Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Sicherheit

Wie könnte eine Welt ohne Geld funktionieren?

27.06.2022
Kurz und knapp

Geld hat viele schädliche Nebenwirkungen, auf unsere Gesellschaft wie auf die Umwelt. Doch würden wir das Geld abschaffen, wären wir keineswegs besser dran. Im Gegenteil: Erst die Erfindung des Geldes hat unsere Zivilisation ermöglicht. Unter bestimmten Umständen ist eine Welt ohne Geld dennoch denkbar. Sie wäre gerechter und ressourcenschonend. Allerdings liegt sie noch in ferner Zukunft.

Niemand strebt nach Profit, alle bekommen, was sie benötigen

Im Kosmos der Science-Fiction-Reihe „Star Trek“ ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Gesellschaft ohne Geld funktioniert. Der Grund liegt im technischen Fortschritt, der Armut, Hunger, Überbevölkerung und Krankheit überwunden hat. Niemand strebt mehr nach Profit, jedem wird das zugeteilt, was er für ein erfülltes Leben benötigt. Fest installierte Maschinen, Replikatoren genannt, liefern die gewünschten Mahlzeiten und Gebrauchsgegenstände frei Haus, Konsum ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zusammenspiel von Molekülen und der erforderlichen Energie, um sie richtig anzuordnen. Roboter übernehmen ungeliebte Tätigkeiten, niemand ist mehr gezwungen zu arbeiten. Dennoch tut es jeder und jede, um den eigenen Interessen nachzugehen, persönliche Erfüllung zu finden und einen Dienst an der Gemeinschaft zu leisten.

Genau so kann eine Welt ohne Geld funktionieren. Die Sache hat nur einen Haken: Es ist eine Utopie.

Erst Geld machte Zivilisationen möglich

Denn Geld ist zwar ein Fluch, doch zugleich auch ein Segen. Natürlich: Gier ist eine der größten Geißeln der Menschheit und nirgends manifestiert sie sich deutlicher als im Anhäufen von Reichtümern. Geld hat keinen abnehmenden Grenznutzen, wie es Georg Simmel 1900 in seiner „Philosophie des Geldes“ formulierte. Anders ausgedrückt: Geld kann man nie genug haben.

Doch ohne Geld gäbe es kein Sparen, keine Zukunftsvorsorge, kein Investieren. Handel wäre ohne Geld nahezu unmöglich, denn wer eine bestimmte Sache haben möchte, müsste unter Umständen lange nach jemandem suchen, der genau die Sache im Tausch annehmen würde, die er oder sie im Gegenzug anzubieten hat. Arbeitsteilung, Spezialisierung, rationelle Produktion haben Geld als gemeinsamen Nenner, als universelles Ausgleichsmedium. Geld, auch geliehenes, hilft uns, heute Dinge zu tun, die morgen erst Ertrag haben werden.

Einigen Ökonomen wie dem US-Amerikaner William Goetzmann zufolge konnten erst durch das Geld höhere Zivilisationen entstehen, Produktivität und Wohlstand wachsen und mit ihnen die Bevölkerung.

Ohne Geld wären wir fremdbestimmter

Auch die Idee, dass wir ohne Geld freier wären, würde sich als Trugschluss entpuppen. Denn irgend jemand oder eine Institution müsste bestimmen, was unsere Bedürfnisse sind und uns die Güter entsprechend zuteilen, es wäre eine Art Planwirtschaft. Was aber ist mit raren Gütern, wenn die Nachfrage deutlich höher ist als das Angebot? Wer beurteilt die Dringlichkeit? Eine Vetternwirtschaft wäre zu befürchten, wenn einige wenige über die Verteilung bestimmen.

Wohl seit es Geld gibt, existiert auch der Traum von seiner Abschaffung. Schon Platon hätte am liebsten den „Besitz von Gold oder auch nur Silber“ untersagt. Der englische Staatsmann Thomas Morus dachte sich 1516 eine Welt aus, in der Gold und Silber gerade gut genug für Nachttöpfe waren, weil Geld den Menschen verderbe. Im 19. Jahrhundert war der Roman „Die Reise nach Ikarien“ des Franzosen Étienne Cabet populär, in der er eine Welt ohne Geld und Eigentum beschreibt. Heute vertritt der US-Ökonom Jeremy Rifkin die These, dass durch einen weiterentwickelten 3D-Druck die Konsumenten in die Lage versetzt werden, sich alle ihre Güter selbst herzustellen. Der deutsche Manager Stefan Heidenreich glaubt, dass Algorithmen und künstliche Intelligenz die Koordination unserer Wünsche und Bedürfnisse übernehmen und dadurch Geld überflüssig machen könnten. Unternehmen wie Amazon und Google kennen ohnehin bereits fast alle Wünsche ihrer Kunden.

Womit wir wieder bei „Star Trek“ angekommen sind. Eine Serie, die sich in vielen Punkten als visionär erwies. Vielleicht eines fernen Tages ja auch in diesem Punkt.

Das Verbundprojekt „Die Gesellschaft nach dem Geld“ erforscht die Möglichkeiten gesellschaftlicher Koordination jenseits von Geld, Markt und Staat. Mehr Information dazu finden Sie hier

 

Inspirierende Fragen

1 Artikel  ·  Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Sicherheit
Anonym25.03.2022

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