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Was beeinflusst die Intelligenz von Kindern mehr: Gene oder Erziehung?

15.03.2022
Kurz & knapp

Rund 50 Prozent unserer Intelligenz sind angeboren, sagt die Wissenschaft. Etwa 30 Prozent tragen die Eltern und ihre Erziehung dazu bei, wie sich ein Kind entwickelt. Ist die Erziehung nicht förderlich, so bleibt viel Potenzial auf der Strecke. Was alles zur Intelligenz gehört, ist unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern allerdings weiter strittig.

Übrigens: Hier beantworten wir eine der Fragen aus dem IdeenLauf, der zentralen Mitmachaktion im Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt!.

 

Schlaue Kinder: Gute Gene und von den Eltern gefördert

Iwan Pawlow sitzt in einer Bar und trinkt ein Bier. Plötzlich klingelt ein Telefon, er springt auf und ruft: „Oh nein, ich habe vergessen, den Hund zu füttern!“ Wer die Pointe dieses Witzes nicht gleich versteht, muss sich nicht wundern, denn der Witz ist „um die Ecke gedacht“. Er berührt jedoch unser Thema: Hat doch der russische Forscher Iwan Pawlow in seinen berühmten Tierversuchen nachgewiesen, dass Hunde unmittelbar auf Reize reagieren – und nicht durch Intelligenz. Im Witz verhält sich jedoch Pawlow selbst nach dem Schema Reiz und Reaktion. Ist der Mensch weniger intelligent, als er selbst meint?

Zunächst einmal muss betont werden, dass Intelligenz nicht eindeutig definiert ist. Breite Zustimmung findet die Auffassung, dass Intelligenz die Fähigkeit ist, sich an neue Situationen und Anforderungen der Umwelt anzupassen, sowie die Fähigkeit, die eigene Umwelt zu verändern. Ob Intelligenz aber als einzelnes Persönlichkeitsmerkmal zu verstehen ist oder als Summe verschiedener Eigenschaften – beispielsweise dem räumlichen Vorstellungsvermögen, der Rechenfähigkeit und dem Sprachverständnis – bleibt Gegenstand der Forschung.

Die Zahl der Nervenzellen ist vorbestimmt

Entsprechend beschäftigt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Psychologie, Soziologie, Biologie und Humangenetik auch die Frage, ob Intelligenz mehr von den Genen oder der Erziehung bzw. der Umwelt beeinflusst wird. Viele von ihnen gehen heute davon aus, dass etwa 50 Prozent der Intelligenz angeboren sind. Vor allem die Forschung an Zwillingen hat zu dieser Erkenntnis beigetragen. Rund 15.000 von insgesamt 25.000 Genen sind – so die Hirnforschung – allein für das Gehirn verantwortlich. Diese erblichen Vorbedingungen bestimmen das Wachstum des Gehirns und die Zahl der Nervenzellen, außerdem, wie diese interagieren und ob sie Signale rascher oder langsamer weiterleiten.

Weitere 30 Prozent der Intelligenz werden durch die Erziehung gebildet. Je älter ein Kind wird, desto mehr nimmt der Einfluss von Mutter und Vater ab und die Umwelt, zum Beispiel Schule und Freundinnen und Freunde, wirken vermehrt auf die Entwicklung. Zwar ist der Einfluss der Erziehung geringer als der der Gene, doch nur ein Kind, das gefördert wird, kann seine Intelligenz voll entfalten. Was die letzten 20 Prozent betrifft, will die Wissenschaft sich nicht festlegen. Intelligenzforschung beruht auf Testverfahren und es gibt stets eine „natürliche Schwankungsbreite“: Die Verfassung des Testers oder der Testerin, die Tagesform der Probandinnen und Probanden, die Genauigkeit oder Ungenauigkeit der Methode beeinflussen das Ergebnis.

IQ-Tests in der Schulpsychologie

Apropos Intelligenztests: In der schulpsychologischen Diagnostik werden diese häufig eingesetzt, um zum Beispiel den geeigneten Schultyp zu bestimmen. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass Intelligenztests trotz Schwankungen zuverlässige Ergebnisse liefern. So haben Forschende herausgefunden, dass zwei Vergleichspersonen, sagen wir die Kinder Theo und Marie, an verschiedenen Tagen und sogar bei verschiedenen Tests vergleichbare Ergebnisse produzieren. Eins der beiden Kinder erreicht stets bessere Resultate in einem etwa vergleichbaren Abstand zum anderen Kind. Solche Tests gibt es natürlich auch für Erwachsene. Der niederländische Kabarettist Herman Finkers machte daraus einen Witz: „Jetzt machen wir einen Intelligenztest: Sie müssen raten, ob Sie einen hohen oder niedrigen IQ haben – wenn Sie richtig raten, haben sie einen hohen IQ.“