Innovation, Technik, Arbeit

Welche Jobs werden Roboter
künftig übernehmen?

16.09.2022
Kurz und knapp

Automatisierung und Robotik werden in Zukunft so einige Aufgaben übernehmen und gewisse Jobs überflüssig machen. Doch beileibe nicht alle. Wo die Aufgaben komplex, der Einsatz kreativer Fähigkeiten gefragt oder soziale Kompetenzen in Beratung und Management gefordert sind, werden Roboter auch in Zukunft die Ausnahme bleiben. Wenn in der Fertigung nicht-standardisierte Gegenstände mit unregelmäßigen Oberflächen verarbeitet werden, bleiben auch dort menschliche Arbeiter überlegen.

Über 18 % aller Jobs bedroht

In Städten wie Berlin gab es in den 1980er und 1990er Jahren noch in vielen U-Bahnhöfen Ticketschalter. Heute sind die einstigen Schalterstübchen vermauert oder verbarrikadiert. Tickets gibt es am Automaten. Der nächste Schritt: In jüngster Vergangenheit hat die nicht zuletzt durch Corona forcierte Verbreitung von bargeldlosem Zahlen es ermöglicht, dass auch Läden wie Ikea oder Decathlon fast vollständig auf Selbstbedienung im Kassenbereich umgestiegen sind. Von den ehemaligen Kassierern und Kassiererinnen sind nur noch einige wenige im Einsatz, um der Kundschaft zur Seite zu stehen, falls es Probleme gibt beim Einscannen der Ware oder beim Bezahlvorgang.

Kassiererinnen und Ticketverkäufer sind nur der Anfang. Viele andere Jobs sind durch Automatisierung ebenfalls im Schwinden begriffen. Die fahrerlose Steuerung von Fahrzeugen, insbesondere von LKWs, steht angeblich kurz vor der Marktreife. Aus der Medizin hört man, dass Operations-Roboter menschliche Chirurgen und Chirurginnen in vielen Fällen bereits ersetzen können. Laut OECD könnten in Deutschland in den kommenden 15 bis 20 Jahren 18,4 Prozent der Arbeitsplätze der Automatisierung zum Opfer fallen. Aber welche Jobs sind besonders betroffen?

 

Wenig gefährdet: Neurologen, Richter, Staatsanwälte

Die jüngste Studie, die dies untersucht, stammt von einem Team von Systemingenieuren und Robotikforscherinnen an der Ingenieurshochschule Lausanne. Im Fachjournal „Science Robotics“ erstellten sie einen Automatisierungs-Risiko-Index für 967 Berufe. Er zeigt, wie Robotik, KI und Digitalisierung Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus ihren Jobs drängen wird. Ganz oben auf dem Index stehen Schlachter und Fleischverabeiter, Reinigungskräfte, Regalauffüller im Einzelhandel und Kuriere. Unten auf der Liste findet man Neurologen, Richterinnen und Staatsanwälte.

Wie kommt man zu solchen Prognosen? Wie schon andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zuvor hat das Team aus Lausanne sich zunächst einen existierenden Katalog von Stellenprofil-Beschreibungen vorgenommen. Dafür griffen sie auf die vom US-Arbeitsministerium bereitgestellte Datenbank „O∗NET“. Die Job-Beschreibungen wurden dann auf Eigenschaften hin analysiert, die ein Indikator dafür sind, wie leicht oder schwer eine Tätigkeit automatisierbar ist. Beim Design des Suchfilters legte das Team Wert darauf, den aktuellen Forschungsstand in Sachen Automatisierung, inklusive Robotik, zu berücksichtigen. Hier wurde unter anderem das EU-Strategiepapier „European H2020 Robotic Multi-Annual Roadmap (MAR)“ berücksichtigt.

Zusätzlich durchforsteten die Robotik-Experten und Expertinnen wissenschaftliche Veröffentlichungen, Patente und Beschreibung von auf dem Markt erhältlichen Roboter-Produkten. Auf diese Weise gelangten sie zu Einschätzungen, welchen Grad von Marktreife bestimmte Roboter aktuell besitzen. All dies floss in den Suchfilter ein, mit dem die Jobprofile der O∗NET-Datenbank analysiert wurden. Auf diese Weise konnte das Lausanner Team berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Job in naher Zukunft der Automatisierung zum Opfer fallen wird.

 

Auf diese Faktoren kommt es an

Eine gute Vorstellung von den Faktoren, die hier eine Rolle spielen, gibt der Online-Selbst-Test „How will automation change your job?“, der von der OECD angeboten wird. Er fragt ab, wie komplex die Aufgaben von Proband oder Probandin sind, welche Bedeutung dabei kreative Fähigkeiten haben, die Rolle der Selbstkorrektur, soziale Kompetenzen in Beratung und Management sowie die Häufigkeit, mit der in dem Job nicht-standardisierte materielle Gegenstände mit unregelmäßigen Oberflächen verarbeitet werden müssen. Weitere Fragen zielen auf bereits in den vergangenen Jahren beobachtbare Veränderungen im Arbeitsumfeld ab, die Branche, das Land sowie Alter, Geschlecht, Ausbildung und Beschäftigtenstatus.

 

Die Aussichten sind unklar

Was folgt aus all dem? Zunächst: In zumindest einigen Berufen, die von der Automatisierung bedroht sind, herrscht gegenwärtig keinesfalls Überangebot, sondern sogar ein Mangel an geeigneten Arbeitskräften. Zum Beispiel LKW-Fahrerinnen und -Fahrer. 

Die Frage, ob wir in Zukunft durch die Automatisierung insgesamt weniger Jobs haben werden oder mit zunehmender Arbeitslosigkeit rechnen müssen, wird allerdings durch Studien wie jene aus Lausanne weder untersucht noch beantwortet. Expertinnen und Experten kommen hier zu unterschiedlichen Einschätzungen, weil im Zuge der Automatisierung auch immer wieder neue Jobs entstehen, die besondere Fähigkeiten im Umgang mit KI und Robotern oder bei der Interaktion zwischen Menschen und Maschine erfordern.

Im Übrigen sagt die Automatisierbarkeit nicht zwingend etwas über die Verdienstchancen eines Berufes aus. Zwar gehören standardisierbare, eher gering bezahlte Fließbandjobs sowie Putzhilfen und andere einfache Dienstleistungen zu jenen, die der Automatisierung zum Opfer fallen könnten. Das heißt aber nicht, dass ein geringes Automatisierungsrisiko mit gutem Verdienst einhergeht. Auch solche Jobs können schlecht bezahlt sein und bleiben. Zum Beispiel private Musiklehrerinnen und -lehrer: Welches Ausbildungsniveau sie auch haben – die Summe, die Kundinnen und Kunden bereit sind, für privaten Unterricht auszugeben, bewegt sich in engen Grenzen. Steigerungen bei Proberaum-Mieten etwa können nur bedingt weitergereicht werden. Was ebenfalls eine Rolle spielt: Wenn, wie in den letzten Jahrzehnten, die Preise für andere Dienstleistungen und Produkte wie etwa elektronische Geräte oder Flüge sinken, sind den Endkunden radikale Preiserhöhungen beim Musikunterricht schwer zu vermitteln – selbst wenn der Job schlecht automatisierbar ist.

Weitere Informationen: 

Der Online-Selbst-Test der OECD, mit dem man herausfinden kann, wie stark der eigene Job durch Automatisierung gefährdet ist, ist hier verfügbar. 

Hier findet sich die OECD-Studie zur Prognose des Anteils von Jobs, die durch die Automatisierung bedroht sind.

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