Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Sicherheit

Welche Auswirkungen hätte ein bedingungsloses Grundeinkommen?

21.11.2022
Kurz und knapp

Das bedingungslose Grundeinkommen in Reinform ist bislang noch nirgendwo getestet worden. Resultate bisheriger Experimente in eingeschränkterem Rahmen legen jedoch nahe: Menschen würden auch mit existenzsicherndem Grundeinkommen einer bezahlten Arbeit nachgehen. Außerdem ist offenbar jemand, der oder die Grundeinkommen bezieht, zufriedener und hat mehr Vertrauen in Staat und Mitbürger und Mitbürgerinnen, als Menschen, die Arbeitslosengeld empfangen. Erwartbare weitere Effekte wurden bislang nicht untersucht.

Die hier beantwortete Frage wurde eingereicht von Lukas Weymann, einem unserer „Fragenden im Porträt“. Welche Geschichte hinter der Frage steckt und was Lukas motivierte, sie zu stellen, erfahren Sie hier.

Arbeiten trotz Grundeinkommen?

Unter einem bedingungslosem Grundeinkommen versteht man einen Sockelbetrag, welcher unabhängig von Einkommen oder anderen Umständen allen Bürgern und Bürgerinnen eines Landes vom Staat ausgezahlt wird – ohne dass dafür eine Gegenleistung erbracht werden muss. Im Idealfall würde ein solcher Sockelbetrag das Existenzminimum abdecken. Darüber, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auswirken würde, gibt es unterschiedliche Hypothesen. Die zentrale Befürchtung ist: Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde dazu führen, dass viele Menschen aufgrund des fehlenden finanziellen Anreizes nicht mehr arbeiten und stattdessen einzig ihren privaten Vergnügungen nachgehen würden.

Seit den 1960er Jahren wurden weltweit immer wieder Experimente mit Grundeinkommen-Modellen durchgeführt. Nirgendwo jedoch wurde eine Variante eines Grundeinkommens getestet, welches zugleich universal ist (das heißt allen zugutekommt) und dazu bedingungslos sowie existenzsichernd. Dennoch lassen sich auf Basis bisheriger empirischer Experimente Antworten auf Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen stellen, zumindest ungefähr abschätzen.

 

Die finnische Studie

Das wissenschaftlich am umfangreichsten begleitete Experiment wurde 2017 und 2018 in Finnland durchgeführt. Für die Dauer von zwei Jahren erhielten per Los ermittelte 2000 arbeitslose Bürgerinnen und Bürger im Alter zwischen 25 und 58 Jahren einen Basisbetrag von 560 Euro pro Monat. Der Betrag entspricht der finnischen Arbeitslosenhilfe (työmarkkinatuki). Anders als diese war der Bezug des Grundeinkommens nicht daran gekoppelt, dass die Empfangenden der Bezüge regelmäßig bei der Sozialversicherungsanstalt vorsprechen und Weiterbildungsbemühungen oder Schritte in Richtung Jobsuche nachweisen. So wie die Empfangenden der Arbeitslosenhilfe erhielten die Beziehenden des Grundeinkommens zusätzlich zu den 560 Euro finanzielle Wohnhilfe.

In dem finnischen Versuch wurden die Faktoren „universal“ gar nicht erfüllt (schließlich war es nur eine Testgruppe) und „existenzsichernd“ nur unzureichend (auch inklusive der Wohnhilfen reichen 560 Euro in Finnland kaum zu Leben). Zudem war das Grundeinkommen auch nicht völlig bedingungslos (schließlich erhielten es nur Arbeitslose). Dennoch ist die Studie aussagekräftig, weil gleichzeitig zu den ausgelosten Bürgerinnen und Bürgern eine Kontrollgruppe untersucht wurde, die auf üblichem Weg das Arbeitslosengeld ausgezahlt bekam. Anhand der Kontrollgruppe lassen sich die erzielten Effekte gut verfolgen. Sowohl mit Grundeinkommens-Empfangenden wie Teilnehmenden der Kontrollgruppen wurden Umfragen und Tiefeninterviews durchgeführt; die Resultate wurden wissenschaftlich statistisch ausgewertet. 

 

Mehr Zufriedenheit und Vertrauen

Die finnische Studie zeigt, dass Empfangende eines Grundeinkommens eher bereit sind, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen als die Arbeitslosen in der Kontrollgruppe. Empfänger eines Grundeinkommens verbrachten im Durchschnitt 78 Tage in bezahlter Beschäftigung, die Teilnehmenden der Kontrollgruppe nur 73 Tage. Die Begleitforschung interpretiert diesen Effekt als zwar schwach, aber dennoch stärker als eine bloß zufällige Differenz in den Messergebnissen. Plausibel erscheint der Effekt insofern, als Empfangende eines Grundeinkommens ihre Einkommen aus bezahlter Arbeit zusätzlich zu den 560 Euro behalten durften, während die zusätzlichen Einkommen bei den Mitgliedern der Kontrollgruppe je nach Umständen mit der Arbeitslosenhilfe verrechnet wurden. Was aus der Studie nicht abgelesen werden kann, ist, inwiefern Menschen, die bereits einer bezahlten Arbeit nachgehen, bei Leistung eines Grundeinkommens diese Arbeit vielleicht aufgeben würden.

Die finnische Studie zeigt, dass Empfangende eines Grundeinkommens eher bereit sind, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen als die Arbeitslosen in der Kontrollgruppe. Empfänger eines Grundeinkommens verbrachten im Durchschnitt 78 Tage in bezahlter Beschäftigung, die Teilnehmenden der Kontrollgruppe nur 73 Tage. Die Begleitforschung interpretiert diesen Effekt als zwar schwach, aber dennoch stärker als eine bloß zufällige Differenz in den Messergebnissen. Plausibel erscheint der Effekt insofern, als Empfangende eines Grundeinkommens ihre Einkommen aus bezahlter Arbeit zusätzlich zu den 560 Euro behalten durften, während die zusätzlichen Einkommen bei den Mitgliedern der Kontrollgruppe je nach Umständen mit der Arbeitslosenhilfe verrechnet wurden. Was aus der Studie nicht abgelesen werden kann, ist, inwiefern Menschen, die bereits einer bezahlten Arbeit nachgehen, bei Leistung eines Grundeinkommens diese Arbeit vielleicht aufgeben würden.

Bezüglich anderer Faktoren fallen die Resultate der finnischen Studie sehr viel deutlicher aus. Was die (selbst diagnostizierte) Lebenszufriedenheit betrifft, schnitten die Grundeinkommens-Empfangenden entschieden besser ab als die Arbeitslosengeld-Empfangenden. Obwohl erstere, was die reine Summe betrifft, nicht mehr Geld zur Verfügung hatten als letztere, schätzten sie ihre Situation als sicherer ein. Außerdem zeigten sie stärkeres Vertrauen in die Zukunft, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger und in öffentliche Institutionen. Wenn zudem nicht nur einige ausgewählte Testpersonen, sondern ein großer Teil der Gesellschaft von einem Grundeinkommen und den dadurch bewirkten Effekten profitiert, könnten sich positive Veränderungen ergeben, die in der Summe vorab gar nicht absehbar sind. Auch negative Effekte wären natürlich möglich: So könnten Arbeitgeber, die schlecht bezahlte, aber begehrte Jobs anbieten, auf die Idee kommen, noch weniger Gehalt zu zahlen – weil das Grundeinkommen als Ergänzung bereitsteht. In einer auf zwei Jahre angelegten Studie mit einer begrenzten Zahl von Teilnehmenden lassen sich solche Effekte freilich nicht untersuchen.

 

Weitere Experimente

Weitere und größere angelegte Grundeinkommens-Experimente, wenn auch weniger sorgfältig wissenschaftlich begleitet, deuten in eine ähnliche Richtung wie die finnische Studie. In Alaska zahlt der Staat bereits seit 1982 jedem seiner Bürgerinnen und Bürger ein Grundgeld zwischen 1.000 und 2.000 Dollar, abhängig vom Ölpreis-Niveau. Ein negativer Einfluss auf die Bereitschaft, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen, wurde auch hier nicht beobachtet (jedoch ein Anstieg der Geburtenrate). In North Carolina, USA, erhalten Mitglieder einer indianischen Stammesgemeinschaft seit 1997 eine jährliche Dividende in Höhe zwischen 4.000 und 6.000 Dollar, die sich aus den Einnahmen eines Spielcasinos auf dem Gelände der Stammesgemeinschaft speist. Auch hier wurde kein Rückgang in der Beschäftigtenquote beobachtet, stattdessen aber eine Zunahme an mentaler Gesundheit, bessere Bildung, sowie weniger Kriminalität und Drogenabhängigkeit.

In Deutschland startete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im Jahr 2021 eine Studie zum Bedingungslosen Grundeinkommen, bei dem 122 ausgeloste Versuchsteilnehmer (also sehr viel weniger als in Finnland) für drei Jahre monatlich 1.200 Euro ausgezahlt bekommen – bedingungslos. Ergebnisse stehen noch aus. Eine weitere Studie mit 3.500 Testpersonen wurde kürzlich von der Initiative „Expedition Grundeinkommen“ gefordert. Ein Volksentscheid, welches die Initiative zur Forcierung des Experiments auf den Weg bringen wollte, scheiterte jedoch im September 2022 daran, dass im ersten Schritt nicht die erforderliche Menge an Unterschriften zusammengetragen werden konnten.

Unabhängig von den erwartbaren Effekten stellt sich allerdings noch eine ganz andere Frage. Nach Berechnungen des wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums würde die Auszahlung eines am Existenzminimum orientierten Grundeinkommens den Staat satte 887 Mrd. Euro kosten. Das ist etwas mehr als die gesamten Steuereinnahmen des Deutschen Staates 2021. Es stellt sich also die große Frage, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert werden sollte.

 

Details der finnischen Studie sind verfügbar auf dieser Webseite (Englisch). 

Einen guten Überblick über bisherige Experimente mit einem Grundeinkommen rund um den Globus bietet die (englischsprachige) Wikipedia-Seite "Universal Basic Income Pilots"

Ab sofort nichts mehr ver­pas­sen

Der Newsletter – ab sofort nichts mehr verpassen

Abonnieren Sie den Newsletter des Wissenschaftsjahres 2022 – Nachgefragt! und bleiben Sie auf dem Laufenden zu Themen, Veranstaltungen und Aktionen.