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Was wäre, wenn wir auf dem Mars einfaches Leben oder Spuren davon fänden?

14.04.2022
Kurz und knapp

Erstmals nehmen Rover Bodenproben auf dem Mars, um diese zur Erde zu bringen und in Labors intensiv zu analysieren. Forschende wähnen sich kurz davor, auf diese Weise fossile Spuren einfachen Lebens auf dem roten Planeten eindeutig nachweisen zu können. Astrobiologinnen und -biologen erhoffen sich davon einen Schub für ihre Forschung. Doch der Fund würde noch viel mehr verändern. Was also wäre, wenn wir auf dem Mars einfaches Leben oder Spuren davon fänden?

Der Heilige Gral der Astronomie

Leben auf anderen Himmelskörpern zu finden, gilt seit jeher als eine Art Heiliger Gral der Planetenforschung und Raumfahrt. Einmal wähnten sich amerikanische Astrobiologinnen und -biologen bereits am Ziel. Sie identifizierten 1996 auf dem Marsmeteoriten ALH 84001, der zwölf Jahre zuvor in der Antarktis gefunden worden war, Spuren von Bakterien: nanometer-kleine, längliche Strukturen mit Mineralieneinschlüssen, die in ihren Augen nur durch den Stoffwechsel von Mikroorganismen produziert worden sein konnten. Doch andere Fachleute wiesen nach, dass die Strukturen auch anders zu erklären sind – ohne das Zutun von Lebewesen. Als erster klarer Nachweis außerirdischen Lebens taugte der Fund also nicht.

Doch die Suche geht weiter. Große Hoffnung, endlich eindeutige Relikte von Leben – oder sogar noch aktive Organismen – auf dem Mars zu finden, setzt die Wissenschaft in die aktuell laufende Mars 2020-Mission der US-Raumfahrtagentur NASA. In deren Rahmen nimmt der Rover Perseverance Gesteins- und Bodenproben – darunter Bohrkerne aus einigen Zentimetern Tiefe. Zunächst fährt er dafür durch einen Krater. In diesem muss geologischen Erkenntnissen zufolge einst ein See gelegen haben, bevor alles Oberflächenwasser des Mars verdampfte oder in den Boden sickerte und gefror. Später fährt Perseverance in das Gebiet einer ehemaligen Flussmündung. An beiden Orten schätzen Fachleute die Wahrscheinlichkeit für fossile Spuren einstigen Lebens als besonders hoch ein.

Unter der Oberfläche ist Leben wahrscheinlicher

Der Rover wird versiegelte Proben an der Marsoberfläche deponieren, wo sie nach derzeitigen Plänen später von einer Mission der Europäischen Raumfahrtagentur ESA eingesammelt und zur Erde zurückgebracht werden sollen. Erstmals würde man so gezielt genommene Proben vom Mars in einem Labor auf der Erde analysieren. „Die Möglichkeiten solcher Untersuchungen sind ungleich höher, als wenn sie rein robotisch auf dem Mars erfolgen“, sagt Ulrich Köhler, Planetengeologe am Institut für Planetenforschung des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) in Berlin.

Wenn diese Missionen nun also tatsächlich Spuren von Leben finden – was dann?

Sicherlich gäbe es eine große Pressekonferenz, „unsere Zunft würde den ein oder anderen Sektkorken knallen lassen“, sagt der Astrobiologe Jean-Pierre Paul de Vera, Leiter des Microgravity User Support Centers des DLR in Köln. Dennoch: „Wie üblich in der Wissenschaft kommen nach der ersten Euphorie die Kritiker und versuchen zu widerlegen, dass die Spuren eindeutig sind“, räumt Ulrich Köhler ein. Außerdem gelte es sauber nachzuweisen, dass die Mikroorganismen nicht von der Erde stammen und womöglich durch eine frühere Marsmission eingeschleppt wurden. Anhand etwa von Isotopenanalysen lassen sich irdische Organismen vermutlich als solche identifizieren.

Auch die Suche nach Aliens würde verstärkt

Wenn der Fund allen Einwänden standhält und allgemeine Akzeptanz findet, würde das zunächst einmal bedeuten, dass das Leben auf Erden nicht einzigartig ist. „Bislang wird nur vermutet, dass die Entstehung von Leben unter den richtigen Voraussetzungen eine Art Grundgesetz im Universum darstellt“, sagt de Vera. „Der Fund wäre ein starker Beweis dafür.“ Außerdem hofft er, dass seine Wissenschaftsdisziplin eine enorme Aufwertung erfährt: „Es würden neue Forschungsinstitute gegründet. Sie strecken ihre Fühler umso stärker über den Mars und unser Planetensystem hinaus aus, um Hinweise auf Leben auch auf anderen Himmelskörpern zu finden.“

Die sogenannte SETI-Forschung – also die Suche nach außerirdischer Intelligenz, die lange Zeit eher belächelt wurde – würde wohl ebenfalls ausgeweitet. Zwar ist strittig, ob Evolution mit genügend Zeit zwangsläufig zu intelligentem Leben führt – was bedeuten könnte, dass es dort draußen andere Zivilisationen gibt, mit denen wir womöglich in Kontakt treten können. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, so de Vera, würde durch den Fund auf dem Mars gewissermaßen steigen. „Wobei ich lieber von ‚komplexem Leben‘ spreche. Denn ob man den Umgang der Menschen untereinander – insbesondere dieser Tage – wirklich als intelligent bezeichnen kann, sei mal dahingestellt.“

Die Implikationen wären nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich und philosophisch: Unser Weltbild würde sich ändern wie einst bei der kopernikanischen Revolution vor rund 500 Jahren, als der Mensch erkannte, dass die Erde nicht den Mittelpunkt des Universums darstellt. Die Menschheit würde sich womöglich nicht mehr so allein fühlen, vielleicht sogar international ein wenig mehr zusammenrücken, so hoffen viele. „Andererseits“, so meint Ulrich Köhler, „schließe ich auch nicht aus, dass viele Menschen das alles mit einem Schulterzucken quittieren. Nach dem Motto: Was juckt es mich, ob auf dem Mars vor ein paar Milliarden Jahren eine Mikrobe nach Luft geschnappt hat?“

Informationen der NASA zur Mars 2020-Mission finden Sie hier, zur ExoMars-Mission der ESA hier.