Umwelt, Klima, Erde, Universum

Was können Unternehmen tun, um nachhaltiger zu werden?

26.09.2022
Kurz und knapp

Nachhaltigkeit umfasst viele Strategien. Der Abfall des einen Unternehmens kann zum Beispiel der Rohstoff eines anderen sein. Diese industrielle Symbiose funktioniert im Einzelfall bereits, müsste aber noch viel systematischer erfolgen. Auch die Strategie, Konsumgüter unter mehreren zu teilen oder etwa teure Gebrauchsgeräte unter Nachbarn zu verleihen, ist ökologisch und sozial sinnvoll.

Bisher wirtschaften wir nicht nachhaltig genug

Kaum ist die erste Hälfte des Jahres verstrichen, hat die Menschheit schon alle natürlichen Ressourcen – von Wasser bis zu Holz – aufgebraucht, die die Natur innerhalb eines Jahres rechnerisch bereitstellt. Dieser Stichtag heißt „Earth Overshoot Day“. 2021 fiel er auf den 28. Juli. Doch ständig rückt dieser Tag weiter nach vorne. „Das zeigt uns, dass wir unsere Wirtschafts- und Lebensweise ändern müssen“, sagt Florian Lüdeke-Freund, Professor für nachhaltiges Unternehmertum an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin. „Sonst wirtschaften wir die Erde kaputt.“ 2021 hat er mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ein Buch vorgelegt, indem deutlich wird, wie viel Unternehmen tun können, um nachhaltiger zu werden.

 

Mehr als Strom sparen

Grundsätzlich müssten Betriebe ihre Geschäftsmodelle überdenken, um ökologische und soziale Wertschöpfung attraktiv zu machen, erklärt Lüdeke-Freund. Was recht abstrakt klingt, kann im konkreten Einzelfall viele Strategien des nachhaltigen Wirtschaftens umfassen. Diese gehen über naheliegende Maßnahmen wie Wasser und Strom sparen oder auch Papier in den Büros weit hinaus.

Eine dieser Strategien heißt „Industrielle Symbiose“. Sie ermöglicht es Unternehmen, sich wie bestimmte Lebewesen im Ökosystem zum gegenseitigen Nutzen zusammenzutun. „Des Einen Abfall ist des Anderen Rohstoff“, gibt Lüdeke-Freund ein Beispiel, „oder des Einen Energieüberschuss dient einem anderen als Wärmequelle“.

Etwa wuchsen auf den Kaffeeabfällen einiger Berliner Kaffeehäuser im Keller einer Kreuzberger Firma zeitweilig verschiedene Speisepilze. Der Abfall diente ihnen als Substrat – die Coronakrise überlebte der Betrieb allerdings nicht. Die Symbiose von Unternehmen verringert aber grundsätzlich den Verbrauch an Rohstoffen und den Abfallberg.

 

Kreislauf der Produkte

Ganz oben auf der Agenda der EU wie auch der Bundesregierung steht eine weitere Strategie für Nachhaltigkeit: die Kreislaufwirtschaft. Das Konzept ist alt und in vielen Branchen dennoch erst in Ansätzen vorhanden. Gebrauchte Konsumgüter werden gesammelt und so wiederverwertet, dass sie im Idealfall eins zu eins zur Produktion neuer Ware taugen.

Zum Beispiel können Baustoffe, die beim Abriss eines Gebäudes anfallen, zu neuen Baustoffen verarbeitet werden. Ein großes Thema ist „Zirkularität“, wie es Neudeutsch heißt, in der Textilbranche. T-Shirts aus Baumwolle, Kleider aus Viskose und Strumpfhosen lassen sich prinzipiell zu neuen Stoffen recyceln. Die technischen Verfahren dafür existieren bereits. Doch die zahlreichen Zutaten unserer Bekleidung – von Farben über Appreturen, Knöpfe, Reißverschlüsse bis zu einem Materialmix aus verschiedenen Fasern – torpedieren eine hochwertige Kreislaufwirtschaft.

Erst, wenn sich die Industrie unternehmensübergreifend einigt, sich auf bestimmte Materialien und Zusammensetzungen zu beschränken, können echte Kreislaufkonzepte gelingen. Bei PET-Getränkeflaschen zum Beispiel ist das geglückt. Aus ihnen lassen sich mehrmals neue Flaschen herstellen. Verschiedene Dienstleister entwickeln auch „Pässe“ für Produkte wie Textilien oder Kunststoffverpackungen, die genau aufführen, woraus sie bestehen. Denn mit diesen Informationen kann ein Unternehmen ausgediente Ware auch leichter wiederverwerten.

Deglobalisieren und relokalisieren, aber nicht um jeden Preis

„Zirkularität gelingt dabei im besten Fall lokal“, sagt Lüdeke-Freund. „Es ist aus ökologischer Sicht falsch, die Unterlegscheiben für ein Produkt aus dem Land A und die Muttern aus dem Land B zu beziehen, nur weil man ein paar Cent spart.“ Jeder Transport geht mit Treibhausgas- und anderen Schadstoffemissionen, Energie- und Ressourcenverbrauch einher.

Gleichwohl ist es in einer hochgradig spezialisierten und arbeitsteiligen Welt, in der etwa ein Medikament und seine Vorstufen aus mindestens 12 unterschiedlichen Fabriken stammt, die alle für den Weltmarkt produzieren, illusorisch geworden, alle Güter lokal zu fertigen. Bei weniger komplexen Produkten wie etwa Möbeln jedoch lassen sich lokale Kreislaufe schließen. Außerdem kann man den Lebenszyklus lokal über Nachbarschaftsinitiativen und Repaircafés verlängern, nach dem Motto: vor Ort gekauft, vor Ort repariert, vor Ort wieder verkauft.

 

Teilen statt kaufen

Ein Trend in Richtung Nachhaltigkeit ist auch die „Sharing Economy“, findet Lüdeke-Freund. Statt Konsumgüter zu verkaufen, wird die damit verbundene Dienstleistung vermietet. Der Ansatz hat etwa beim Ausleihen von Büchern in Bibliotheken bereits eine lange Tradition und etabliert sich derzeit auch im Bereich Mobilität. Autos und Fahrräder lassen sich in hiesigen Städten digital und sofort leihen. Bezahlt wird nicht mehr für das Verkehrsmittel, sondern für das Fortbewegen. „Damit haben Unternehmen auch einen Anreiz, robustere und langlebigere Verkehrsmittel zu konzipieren. Das ist Nachhaltigkeit im doppelten Sinn“, sagt der Ökonom.

„Das Problem all dieser Nachhaltigkeitskonzepte ist aber, dass die damit erreichten positiven Effekte für die Umwelt durch permanentes Wirtschaftswachstum aufgezehrt werden.“ Ohne, dass die Menschen insgesamt ihren Konsum beschränken, könne es daher keine nachhaltige Wirtschaftsweise geben. Einige Unternehmen versuchen, dem Rechnung zu tragen, indem sie ihr Wachstum deckeln. 

Auf der internationalen Website des Earth Overshoot Days lässt sich verfolgen, wie der Tag jedes Jahr früher eintritt. 

Inspirierende Fragen

1 Artikel  ·  Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Sicherheit
Anonym09.03.2022

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