Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Sicherheit

Was kann jeder von uns tun, damit es weniger Kriege gibt in der Welt?

12.10.2022
Kurz und knapp

Was tun, wenn die Gewaltspirale sich immer schneller dreht? Wie bleibt man friedensfähig in Kriegszeiten? Die Friedensforschung hat darauf Antworten. Und auch ein buddhistischer Lehrmeister kann aus seinem Erfahrungsschatz etwas beisteuern. Tatsächlich kann jeder von uns mehr tun als gedacht.

Die hier beantwortete Frage wurde eingereicht von Annika Breternitz einer unserer „Fragenden im Porträt“. Welche Geschichte hinter der Frage steckt und was Frau Breternitz motivierte, sie zu stellen, erfahren Sie hier.

In vielen Regionen weltweit herrscht Krieg

Wir leben nicht in friedlichen Zeiten. Überall auf dem Globus kämpfen Menschen gegeneinander. Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung zählte im Jahr 2021 insgesamt 28 Kriege und bewaffnete Konflikte weltweit. Mit Putins Angriff auf die Ukraine im März 2022 ist der Krieg nach Europa zurückkehrt. Was tun? Wie lässt sich der Wahnsinn des Tötens aufhalten?

 

Der Frieden der Welt beginnt mit dem Frieden in jedem Einzelnen

Wer wissen will, wie man einen Weg findet aus der Gewaltspirale, fragt am besten bei denen nach, die Erfahrung damit haben. Einer jener Menschen, der sich sein Leben lang gegen Krieg und für Frieden engagiert hat, war der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh. Als junger Mann wurde er Zeuge des Vietnamkriegs. In diesem 20 Jahre dauernden militärischen Konflikt starben mehr als drei Millionen seiner Landsleute. Etwa zwei Millionen flohen vor den Angriffen der USA, zu denen auch Chemiewaffen gehörten wie Agent Orange – die heute geächtet sind. Thich Nhat Hanh ging an die Öffentlichkeit, um auf das Leiden seines Volkes aufmerksam zu machen. Doch er klagte nicht an, sondern engagierte sich für die Versöhnung beider Länder.

Die vietnamesische Regierung erklärte ihn zur unerwünschten Person, verbannte ihn für Jahrzehnte ins Exil. Er ging nach Frankreich und gründete dort eine erste Gemeinschaft des angewandten Buddhismus. Viele weitere Gemeinschaften folgten, verstreut über den Globus. Sie existieren über den Tod von Thich Nhat Hanh hinaus, der Anfang 2022 mit 95 Jahren starb. Zehntausende Menschen aller Nationen kommen heute jährlich zu den Veranstaltungen, sogenannten Retreats, und üben sich in Versöhnung und Mitgefühl. Thich Nhat Hanh selbst sagte einmal, dass es Frieden in der Welt erst geben wird, wenn wir Menschen in uns selbst Frieden finden. Folgt man der Lehre des vietnamesischen Lehrers, lautet die Schlussfolgerung: Unsere Haltung uns selbst gegenüber bestimmt maßgeblich, ob es mehr oder weniger Kriege geben wird in der Welt. 

 

„Wahrer Friede ist die Gegenwart von Gerechtigkeit“

Doch ist Frieden überhaupt das Gegenteil von Krieg? Bedeutet die Abwesenheit von Kampf und Gewalt im Umkehrschluss Harmonie und Gleichberechtigung? Für den norwegischen Friedensforscher Johann Galtung greift das zu kurz. Der Träger des alternativen Nobelpreises entwickelte 1971 das Konzept des positiven und des negativen Friedens. Negativer Frieden bedeutet, dass es keinen Krieg gibt und keine gewalttätigen Konflikte, wohl aber strukturelle Gewalt in Form von Ungleichheit, Diskriminierung und Armut. Erst, wenn auch diese Gewalt abnimmt und die Gerechtigkeit wächst, beginnt ein positiver Frieden. Es ist ein Ansatz, den bereits der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King teilte. King sagte: „Wahrer Friede ist nicht die bloße Abwesenheit von Spannung; es ist die Gegenwart von Gerechtigkeit.“

 

Der Weg zurück zum friedlichen Miteinander braucht Geduld

Wenn wir uns also gegen etwas engagieren wollen – zum Beispiel gegen Kriege – sollten wir auch wissen, wofür wir unsere Energie und Zeit einsetzen. Wollen wir vorrangig, dass die sichtbare Gewalt aufhört? Dann ist es ein erster Schritt, gewaltfrei miteinander umzugehen. Im negativen Frieden ist man der anderen Partei vielleicht nicht zugeneigt, verhält sich aber zumindest so, dass nicht immer wieder Konflikte aufflammen.

Wollen wir uns für einen positiven Frieden engagieren, geht es um Akzeptanz für die Unterschiede zwischen Menschen und für die Vielfalt des Lebens. Erst wenn wir unser Gegenüber als gleichberechtigt sehen, können wir konstruktiv nach Kompromissen suchen. Dialogfähigkeit ist dafür notwendig. „Wir wissen aus der Forschung, dass Dialogformate und gegenseitige Kontaktaufnahme auf gesellschaftlicher Ebene notwendig sind, um auf lange Sicht wieder zu einer friedlichen Koexistenz zu kommen“, sagt Ursula Schröder, Direktorin des Hamburger Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. „Wenn wir die gegnerische Seite nicht mehr kennen, wenn auch die Bevölkerungen keinen Austausch mehr haben, wenn Wissenschaftskooperation eingestellt wird, dann wird es sukzessive schwieriger, gegen Feindbilder an zu argumentieren und später wieder auf Dialogformate zu kommen, die unabwendbar sein werden.“

Genau hier finden Spiritualität und Wissenschaft eine Schnittmenge: Mit offenem Herzen im Dialog bleiben und auf Kooperation setzen statt auf Konkurrenz – das kann jeder Einzelne tun, um Krieg zu verhindern.

Inspirierende Fragen

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45 JahreNordrhein-Westfalen02.04.2022

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