Die Resilienzforschung eröffnet neue Wege, psychische Gesundheit individualisiert zu stärken.
Prävention statt Reparatur
Wie Resilienzforschung dazu beiträgt, psychische Gesundheit zu erhalten, bevor Krankheit entsteht. Ein Beitrag von Prof. Dr. Klaus Lieb.
Einleitung
Resilienz ist mehr als „stark sein“
Stress gehört zum Leben. Wir können Belastungen nicht vollständig vermeiden – aber wir können beeinflussen, wie unser Körper und unsere Psyche damit umgehen. Genau hier setzt die Resilienzforschung an.
Unter Resilienz verstehen wir dabei nicht, dass jemand immer stark, optimistisch oder gut gelaunt sein muss. Resilienz bedeutet vielmehr, die psychische Gesundheit trotz belastender Erfahrungen aufrechtzuerhalten oder nach einer Belastung wiederzugewinnen.
Das ist wichtig, denn psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Gleichzeitig wissen wir heute, dass Menschen sehr unterschiedlich auf dieselbe Belastung reagieren. Manche bleiben weitgehend stabil, andere entwickeln länger anhaltende Beschwerden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was macht den einzelnen Menschen widerstandsfähig – und wie können wir diese Widerstandsfähigkeit gezielt bei jeder und jedem Einzelnen unterstützen?
Von der Reparatur zur Prävention
Unsere Medizin ist traditionell stark darin, Krankheiten zu behandeln, wenn sie bereits entstanden sind. Die Medizin der Zukunft muss aber noch einen Schritt früher ansetzen: bei der Prävention, also der Vorbeugung von Erkrankungen.
Dazu brauchen wir ein besseres Verständnis dafür, was während einer Stresssituation in einem Menschen passiert. Körper, Gehirn, Gefühle und Verhalten arbeiten dabei eng zusammen. Moderne Forschung kann immer mehr dieser Signale genauer erfassen – etwa Schlaf, Herzschlag, hormonelle Reaktionen, Bewegung oder subjektives Stressempfinden.
Das bedeutet nicht den „gläsernen Menschen“. Im Gegenteil: Es geht darum, aus solchen vielfältigen Informationen sinnvolle und verantwortungsvolle Angebote zur Gesundheitsförderung zu entwickeln.
Die richtige Hilfe zur richtigen Zeit
Stellen Sie sich vor, ein digitales System könnte erkennen, dass Sie gerade ungewöhnlich stark unter Stress stehen, obwohl sie es selbst gar nicht wahrnehmen. Es erfasst Informationen zu ihrer körperlichen Verfassung wie Stresshormonspiegel oder Herzaktivität und zu ihrer psychologischen Verfassung. Zugleich weiß es, wie Sie in der Vergangenheit reagiert haben und welche Art von Unterstützung Ihnen früher geholfen hat.
Dann könnte Ihnen dieses System bereits eine Rückmeldung geben, bevor Sie in einen Stresszustand geraten, aus dem Sie vielleicht nicht mehr so leicht rauskommen. Und es könnte Ihnen Vorschläge machen, wie Sie gut mit der Situation zurechtkommen.
Genau diese Entwicklung erforschen wir am Leibniz-Institut für Resilienzforschung: Interventionen sollen künftig viele Daten erheben und daraus personalisierte, also auf den einzelnen Menschen zugeschnittene, Empfehlungen ableiten. Sie sollen berücksichtigen, was gerade passiert, was ein Mensch benötigt, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für Unterstützung ist und ob diese Unterstützung tatsächlich hilft.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem klassischen Resilienztraining. Dafür geht man, allein oder in der Gruppe, zum Beispiel zu einem Psychologen, muss das Gelernte dann jedoch ohne Unterstützung im Alltag umsetzen. Wir nehmen an, dass solche Trainings deshalb nicht die größtmöglichen Effekte haben, weil sie keine Unterstützung direkt in der Stresssituation anbieten.
Resilienzförderung kann helfen – aber sie ersetzt keine guten Lebensbedingungen
Die Resilienz des einzelnen Menschen zu stärken ist ein wichtiges Ziel. Wenn Menschen aber dauerhaft etwa unter zu hoher Arbeitsbelastung, finanzieller Unsicherheit oder fehlender sozialer Unterstützung leiden, kann es nicht allein dem einzelnen Menschen überlassen bleiben, seine psychische Gesundheit zu stabilisieren.
Dann muss auch die Gesellschaft mit Sorge tragen. Gute Beziehungen, sichere Lebensbedingungen, unterstützende Arbeitsplätze und ein erreichbarer Zugang zu medizinischer und psychotherapeutischer Hilfe gehören ebenfalls zu einer resilienten Gesellschaft.
Die Medizin der Zukunft beginnt früher
Die große Chance der Medizin von morgen liegt darin, psychische Gesundheit nicht erst dann zum Thema zu machen, wenn eine Erkrankung entstanden ist.
Wir können früher ansetzen. Wir können Risiken und Belastungen besser erkennen, Schutzfaktoren verstehen und Prävention gezielter anbieten. Und wir können dabei lernen, nicht jedem Menschen dieselbe Intervention zu geben, sondern die Unterstützung stärker an die jeweilige Person und ihre aktuelle Situation anzupassen.
Resilienzforschung verbindet damit Grundlagenforschung mit einer sehr praktischen Frage: Wie können wir Menschen helfen, gesund zu bleiben – gerade dann, wenn das Leben schwierig wird? Wenn uns das gelingt, wird Medizin in Zukunft nicht nur reparieren. Sie wird immer stärker dabei helfen, Gesundheit zu erhalten.
Porträt: Prof. Dr. Klaus Lieb

Prof. Dr. Klaus Lieb
Prof. Dr. Klaus Lieb studierte Medizin und Philosophie und absolvierte seine Facharztweiterbildung in Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg, bevor er 2007 nach Mainz berufen wurde. Dort leitet er an der Universitätsmedizin die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Resilienz, Depressionen und Interessenkonflikte in der Medizin. Er veröffentlichte über 300 wissenschaftliche Publikationen und wurde mehrfach für seine Arbeiten ausgezeichnet.
Aufgabenfelder/Forschungsfeld: Wissenschaftlicher Geschäftsführer, Leibniz-Institut für Resilienzforschung