Kultur, Wissen, Bildung

Wie lassen sich Kunst, Kultur und Natur volkswirtschaftlich beziffern?

26.07.2022
Kurz und knapp

Immaterielle Wirtschaftsgüter kennt die Volkswirtschaft schon lange. Allerdings sind damit traditionell Patente, Nutzungsrechte, Vorkaufsrechte oder der Kundenstamm gemeint. Die Natur und ihr Nutzen für den Menschen fanden mit dem Konzept der Ökosystemdienstleitungen erst um die Jahrtausendwende Eingang in die Volkswirtschaft.

Die hier beantwortete Frage wurde eingereicht von Antje Hinz, einer unserer „Fragenden im Porträt“. Welche Geschichte hinter der Frage steckt und was Frau Hinz dazu motivierte, sie zu stellen, erfahren Sie hier.

Wie berechnet man den Wert der Natur?

Sauberes Wasser, gute Böden, Artenvielfalt: Längst ist klar, dass die Natur keine unendliche Ressource darstellt, die man nach Belieben nutzten kann. Um den Menschen bewusst zu machen, dass eine intakte Natur für uns lebenswichtig ist, prägten Naturschützer und Naturschützerinnen bereits in den 1970er Jahren den Begriff „ecosystem services“, also Dienstleistungen, die Ökosysteme für uns erbringen. Dazu zählen etwa das Bestäuben von Obstbäumen durch Bienen, aber auch die Reinigung des Wassers beim Sickern durch Bodenschichten, die Absorption von Kohlendioxid in Mooren oder die Produktion von Sauerstoff durch Grünpflanzen.

Damit Märkte solche Leistungen – und die Kosten, die entstehen, wenn diese Leistungen ausbleiben – berücksichtigen können, so die Idee, müssen die Leistungen in die einzige Währung umgerechnet werden, die Märkte verstehen: Geld. Erst wenn Ökosystemdienstleitungen als Kostenfaktoren begriffen werden, können sie Eingang in ökonomischen Theorien und Überlegungen finden.

Ende der 1990er Jahre unternahmen es Forscherinnen und Forscher um Robert Cosantza von der University of Maryland, den ökonomischen Wert aller Ökosystemdienstleitungen zu berechnen. Für die gesamte Biosphäre kamen sie auf einen Wert von 16 bis 54 Billiarden US-Dollar pro Jahr (das weltweite Bruttoinlandsprodukt betrug 2020 etwa 85 Billionen US-Dollar – also einen Bruchteil davon). Die Autoren und Autorinnen schätzten den Wert selbst als unsicher, aber eher zu niedrig als zu hoch ein. Ihnen ging es vor allem darum, das Bewusstsein für den Wert dessen zu steigern, was die Natur für uns tut. Zumal dies bei ökonomischen und politischen Entscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt werde.

Inzwischen hat sich das Konzept „Ökosystemdienstleistungen“ etabliert und zum Beispiel auch Eingang in das Millennium Ecosystem Assessment, eine von der UNO initiierte Studie zum globalen Zustand wichtiger Naturräume, gefunden.

Von Ökosystemdienstleitungen zur Umweltökonomik

Politisch gesteuert können nun Märkte entstehen, auf denen Ökosystemdienstleitungen gehandelt werden. So bekommen sie einen Preis und gehen in Finanzplänen ein. Landbesitzer und Landbesitzerinnen etwa können dafür entlohnt werden, dass sie Moore auf ihrem Land nicht trockenlegen, Land brach liegen lassen oder Maßnahmen zum Hochwasserschutz ergreifen. Denn dadurch können diese Naturflächen auch weiterhin Dienstleistungen für alle Menschen erbringen.

Nachdem anfänglich bemängelt wurde, das Konzept sei zu vage, hat man die Ökosystemdienstleistungen inzwischen in verschiedene Kategorien – bereitstellende, regulierende und kulturelle Dienstleistungen – eingeteilt. Zudem wurden verschiedene Analyse-Verfahren entwickelt, um zu bestimmen, welche Kosten Handlungen verursachen, die diese Leistungen beeinträchtigen.

Kritisiert wird das Konzept aber nach wie vor: Dass sich der Geldwert von Ökosystemdienstleistungen kaum objektiv bestimmen lasse, dass ihm ein menschenzentrierter Naturbegriff zugrunde liegt, dass Aspekte wie Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit nicht berücksichtigt werden, wenn einfach gefragt wird, was ein Obstbauer für die Bestäubung seiner Bäume zu zahlen bereit wäre. Außerdem sei es kaum möglich, die Auswirkungen von Maßnahmen auf verschiedene Ökosystemdienstleistungen abzuwägen. Zudem leiste eine solche Umrechnung von Natur in Geld dem neoliberalen Verständnis Vorschub, für Geld sei alles zu kaufen.

Dennoch ist inzwischen mit der Umweltökonomik eine eigene Disziplin entstanden, die ökonomisch betrachtet, wie Umweltprobleme behoben werden können. Neben das Bruttoinlandsprodukt ist ein Ökoinlandsprodukt getreten. Auch die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes wird nun durch eine umweltökonomische Gesamtrechnung ergänzt. Sie soll zeigen, wie stark die Natur von der Wirtschaft beansprucht wird und welche Kosten nötige Gegenmaßnahmen verursachten.

Die Frage, wie die Natur volkswirtschaftlich am besten eingepreist werden kann, ist bislang nicht abschließend beantwortet.

Grasland-Management als Beispiel

Letztlich müssen solche eher allgemeinen Überlegungen in konkreten Projekten ausgearbeitet werden. Ein Beispiel dafür ist Life Viva Grass: In dessen Rahmen wurde ein Planungstool für das Management von ökologisch wertvollem Grasland in Estland, Lettland und Litauen entwickelt. Es soll helfen, Entscheidungen so zu treffen, dass sowohl Heu für die Tierhaltung, Biomasse für die Energieproduktion und Heilkräuter gewonnen werden können und zudem Wasserregulation, Erhalt der Bodenqualität und eine ansprechende Landschaft für Erholung und Tourismus berücksichtigt werden.

Strittig bleibt, ob es zu alledem so etwas wie kulturelle Ökosystemdienstleitungen geben kann, etwa den ästhetischen Genuss des mitteleuropäischen Mischwaldes. Und auch eine kulturökonomische Gesamtrechnung lässt noch auf sich warten.

Die Monetarisierung von Kunst und Kultur

Zur Bewertung von Kunst und Kultur hat es sich indes durchgesetzt, die Aktivitäten der Kulturschaffenden unter der Bezeichnung „Kultur- und Kreativwirtschaft“ volkswirtschaftlich zu bewerten. Dabei zeigt sich, dass dieser Bereich mit einer weltweiten Bruttowertschöpfung von 106,4 Milliarden Euro, etwa 258.790 Unternehmen und 1,236 Millionen Beschäftigten im Jahr 2019 einen enormen Wirtschaftsfaktor darstellt. Der Umsatz war etwas geringer als der des Maschinenbaus aber größer als etwa der von Finanzdienstleistern.

Unter anderem die UNESCO macht sich für den Erhalt von immateriellem Kulturerbe stark, ohne dass dies aber in Finanzplänen seinen Niederschlag fände.

Letztlich bleibt die Monetarisierung von Natur, Kunst und Kultur eine Hilfskonstruktion, damit Güter, die sich kaum in Geld ausdrücken lassen, nicht aus dem Blick geraten bei Entscheidungen, wo vor allem nach Gewinn und Verlust gefragt wird.

Hier finden Sie die Website der Grasland-Initiative. 

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