Umwelt, Klima, Erde, Universum

Wie bekommen wir Menschen dazu, nachhaltiger zu leben und sich gleichzeitig wohlzufühlen?

21.11.2022
Kurz und knapp

Es ist eine Kunst nachhaltig und zufrieden zu leben. Aber wer achtsam ist, Natur und Mitmenschen gleichermaßen schätzt und genussvoll lebt, wird sich automatisch ökologischer verhalten. Das setzt allerdings voraus, dass man selbst gesteckte Ziele planen und in die Tat umsetzen kann.

„Ich muss mal in die Sonne.“

Eigentlich wissen viele Menschen, wie ein nachhaltiger Lebensstil aussehen müsste: Weniger Auto fahren, weniger fliegen, nicht so viel konsumieren, möglichst wenig Fleisch essen, um nur ein paar Faktoren zu nennen. Vielen aber gelingt es nicht, „ihre Information und ihr Wissen in die Tat umzusetzen“, sagt Marcel Hunecke, Umweltpsychologe an der Universität Dortmund. Denn dafür bräuchte es neben dem blanken Wissen auch eine profunde Motivation. Das heißt, wir müssten beispielsweise bewusst auf die Urlaubsflugreisen verzichten wollen – zugunsten der Nachhaltigkeit. Oft heißt es dann aber: „Ich muss mal in die Sonne“.

Diese weit verbreitete Ausredenkultur hat Folgen: „Wenn Nachhaltigkeit ein nachrangiges Ziel nach dem Komfort ist, kann ein ökologischer Lebensstil schlicht nicht gelingen“, erklärt Hunecke. Moderne Zivilisationen seien deshalb weit von echter Nachhaltigkeit entfernt, warnt er.

 

Achtsam und solidarisch

Insofern ist es zunächst einmal notwendig, an der eigenen Einstellung zu arbeiten: Die Motivation zu einem nachhaltigen Lebensstil entwickelt und vertieft sich Huneckes Forschung zufolge mit bestimmten psychischen Fähigkeiten: Dazu gehört die Achtsamkeit und damit die Fähigkeit eines Menschen, bewusst zu leben, beispielsweise bewusst zu essen, zu sprechen und etwa beim Spaziergang die Natur aufmerksam wahrzunehmen. Denn wer das tut, wirft weder seinen Müll achtlos in die Landschaft noch lässt er das Licht in der Wohnung nutzlos brennen.

Ebenso unterstützt ein ausgeprägter Sinn für Solidarität eine nachhaltige Lebensführung. Sobald man sich anderen Menschen verbunden und verantwortlich fühlt, kann man nicht ohne schlechtes Gewissen verschwenderisch mit endlichen Ressourcen umgehen.

Eine Voraussetzung für einen nachhaltigen Lebensstil ist auch die Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit. Damit bezeichnen Psychologen und Psychologinnen die Gabe, das eigene Leben zu gestalten. Viele Menschen seien demgegenüber aber Getriebene einer Konsum- und Digitalisierungsgesellschaft.

Menschen, die einen ökölogischen Lebensstil voller Überzeugung verfolgen, ecken allerdings regelmäßig an. Deshalb benennt Hunecke die Fähigkeit zur Selbstakzeptanz als weitere psychische Ressource. Selbstakzeptanz bedeutet, dass die eigenen Werte und Ziele gut in uns Selbst verankert sind und Kommentare anderer über uns aufgeben.

 

Bewusste Nachhaltigkeit bringt mehr Zeit und macht zufriedener

Die psychischen Voraussetzungen für Nachhaltigkeit kann man Erlernen, ermutigt Hunecke in seinem Buch „Psychologie der Nachhaltigkeit“. Sie alle – er benennt in seinem Werk insgesamt sechs: Achtsamkeit, Genussfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Selbstakzeptanz, Lebenssinn und Solidarität – können in Coachings an Hochschulen, Schulen und auch am Arbeitsplatz in Trainingskursen erlernt werden. Der Umweltpsychologe geht davon aus, dass es diese Bildung auf breiter Ebene in der Gesellschaft bräuchte, um sich von der derzeit herrschenden Konsumgesellschaft loszusagen.

Ein genügsamer Lebensstil ist wohlgemerkt keineswegs per se mit dem Schmerz des Verzichts verbunden. Das zeigt die psychologische Forschung der vergangenen Jahre. Das Weglassen kann vielmehr sogar befreiend wirken und zu mehr Wohlergehen und Lebenszufriedenheit führen, hat etwa die Nachhaltigkeitsforscherin Annette Jenny von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften herausgefunden. Besonders, wenn der Verzicht auf Güter und Dienstleistungen freiwillig erfolgt und nicht durch finanzielle Not erzwungen ist, wird er als positiv erlebt. Zur Zufriedenheit gesellen sich dann Stolz und das Gefühl der Autonomie, ein selbst gestecktes Ziel erreicht zu haben. Konsumverzicht, besonders der Verzicht von Erlebniskonsum, also etwa dem Besuch eines Freizeitparks , kann auch weniger Stress und mehr Zeit bedeuten, sagt Jenny. Das gute Gefühl der guten Tat verstärkt sich noch, wenn der Lebenssinn die Nachhaltigkeit beinhaltet.

 

Eine Gemeinschaft Gleichgesinnter beflügelt

Eindeutig zeigt Jennys Forschung auch, dass die Einbettung in eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die ebenfalls nachhaltig leben, beflügelnd wirkt. Sie bestärken sich gegenseitig und fühlen sich gewissermaßen zusammen gut.

Der Weg zu einem nachhaltigen Leben ist allerdings ein Prozess und kein Schalter, den man von heute auf morgen umlegt, betont Hunecke. „Allein die Motivation, zugunsten des Erdklimas kein Fleisch mehr zu essen, reicht nicht. Man muss dann gezielt planen, was man stattdessen isst: Fleischersatzprodukte und Hülsenfrüchte etwa und wie man sie zubereitet.“ Dann müsse man sie auch tatsächlich kaufen. Und dann im nächsten Schritt muss diese Wahl Routine werden. Darin liegt ein Knackpunkt, denn die meisten unserer Handlungen sind von Routinen bestimmt, sonst wären wir in unserer komplexen Welt überfordert. „Unsere Aufgabe ist es, diese Routinen kollektiv anders auszurichten, weg vom Konsum hin zu einem selbstgenügsamen Lebensstil.“

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