Gesundes Leben, Medizin, Pflege

Wie kann unsere Gesellschaft beeinträchtigte Menschen besser inkludieren?

22.07.2022
Kurz und knapp

Jeder ist anders – und das ist gut so. Menschen mit Behinderungen und anderen Beeinträchtigungen sind Teil der menschlichen Vielfalt und nicht Abweichung von einer Norm. Und sie haben das Recht, als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied an der Gesellschaft teilzunehmen. Wie sich das erreichen lässt, hängt von der Art der Beeinträchtigung ab, aber auch vom Lebensbereich, um den es für den Einzelnen geht.

Die hier beantwortete Frage wurde eingereicht von Matthias Weinert, einem unserer „Fragenden im Porträt“. Welche Geschichte hinter der Frage steckt und was Herr Weinert motivierte, sie zu stellen, erfahren Sie hier.

Vielfalt als Herausforderung

Jeder ist anders – und hat das Recht auf gleiche Teilhabe. So könnte man den Grundgedanken der Inklusion auf eine einfache Formel herunterbrechen. Inklusion bedeutet nicht, Menschen oder Gruppen besondere Leistungen oder Vorteile einzuräumen. Vielmehr geht es darum, dass jedes Individuum als gleichberechtigtes und vollwertiges Mitglied an der Gesellschaft teilnehmen kann – unabhängig von gesundheitlichen Voraussetzungen oder Beeinträchtigungen. Menschen mit Behinderungen sind Teil der menschlichen Vielfalt und nicht Abweichung von einer Norm.

„Für die wissenschaftliche Diskussion besteht hier allerdings die Herausforderung, dass durch die Gleichstellung die Sichtbarkeit von faktischen Behinderungen im Sinne von Benachteiligungen nicht verloren gehen darf“, sagt Gudrun Wansing, Direktorin des Zentrums für Inklusionsforschung Berlin. „Denn dies könnte den vorhandenen Unterstützungsbedarf in Frage stellen.“ Unterstützung – finanzieller Art aber auch in Form von Sachmitteln, Baumaßnahmen oder Assistenz – ist für Inklusion jedoch unverzichtbar.

Inklusion ist in Deutschland ein gesellschaftliches und politisches Ziel. Seit 1994 steht im Grundgesetz: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Seit 2009 gilt bei uns zudem die UN-Behindertenrechtskonvention. Mit deren Unterzeichnung haben sich 175 Staaten weltweit dazu verpflichtet, den im Menschenrecht begründeten Grundsatz der Inklusion umzusetzen.

Vielfalt als Herausforderung

Laut Teilhabebericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) leben in Deutschland mehr als 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung. Dazu zählen nicht nur Menschen mit einer anerkannten Behinderung (rund 10,4 Millionen) oder einer Schwerbehinderung (rund 7,9 Millionen). Auch psychische oder chronische Erkrankungen sind Beeinträchtigungen, die zudem immer größere Anteile der Bevölkerung betreffen.

Die Vielfalt der Beeinträchtigungen und Behinderungen ist eine der großen Herausforderungen für die Inklusion. „Bei der Frage, was die Gesellschaft tun kann, müssen wir die Art der Beeinträchtigung und die unterschiedlichen Umweltfaktoren berücksichtigen“, so Wansing. Während Rollstuhlfahrrinnen und -fahrer etwa barrierefreie Einstiege in Busse brauchen, erfordern beispielsweise psychische Erkrankungen ein Arbeitsumfeld, das auch eine Beschäftigung bei schwankender Leistungsfähigkeit erlaubt. Personen mit kognitiven Einschränkungen benötigen etwa Informationen in einfacher Sprache, Blinde in Braille-Schrift, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Bedarf bestimmt die Maßnahme ebenso wie der Lebensbereich, um den es geht. Barrierefreier Zugang zu Gebäuden oder Informationen erfordern anderes Handeln als die Teilhabe am politischen oder kulturellen Geschehen. Ausbildung und Arbeitsleben sind wiederum ein eigener Bereich, in dem die Rehabilitationswissenschaftlerin Wansing forscht. In Deutschland sei bereits viel politische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf inklusive Bildung in der Schule gelegt worden. „Der Übergang von der Schule in den Beruf stellt jedoch eine große Lücke dar“, sagt sie. Wie finden Schulabgängerinnen und -abgänger mit Beeinträchtigungen einen Ausbildungs- und anschließend einen Arbeitsplatz? Wie können sie sich auf den Arbeitsmarkt vorbereiten?

„Hier herrscht oft ein großes Informationsdefizit, sowohl bei Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen als auch bei Arbeitgebern und Ausbildern, gerade im Bereich der kleinen und mittleren Betriebe“, sagt Wansing. Denn tatsächlich stehen Gelder und Unterstützungsdienste zur Verfügung, um etwa Arbeitsplätze umzurüsten, eine Arbeitsassistenz bereitzustellen oder eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit betriebswirtschaftlich abzufedern. Das ist aber oftmals nicht in ausreichendem Maße bekannt. Es gilt also zurzeit vor allem Mittel und Wege zu finden, diese Möglichkeiten besser zu kommunizieren.

Inklusion bei Beratung und Entscheidungen

„Wichtig für diesen Informationsfluss ist auch die Peer-Beratung“, sagt Wansing. Das heißt, Menschen mit Beeinträchtigungen beraten Menschen mit Beeinträchtigungen – so etwa bundesweit in den Beratungsstellen der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB). 

Das entspricht auch der Haltung des Deutschen Behindertenrats, der unter dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ fordert, dass Menschen mit Behinderungen bei allen sie betreffenden politischen Vorhaben über die sie vertretenden Verbände verbindlich zu beteiligen sind. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention beinhaltet diesen Anspruch mit dem explizit formulierten Partizipationsgebot.

Wie Partizipation gerade im öffentlichen und politischen Bereich gelingen kann, ist aktuell noch in vielen Aspekten offen. Hier sind Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen vor allem über Interessensverbände vertreten. Im Parlament sind Menschen mit Behinderungen deutlich unterrepräsentiert: Von den Abgeordneten im Deutschen Bundestag haben laut einer Recherche der Süddeutschen Zeitung gerade mal 3,3 Prozent eine Behinderung. Demgegenüber steht ein Anteil von 9,9 Prozent Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft. Diese Problematik besteht ähnlich für Geschlechterverteilung, sexuelle Orientierung und Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Religionen. Damit die Parlamente zu einem echten Abbild der Gesellschaft werden können, wäre eine entsprechende Repräsentanz sinnvoll, um dann auch noch mehr Teilhabe zu realisieren. Darüber hinaus braucht es weitere Inklusionsforschung, wie genau diese Teilhabe ermöglicht und ausgestaltet werden kann.

Die Seite der Aktion Mensch bietet viele Infos über Inklusion. 

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