Gesundes Leben, Medizin, Pflege

Wie empfinden Menschen Gefühle und was sind Gefühle eigentlich?

28.07.2022
Kurz und knapp

Gefühle machen Entscheidungen irrational, das war die längste Zeit Konsens. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Man hat festgestellt, dass Menschen, die aufgrund einer Erkrankung keine Gefühle mehr empfinden können, keine besseren Entscheidungen treffen, sondern oft gar keine. Gefühle werden heute als mächtige Bewertungssysteme geschätzt, die uns helfen, schnell zu verstehen was los ist und was wir tun sollten.

Ein schwieriger Forschungsgegenstand

Auch wenn immer klarer wird, was wir an unseren Gefühlen haben, die Forscherinnen und Forscher haben es mit ihnen bis heute nicht leicht. So gibt es zum Beispiel keine Definition von Gefühlen, auf die sich alle geeinigt hätten. Das liegt vor allem daran, dass Menschen Gefühle unterschiedlich erleben und sie sprachlich kaum objektiv beschreiben können. Das ist keine gute Basis für eine wissenschaftliche Untersuchung.

Ganz allgemein sind Gefühle subjektive Erlebnisse, Wahrnehmungen davon, wie der Körper auf Ereignisse oder Situationen reagiert: die Freude über den unerwarteten Besuch oder der Ärger über die fallen gelassene halbvolle Kaffeetasse. Damit unterscheiden sich Gefühle als eher kurzfristige Phänomene von den eher langfristigen und nicht unbedingt anlassbezogenen Stimmungen: Heute bin ich nicht so gut drauf.

Um zumindest ein wenig Ordnung zu schaffen, haben Forschende verschiedene Klassifikationen entwickelt. Verbreitet, aber nicht unumstritten, ist etwa die Unterscheidung von (mal fünf, mal sieben, mal neun) Grundgefühlen oder Basisemotionen wie Freude, Angst, Wut oder Ekel, die klar unterscheidbar sind und bei allen Menschen aller Kulturen vorkommen sollen, sowie davon abgeleiteten Zwischenformen.

Gefühle, Emotionen und somatische Marker

Neuere Ansätze versuchen, Gefühle eher über die körperlichen Prozesse, die ihnen zugrunde liegen, zu unterscheiden und zu untersuchen, als über die schlecht zu beschreibende Erlebnisqualität. Der US-amerikanische Neurobiologe Antonio Damasio hat viel Aufmerksamkeit für seine Unterscheidung von Gefühlen und Emotionen gefunden. Damasio bezeichnet die Prozesse, die im Körper ablaufen, wenn wir etwa durch eine dunkle Unterführung gehen und Schritte hinter uns hören, als Emotionen. Hierzu gehören etwa Veränderungen im Blutdruck, die Freisetzung von Hormonen oder geweitete Pupillen. Diese Reaktionen laufen automatisch ab und haben eine lange evolutionäre Geschichte. Wir teilen sie mit vielen anderen Arten von Lebewesen. Gefühle sind für Damasio hingegen die Art und Weise, wie sich diese Prozesse für uns anfühlen, wie sie uns bewusst werden.

Emotionen sind für Damasio somatische Marker, also eine Art Kennzeichnung, mit der der Körper bestimmte Erfahrungen versieht. Diese können dann aus der Erfahrung abgerufen werden, wenn man in eine ähnliche Situation gerät. Unbewusst stellt der Körper damit eine Art kondensierte Erfahrung bereit, die uns hilft, Situationen schnell zu beurteilen.

Emotionen und das Gehirn

Emotionen entstehen im limbischen System, einem evolutionär alten Teil des Gehirns. Steht man etwa beim Wandern im Wald plötzlich vor einer Schlange, reagiert der Körper auf zwei Wegen: Über den Thalamus, der die Eindrücke aus den meisten Sinnesorganen sammelt, gelangen Information zur Amgydala, einem Teil des limbischen Systems, die eine erste blitzschnelle Bewertung vornimmt. Im Fall der Schlange bereitet der Körper sich so bereits auf eine Notfallreaktion vor, bevor wir richtig mitbekommen haben, was los ist, und bevor wir überhaupt Zeit hatten, Angst zu bekommen.

Auf einem zweiten, längeren neuronalen Weg wird die Situation genauer analysiert und mit Erfahrungen und Erinnerungen zusammengebracht. Hier kann man noch einmal kurz nachdenken, ob wegzulaufen jetzt wirklich die beste Option ist, und die erste Panik vielleicht unterdrücken.

Dieser längere Weg führt auch über den präfrontalen Kortex. Nur Emotionen, die diesen Weg nehmen, werden uns bewusst.

Und wozu das Ganze?

Der größte Teil der Bewertungsprozesse, die pausenlos im Körper ablaufen, bleibt uns unbewusst. Bewusste Gefühle hingegen drängen sich mit Macht in den Vordergrund, lenken unsere Aufmerksamkeit und verändern die Art, wie wir entscheiden und reagieren. Sie sagen uns, was wirklich dringend ist und was warten kann. Alles, was mit Gefühlen einhergeht, hinterlässt in unserem Gedächtnis tiefe Spuren.

Der evolutionäre Nutzen der Gefühle ist leicht einsehbar: Sie lassen uns Dinge suchen, die uns Vergnügen bereiten und uns vermutlich nützen – Erdbeerkuchen mit Schlagsahne! –, und Dinge meiden, die gefährlich sind – dunkle Unterführungen, Schlangen – oder eklig und vielleicht verdorben und ungesund – Igitt, Schimmel auf dem Joghurt!

Die grundlegende Frage, wie bewusste Empfindungen überhaupt entstehen, ist bis heute nicht beantwortet. Sicher ist allerdings, dass ein Leben ohne Gefühle eine ziemlich fade Sache wäre.

Infotext zu bewussten Gefühlen auf DasGehirn.info

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