Wissenschaftsjahr 2007 - Utopie

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Utopie

In einer Ballade mit dem Titel "Wir sind frei" fragt die deutsche Popgruppe Blumfeld ihre Zuhörer: "Bist du bereit für eine kleine Utopie?" Das Lied wurde im Jahr 2003 geschrieben. Es trifft mit seiner vorsichtigen Zurückhaltung die Situation auf den Punkt: Selbst kleine Utopien werden zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit einem Fragezeichen versehen.

Einige Jahrzehnte zuvor stand hinter der Utopie noch ein Ausrufezeichen und sie konnte gar nicht groß genug sein. In den fünfziger, vor allem aber den sechziger Jahren wurde die westliche Welt von einer Aufbruchstimmung erfasst. Technische Utopisten träumten von vollautomatischen Wohn- und Arbeitswelten, von Kapselhäusern und von fliegenden Autos, deren Verwirklichung nur eine Frage von wenigen Jahren zu sein schien. Mit nur leichter Verspätung wurde die Utopie zum Forschungsgegenstand: Anfang der achtziger Jahre widmete sich eine gewichtige interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Utopie. Die von dem Literaturwissenschaftler Wilhelm Voßkamp edierten Dokumentationsbände zur Arbeit dieser Forschergruppe sind bis heute instruktiv.

Im politischen Wortschatz der Studentenbewegung der 1960er Jahre nahm die Utopie ebenfalls einen zentralen Platz ein. Nur war selbst den prägnantesten Sprüchen dieser Zeit – „Utopie ist machbar, Herr Nachbar!“ – der Widerstand anzumerken, mit der jede Utopie sich dagegen sträubt, "machbar" zu werden. Die Frage, ob und wie eine Utopie zur Realität werden kann, ist mindestens so alt wie das gleichnamige Buch, das der englische Philosoph und Theologe Thomas Morus im Jahr 1516 verfasst hat. Morus schildert darin nicht nur den Inselstaat Utopia und seinen Gründer Utopos, sondern kritisiert im ersten Teil des Buches die sozialen Verhältnisse in England. Morus beendet seinen Reisebericht, der detailliert erkundet, wie das Glück im Diesseits verwirklicht werden kann, mit der Feststellung, "daß es im Staate der Utopier sehr vieles gibt, was ich unseren Staaten eher wünschen möchte als erhoffen kann". Wie weit der Wunsch von der Wirklichkeit entfernt ist, lässt Morus bereits im Titel anklingen. "Utopia" kann entweder als "Nicht-Ort" oder als "Glücklicher Ort" gelesen werden.

Die Utopie wurde zum literarischen Gattungsbegriff, sah sich jedoch schnell der Kritik ausgesetzt, in eine Phantasie zu flüchten, die aus Gründen wie "der natürlichen Verderbniß der Menschen in der Welt nicht [möglich] ist", wie es im "Zedler" heißt, dem ersten deutschen Lexikon, das von 1732 an erschien.

Eine besondere Brisanz erreichte die Diskussion Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Wortführer des frühen Sozialismus wurden nicht nur von ihren Gegnern als Utopisten abgewertet, sondern brachten den Vorwurf auch gegeneinander in Stellung. Karl Marx machte kein Hehl aus seinem "Widerwillen gegen [...] den schafsköpfigen, sentimentalen, utopischen Sozialismus" seiner Zeitgenossen. Statt den Menschen vorzuschreiben, was bloß der "Hirntätigkeit eines einzelnen Pedanten" entsprungen sei, sahen es Karl Marx und Friedrich Engels als ihre Aufgabe, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Zwar lassen sich vereinzelte Textstellen finden, in denen Marx und Engels das im Kommunismus anbrechende "Reich der Freiheit" beschreiben. Doch die "Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" (Friedrich Engels, 1880) bietet wenig Stoff für utopische Reisen nach dem Vorbild von Thomas Morus’ "Utopia".

Erst im zwanzigsten Jahrhundert versuchen Philosophen wie Karl Mannheim und Ernst Bloch der Utopie wieder einen legitimen Platz im Wünschen und Hoffen der Menschen zuzuweisen. Mit dem Begriff der "konkreten Utopie" setzte sich Bloch über Marx’ Utopieverbot hinweg und verlagert die Keimzelle utopischen Denkens in den Bereich der Alltagserfahrung. Dort werde sichtbar, dass "das Utopische [...] das Charakteristikum des Menschen [ist]". Doch die "konkrete Utopie" erfülle sich nicht automatisch. Es gelte, so Bloch bei seiner Tübinger Antrittsvorlesung im Jahr 1961, der alte Spruch: "Hoffen und harren macht manchen zum Narren."


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