Veith von Hahn, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Köln
„Unser Ziel ist es, Betroffenen die Rückkehr in einen selbstbestimmten Alltag zu ermöglichen [...].“
Einleitung
Orthesen sind äußerlich getragene medizinische Hilfsmittel, die – anders als Prothesen – keine fehlenden Körperteile ersetzen, sondern vorhandene, aber funktionsgestörte Gliedmaßen unterstützen. In Bezug auf die Arme bieten aktive, motorbetriebene Systeme ein enormes Potenzial, um Menschen mit Armlähmungen im Alltag spürbar zu entlasten. Doch die bisherigen Systeme stoßen oft an ihre Grenzen, da sie nicht für alle Patientinnen und Patienten geeignet sind.
Genau diese Versorgungslücke will das Team um Veith von Hahn an der Technischen Hochschule Köln schließen. Für den Ingenieur ist die Entwicklung neuer Armorthesen nicht nur ein wissenschaftliches Forschungsfeld, sondern auch ein Projekt mit hohem Alltagsbezug. Welche Rolle seine eigene Biografie auf diesem Weg spielt und wie die Hightech-Versorgung von morgen aussieht, erzählt Veith von Hahn im Interview.

Woran arbeiten Sie gerade?
Zusammen mit meinem großartigen Team arbeite ich an der Entwicklung einer interaktiven, funktional anpassbaren Armorthese. Sie soll dazu dienen, gelähmte Armfunktionen wiederherzustellen. Unser Ziel ist es, Betroffenen die Rückkehr in einen selbstbestimmten Alltag zu ermöglichen und sie bei der Rehabilitation zu unterstützen.
Das Besondere an unserem System ist neben dem Funktionsumfang und der innovativen Steuerung die hohe Individualisierbarkeit. Sie ermöglicht es, Defizite bei der Nutzung von Orthesen gezielt auszugleichen und auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Im aktuellen Förderprojekt ExoAssist arbeiten wir bis Mitte 2028 an der Technischen Hochschule Köln daran, den aktuellen Prototypen in Richtung Produktreife weiterzuentwickeln. Künftig soll das Orthesensystem den Patientinnen und Patienten im Alltag zur Verfügung stehen.

Was inspiriert Sie, in Ihrem Fachbereich zu forschen?
Meine Inspiration kommt durch meine eigene Betroffenheit. Nach meinem Studium erlitt ich durch einen schweren Verkehrsunfall eine vollständige Lähmung meines linken Arms. Während der Rehabilitation stellte ich fest, dass es für meinen Fall kaum geeignete Hilfsmittel gibt, um gelähmte Gliedmaßen wie meinen Arm im Alltag wieder einzusetzen.
Diese Versorgungslücke war der Startschuss für die Forschungsarbeit. Zusammen mit meinem Masterarbeitsbetreuer Prof. Dr. Luderich und der darauffolgenden Verstärkung durch meinen Kommilitonen Benjamin Geiger initiierten wir die Forschungstätigkeit zu diesem Thema. Heute arbeiten wir mit einem siebenköpfigen Team daran, Betroffenen, die unter den täglichen Einschränkungen einer solchen Lähmung leiden, ein Stück Lebensqualität zurückzugeben und technologische Ingenieurskunst in einen messbaren sozialen Mehrwert umzuwandeln.
Was ist Ihre Vision für die Medizin der Zukunft?
Meine Vision für die Medizin der Zukunft ist eine Medizin, die den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt stellt. Intelligente, tragbare Assistenzsysteme wie ExoAssist werden die Therapie nahtlos in das tägliche Leben einfügen. So ermöglichen sie ein dauerhaftes Training. Durch Fortschritte in der Sensorik, Antriebstechnik und Künstlichen Intelligenz (KI) werden Hilfsmittel intuitiv reagieren können. Zudem werden sie in der Lage sein, sich an die individuellen Beeinträchtigungen und gesundheitlichen Fortschritte der Patientinnen und Patienten anzupassen. Zudem werden sie in der Lage sein, sich an die individuellen Beeinträchtigungen und gesundheitlichen Fortschritte der Patientinnen und Patienten anzupassen.
Solche Technologien haben großes soziales Potenzial, weil sie den Betroffenen wieder mehr Selbstbestimmung im Alltag ermöglichen. Damit solche Technologien ihr soziales Potenzial voll entfalten, bedarf es eines ganzheitlichen Innovationsverständnisses, das auch die Regulierungslandschaft einschließt. Rasante Verbesserungen von Hardware und Algorithmen fordern die traditionellen Bewertungsstrukturen heraus. Schaffen wir evidenzbasierte, aber beschleunigte Pfade, wird Hightech vom Privileg zur Selbstverständlichkeit für alle, die auf diese Unterstützung angewiesen sind.