Umwelt, Klima, Erde, Universum

Wie finden Eichhörnchen ihre
Vorräte wieder? Können sie denken?

08.07.2022
Kurz und knapp

Tausende von Nüssen und anderer Früchte horten Eichhörnchen für den Winter. Dabei gehen sie mit System vor, wie Forschende festgestellt haben. Die Nager ordnen ihre Vorräte verschiedenen Kategorien zu, die sie an separaten Orten vergraben. Das hilft ihnen wahrscheinlich beim Erinnern. Und es ist eine beachtliche kognitive Leistung, die sich durchaus als eine Form des Denkens bezeichnen lässt.

Verstecken und memorieren

Bereits im Spätsommer beginnt das emsige Treiben. Eichhörnchen sammeln und verstecken Vorräte, um den Winter gut zu überstehen. Ein einzelnes Tier kommt dabei auf bis zu 10.000 Nüsse, die es an verschiedenen Stellen deponiert. Dafür leisten die kleinen Baumbewohner nicht nur Muskelarbeit, sondern investieren auch einiges an Hirnschmalz. Denn sie arbeiten mit System – und erinnern sich später an ihre Verstecke, die sie ganz gezielt aufsuchen.

Das haben die US-amerikanischen Forscherinnen Lucia Jacobs und Emily Liman 1991 festgestellt. In einem Experiment ließen sie nacheinander Eichhörnchen in einem abgegrenzten Areal zehn Nüsse verstecken. Die Forscherinnen buddelten die Schalenfrüchte anschließend wieder aus und markieren die Verstecke auf einer Karte. Nach einigen Tagen vergruben sie für jedes Eichhörnchen erneut Nüsse: zehn in deren eigenen Vorratskammern und weitere zehn in den Verstecken anderer Tiere. Anschließend setzten die Forscherinnen die Nager wieder einzeln ins Gelände, wo sie sich auf die Suche nach ihren Leckerbissen machten – und zwar gezielt in ihren eigenen Verstecken. Die Nüsse in den Vorratsspeichern der Artgenossen ignorierten sie dagegen.

Horten mit System

Vermutlich stützen sich Eichhörnchen für diese Gedächtnisleistung auf ein System. So stellte Jacobs 2017 fest: Die puscheligen Nager verstecken ihre Vorräte nicht willkürlich, sondern sortieren sie nach Sorten oder Größe. Möglicherweise dient dieses Kategorisieren auch als Gedächtnisstütze. Das hilft ihnen letztlich beim Überleben. Denn je flotter Eichhörnchen im Winter ihre Vorräte wiederfinden, desto schneller sind sie zurück im sicheren Nest.

Jacobs ist überzeugt, dass die Tiere eine Art Karte im Kopf kreieren. Und dass die Eichhörnchen dabei sogar an Gehirnvolumen zulegen.

Denken ist eine Frage der Definition

Sicher ist: Die kleinen Nager vollbringen beim Verstecken und Wiederfinden ihrer Vorräte eine beachtliche kognitive Leistung. Doch können sie denken? Das ist in gewisser Weise Definitionssache. Platon definiert das Denken als Dialog zwischen der Vernunft mit sich selbst. Für Descartes ist es „alles, was derart in uns geschieht, dass wir uns seiner unmittelbar aus uns selbst bewusst sind“.

Für die meisten Menschen ist Denken daher etwas, zu dem scheinbar nur unsere Spezies in der Lage ist. „Nun ist es aber so, dass in der Wissenschaft Denken graduell betrachtet wird“, sagt Karsten Brensing, Verhaltensbiologe und Autor, in einem Interview mit der taz. „Es sind bestimmte Funktionen und Prozesse in unserem Nervensystem.“ Die einfachste Form ist die Objektpermanenz.

Demnach kann allein die Tatsache, dass Eichhörnchen wissen, dass eine vergrabene Nuss noch da ist, schon als Denken gelten. Dass sie darüber hinaus auch noch kategorisieren können, ihre Vorräte systematisch verstecken und sich später an die Verstecke erinnern, lässt zu dem Schluss kommen: Eichhörnchen denken – wenn auch sehr wahrscheinlich nicht wie Menschen. 

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