

Sich in höherem Maße von Strom aus der Wüste abhängig zu machen, wäre unklug. Denn in vielen der Wüstenstaaten ist die politische Lage sehr unsicher. Die Technik jedoch ist überall einsetzbar, wo es größere, dünn besiedelte Trockengebiete gibt. Das kann auch in Spanien, den USA oder China sein.

Sehr ausführliches Material vom DLR finden Sie hier

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